MAIN-SPESSART

Nach Nationalparkdebatte: Der Blick geht nach vorne

Gerrit Himmelsbach
Gerrit Himmelsbach Foto: Spessartbund

Die Entscheidung ist gefallen: Der Spessart wird nicht dritter Nationalpark in Bayern. Das hat das Kabinett in München am Dienstag entschieden. Während sich der Nationalparkfindungstross nun vor allem der Rhön zuwendet, endet im Spessart eine einjährige Diskussion um das Thema Nationalpark.

Diese hat viele Wunden hinterlassen. Aber auch die Erkenntnis, das es in irgendeiner Form in Sachen Regionalentwicklung und Naturschutz auch im Spessart vorangehen muss. Das jedenfalls ist der Tenor der Statements, die Funktionsträger aus der Region zu der Entscheidung aus München abgaben.

Landrat Thomas Schiebel (58) sagte gegenüber der Redaktion, er tue sich schwer damit, das Aus für den Spessarts in der Nationalparkfrage als gut oder schlecht zu bewerten. Positiv sei jedenfalls, dass nun endlich Klarheit herrsche. Dass er sich in der Nationalparkfrage bis zuletzt nicht positioniert hat, erklärt der Landrat mit fehlenden Informationen.

„Ich hätte mich positioniert, wenn die strittigen Themen aufgearbeitet worden wären“, wirft Schiebel wie viele andere der Münchner Ministerialbürokratie ein „suboptimales“ Herangehen an die gesamte Thematik vor. Es sei viel zu viel Zeit ins Land gegangen, ohne dass es Infos zu den für die Diskussion wichtigen Themen gegeben habe. Die Gutachten zur Regionalentwicklung seien erst vor wenigen Tagen und somit viel zu spät vorgelegt worden. „Die Entscheidung war nicht reif“, hätte sich auch Schiebel mehr Zeit für eine fachliche Diskussion gewünscht.

Schiebel denkt an Erlebniszentrum

Überraschend sei die Münchner Entscheidung für ihn jedoch nicht gekommen, schließlich hätten sich namhafte CSU-Mandatsträger frühzeitig eindeutig gegen den Nationalpark positioniert. Die Staatsregierung habe offenbar nicht gegen die eigene Parteibasis entscheiden wollen.

Nachdem München mit seiner Nationalparkidee auch im Spessart die Diskussion angestoßen habe, stehe für ihn fest, dass sich nun in der Region etwas tun muss in Sachen Naturschutz und Regionalentwicklung.

Der Landrat kann sich beispielsweise ein Spessarterlebniszentrum vorstellen. Er sei nicht zuletzt nach den Gesprächen der Spessart-Landräte im Umweltministerium überzeugt, dass für den Spessart die dafür nötigen Fördermittel lockergemacht werden könnten. Entsprechende „Rauchzeichen“ habe er jedenfalls in München wahrgenommen.

Ein Spessarterlebniszentrum könnte nach Schiebels Ansicht Impulse für den Tourismus bringen. Daneben könne man sich dort verstärkt auch der Naturpädagogik und der wissenschaftlichen Arbeit widmen, beispielsweise der Erforschung der viel diskutierten Konkurrenz von Buche und Eiche im Spessart. Verknüpft sein sollte ein solches Erlebniszentrum nach Schiebels Vorstellung mit einem großen Schutzgebiet, einer Art Waldreservat.

Auch den seit Jahrzehnten existierenden Naturpark Spessart könne man stärken, sieht der Landrat einen weiteren Ansatz für eine Förderung der Regionalentwicklung auch ohne Nationalpark. Zweifel hat Schiebel indes, ob das als Alternative immer wieder ins Spiel gebrachte Biosphärenreservat alleine das richtige Mittel wäre, um die Region zu stärken.

Vor allem jedoch müssen auch auch in Schiebels Augen nun die Wunden heilen, die die Nationalparkdiskussion in der Spessartbevölkerung geschlagen hat. Diese Diskussion „hätte man etliche Stufen emotionsloser führen können“, so der Landrat. Es werde schwierig, bei dem Thema wieder in ruhiges Fahrwasser zurückzukehren.

Winter: Gute Entscheidung

Peter Winter, CSU-Landtagsabgeordneter aus Waldaschaff und Vorsitzender des gegen einen Nationalpark kämpfenden Vereins „Wir im Spessart“, spricht in einer Pressemitteilung von einer „guten Entscheidung für unsere Heimat, den Spessart“. Er freue sich, dass Seehofer den im März bei einem Termin in der Staatskanzlei von den Gegnern vorgetragenen Argumenten gefolgt sei. Das Stilllegen von Waldflächen sei ein Auslaufmodell.

Zur Stärkung der Regionen sollten bestehende Naturparke durch den Freistaat unterstützt werden, fordert Winter, ohne zu sagen, ob er sich eine stärkere Unterstützung als bisher vorstellt. Um den Tourismus im Spessart zu fördern, bringt der CSU-Abgeordnete ein „Eichendokumentationszentrum“ ins Gespräch, dazu ein „grünes Klassenzimmer“ für die Umweltbildung.

