Marktheidenfeld

Nach dem Gärtnerei-Streit: Wie gut ist das Trinkwasser in Marktheidenfeld?

Das Marktheidenfelder Trinkwasser aus dem Brunnen Obereichholz II hat eine hohe Nitratbelastung.  Foto: Jochen Eckel

Nicht umsonst wird das, was bei uns aus dem Hahn kommt, genau überwacht. Trinkwasser ist das wichtigste Lebensmittel der Welt. Und auch nicht umsonst hat Marktheidenfelds Bürgermeisterin Helga Schmidt-Neder das Thema "Wasserversorgung" ganz oben auf die Agenda gesetzt. Bei einem Gespräch mit der Redaktion sagte Schmidt Neder: "Es schneit fast nicht, es regnet fast nicht, die Stadt wächst, wir haben Zuzüge. Wir müssen in erster Linie dafür Sorge tragen, dass wir die Leute mit Wasser versorgen." 

Jonas Gampe steht im gepachteten Waldstück der Gärtnerei Simon. Die Stadt hat zum Jahr 2021 die Pacht gekündigt. Foto: Martin Hogger

Warum war dieses Gespräch überhaupt notwendig? Im Streit um das Fortbestehen der Gärtnerei Simon hatte Jonas Gampe, dessen Firma einen Teil des Simon-Geländes gepachtet hat, der Stadtverwaltung Marktheidenfeld vorgeworfen, seinen Permakultur-Betrieb als Sündenbock für den Wasserschutz zu benutzen. Die Qualität des Wassers aus den Obereichholzbrunnen sei schon seit Jahrzehnten grenzwertig, auch ohne ihn. Wann aber ist Wasser "gut"? Wie gut ist das Marktheidenfelder Wasser? Und wie schlimm wären die Folgen für die Marktheidenfelder? Die Redaktion beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie bewertet man die Qualität von Wasser?

Auf der Homepage des Umweltbundesamts steht, dass die Qualität des Trinkwassers in Deutschland durchweg sehr gut bis gut sei. Das liege vor allem daran, dass der Grenzwert für Nitrat im Grundwasser beinahe flächendeckend eingehalten werde. Dieser liegt bei 50 Milligramm Nitrat pro Liter Wasser. Zwar gibt es Grenzwerte für viele Stoffe im Wasser, die Qualität des Wassers kann man anhand des Nitratwerts jedoch am besten einschätzen. 

Wichtig ist außerdem, dass es einen Unterschied zwischen den verschiedenen Wasserarten gibt. Das Wasser, das die Brunnen aus dem Boden pumpen, nennt sich "Rohwasser". Dieses wird in der Regel noch mit anderem Wasser gemischt, bevor es zu dem "Trinkwasser" wird, das aus dem Hahn kommt. Eine Überschreitung des Grenzwertes bei "Rohwasser" ist also nicht so schlimm, wie bei "Trinkwasser".

Alles zu den Wasserschutzgebieten in Marktheidenfeld
Das sind die Wasserschutzgebiete rund um Marktheidenfeld. Foto: Screenshot Umweltatlas
Trinkwasserschutzgebiete werden festgesetzt, um Restrisiken der Trinkwassergewinnung weiter zu vermindern beziehungsweise durch Verbot bestimmter Handlungen ganz auszuschließen, wie das Umweltbundesamt schreibt.
Ein Wasserschutzgebiet ist deshalb in die Zonen I (Fassungsbereich), II (engere Schutzzone) und III (weitere Schutzzone) untergliedert. Die sogenannte 50-Tage-Linie grenzt die engere von der weiteren Schutzzone (in der die Gärtnerei Simon liegt) ab.
Diese Abgrenzung ist im Hinblick auf die hygienische Situation der jeweiligen Wasserfassung von Bedeutung, da nach den Erfahrungen bei einer Verweilzeit von 50 Tagen im Untergrund von einer Abtötung oder Inaktivierung von Krankheitserregern ausgegangen werden kann.
Für die interaktive Wasserkarte von Marktheidenfeld klicken Sie hier.