Daneben fordern Winter und sein Verein weitere Anstrengungen, um die Kulturlandschaft des Spessarts voran zu bringen. Dies gehe auch ohne Großschutzgebiete, weswegen man auch gegen das verschiedentlich vorgeschlagene Biosphärenreservat im Spessart sei. Vorstellen kann sich Winter hingegen die Ausweisung des Spessarts als Unesco-Kulturerbe.

Die Bayerischen Staatsforsten müssten ihre Wirtschaftsweise „noch stärker gegenüber der Bevölkerung erlebbar machen“ und den Einsatz moderner Technik auf ein verträgliches Maß reduzieren.

Kunkel: Riesenkatastrophe

Michael Kunkel (58), der Vorsitzende des Pro-Nationalpark-Vereins „Freunde des Spessarts“, hält die Entscheidung der Staatsregierung gegen den Spessart für eine „Riesenkatastrophe“ für den Spessart. Dieser sei fachlich erste Wahl gewesen. Doch fachliche Argumente hätten keine Rolle gespielt. „Es war ein Machtspiel, ein Politikum, sonst nichts“, so Kunkel.

In München sei das Thema „von Anfang an falsch angegangen“ worden. Viel zu lange hätten Informationen gefehlt. Am Ende zähle der Wille einiger Spessartdörfer offenbar mehr als die von Naturschutzverbänden per emnid-Umfrage ermittelte Meinung der Menschen in der gesamten Region, so Kunkel.

Seinen Worten zufolge werden die Freunde des Spessarts nach dem Aus der Region in der Nationalparkfrage noch in dieser Woche das weitere Vorgehen beraten. „Vielleicht geht es jetzt erst richtig los“, kündigt Kunkel an, dass man ganz gewiss für die Ausweisung neuer Schutzgebiete im Spessart weiterkämpfen werde, vielleicht auch für ein Biosphärenreservat. Auf jeden Fall werde man das Wirtschaften im Staatswald des Spessarts weiter intensiv beobachten.

Viele Menschen sähen dieses Wirtschaften sehr kritisch. In diesem Punkt seien sich sogar Befürworter und viele Gegner eines Nationalpark stets einig gewesen.

Schwab setzt auf Alternativen

Thorsten Schwab, CSU-Landtagsabgeordneter aus Hafenlohr, hält die nun von der Staatsregierung für den Spessart getroffene Entscheidung für „die richtige“. Es habe in der Bevölkerung Ängste gegeben, die man nicht habe abbauen können. Auch das Problem der Holzrechte sei rechtlich nicht zu lösen gewesen.

Nachdem man durch die Diskussion „den Wald als tollen Wert erkannt“ habe, hoffe auch er, dass es nun im Spessart in Sachen Naturschutz vorangehe, so Schwab. Darin seien sich Gegner und Befürworter eines Nationalparks einig.

Schwab ist zuversichtlich, dass der von ihm vor Monaten als Alternative unterbreitete Vorschlag eines rund 1000 Hektar großen Naturschutzgebietes in Verbindung mit beispielsweise ein Baumwipfelpfad Realität werden könnte.

„Der Chef findet mein Konzept gut“, so Schwab über Seehofers Reaktion auf seine Idee. Ziel für den Spessart müsse es sein, Fördermillionen für die Entwicklung von Naturschutz und Region auch ohne Nationalpark zu bekommen.

Über das von vielen als reichlich verkorkst empfundene Nationalparkverfahren sagt Schwab: „Hinterher ist man immer gescheiter.“ Es sei einfach nicht zu erwarten gewesen, dass sich in allen ins Spiel gebrachten Regionen die Menschen so gegen einen Nationalpark wehren würden.

Spessartbund will Gesamtkonzept

Gerrit Himmelsbach, der Vorsitzende des rund 15 000 Mitglieder zählenden Spessartbundes, sieht mit der Entscheidung der Staatsregierung die Diskussion um die künftige Entwicklung des Spessarts keineswegs als beendet an. Der Spessartbund sei von Anfang an der Ansicht gewesen, dass ein Nationalpark alleine nicht die Lösung sein könne. Es brauche vielmehr ein Gesamtkonzept für eine nachhaltige Bewirtschaftung des gesamten Spessarts, wobei auch der hessische Teil einbezogen werden müsse.

Die Menschen hätten sich im Zuge der Nationalparkdiskussion mehr mit dem Spessart auseinandergesetzt als all die Jahre zuvor. Die Weiterentwicklung der Region, der Schutz der Natur und die Pflege der Kulturlandschaft müssten nun weiter Thema bleiben, wünscht sich Himmelsbach. Er sei sich sicher, dass auch die Politik dieses Thema nun dauerhaft im Blick haben werde.

Die Art, wie die Politik das Nationalparkthema im Spessart angepackt hat, hat auch der Vorsitzende des Spessartbundes als nicht optimal empfunden. Der Spessartbund beispielsweise sei als größter Regionalverband nur einmal zu Beginn angehört worden, dann aber nicht mehr gefragt worden. „Da hätte man sich schon mal eine Nachfrage gewünscht“, so Himmelsbach.

Thomas Schiebel.
Thomas Schiebel. Foto: LRA
Michael Kunkel
Michael Kunkel Foto: Brauns
Thorsten Schwab
Thorsten Schwab Foto: Frey
Peter Winter
Peter Winter Foto: MHPiXEL

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