Welche Gefahren entstehen durch einen zu hohen Nitratwert im Grundwasser?

Für diese Frage, wendet man am Besten an einen Experten. Alexander Eckhardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Umweltbundesamt und forscht im Bereich "Toxikologie des Trink- und Badebeckenwassers". Er sagt: "Der Grenzwert von Nitrat im Trinkwasser beruht auf der akuten Toxizität von Nitrat für Säuglinge, die jünger als sechs Monate sind." Durch das aus dem Nitrat gebildete Nitrit könne es bei Säuglingen zur Ausbildung der so genannten "Säuglingszyanose" durch Störung der Sauerstoffbindung im Blut kommen. Diese Krankheit ist auch unter dem "Blue Infant Syndrom" bekannt. Studien hätten gezeigt, so Eckhardt, dass das "Blue Infant Syndrom" bei Nitratkonzentrationen unterhalb des Grenzwertes nicht auftrete. Man gehe aber davon aus, dass zusätzlich zu einem erhöhten Nitratgehalt auch bestimmte Bakterien vorhanden sein müssen, damit die Krankheit auftritt.

Wie hoch sind die Nitratwerte im Marktheidenfelder Trinkwasser?

Das Trinkwasser für Marktheidenfeld kommt aus den Brunnen der Wasserversorgungsgruppe, zu der sich Marktheidenfeld mit den umliegenden Gemeinden zusammengeschlossen hat. Diese Werte sind öffentlich einsehbar und liegen voll im Rahmen.

Die Werte der beiden Brunnen aber, auf die sich Simon Gampe bezieht, sind nicht so einfach auf einer Internetseite nachzulesen. Auf Anfrage der Redaktion beim zuständigen Wasserwirtschaftsamt in Aschaffenburg schreibt Pressesprecher Herbert Walter, dass im Brunnen Obereichholz I seit 2004 Nitrat-Werte im "Rohwasser" im Bereich von 30 bis 40 Milligram pro Liter (mg/l) Wasser gemessen worden seien (der letzte Wert vom Juli 2019: 31,0 mg/l). Im Fall des Brunnens Obereichholz II seien die Nitrat-Werte zumeist unter 50 mg/l geblieben. Der letzte Wert des "Rohwassers" vom Juli 2019 belaufe sich jedoch auf 51,0 mg/l.

Das "Rohwasser" aus dem zweiten Obereichholzbrunnen ist also öfter über dem Nitratgrenzwert. Wenn man jedoch die Nitratwerte des Wassers haben möchte, das am Ende aus dem Hahn kommt, muss man sich ans Landratsamt wenden. Dessen Pressesprecher teilt mit, dass Proben aus verschiedenen Ortsnetzen, die von beiden Oberreichholzbrunnen versorgt werden, den Werten der Trinkwasserverordnung entsprechen. Die Nitratwerte (abgebildet in der Grafik) bewegen sich jedoch ziemlich nah am Grenzwert. In den vergangenen 18 Monaten lag die Nitratkonzentration zweimal bei 49, insgesamt sechs mal zwischen 40 bis 49 und nur viermal zwischen 30 und 39 Milligramm pro Liter Trinkwasser.

Ist eine Nitratkonzentration des Obereichholzbrunnens so knapp am Grenzwert gefährlich?

Aus toxikologischer Sicht bestehe bei Einhaltung des Grenzwertes keine Veranlassung, die Konzentration eines Stoffes zu reduzieren, schreibt Alexander Eckhardt vom Umweltbundesamt zu dieser Frage. Zwar dürften sich bei Nitratkonzentrationen zwischen 49 und 51 mg/l keine signifikanten Unterschiede zeigen. Dies sei aber ein grundsätzliches Problem bei Grenzwertfestlegungen. Eckhardt weiter: "Im Umkehrschluss heißt dies nicht, dass bei einer knappen Über- und Unterschreitung des Grenzwerts schon eine akute Besorgnis gegeben ist."

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