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Natürliche Feinde als Retter

Die Larve einer Florfliege mit ihrer Beute, einer Kartoffellaus. Die biologische Schädlingsbekämpfung durch natürliche Räuber erhöht Erträge und kann durch reduzierte Bodenbearbeitung und strukturreiche Landschaften verbessert werden.
Die Larve einer Florfliege mit ihrer Beute, einer Kartoffellaus. Die biologische Schädlingsbekämpfung durch natürliche Räuber erhöht Erträge und kann durch reduzierte Bodenbearbeitung und strukturreiche Landschaften verbessert werden. Foto: Matthias Tschumi

Die Agrarlandschaften in Deutschland haben deutlich an Vielfalt verloren und sind heute stark von Kulturen wie Mais und Raps geprägt. Abgenommen hat auch der Artenreichtum an Tieren und Wildpflanzen und der exzessive Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln zeigt seine Folgen – zum Beispiel das Bienensterben oder einen Überschuss von Nitrat, der das Grund- und Trinkwasser gefährdet. Damit muss Schluss sein, meinen Fachleute aus Wissenschaft und Landwirtschaft.

„Die Forschung zeigt, dass die Veränderungen in den Agrarlandschaften noch immer meist ungehindert weitergehen“, sagt Ökologin Sarah Redlich vom Biozentrum der Universität Würzburg. Das wirke sich negativ auf Umwelt, Erträge und Nachhaltigkeit der Landwirtschaft aus.

Nachhaltige Agrarökosysteme

Ein Konzept, mit dem sich der Negativtrend umkehren lässt, sieht die Wissenschaft in der ökologischen Intensivierung. Die Grundidee dabei ist, ökologische Prozesse wie Bestäubung und Räuber-Beute-Systeme in den Landbau zu integrieren und gezielt zu managen. Dadurch lasse sich der Einsatz von Insektiziden und Düngemitteln verringern. Im Idealfall sollen Agrarökosysteme entstehen, die ertragreich und nachhaltig sind und zudem den gesellschaftlichen Ansprüchen in Sachen Umweltschutz, Ästhetik und Produktion gesunder Lebensmittel gerecht werden.

Die ökologische Intensivierung setzt auf Hecken, Feldstreifen mit blühenden Pflanzen, Vielfalt bei den Kulturpflanzen und auf spezielle Bewirtschaftungsformen wie eine Bodenbearbeitung, bei der die Erde nicht gewendet wird. All das fördert die Artenvielfalt, das Ausmaß der Bestäubung und die Bekämpfung von Schädlingen durch ihre natürlichen Feinde. Das zeigen Ergebnisse des Forschungsprojekts „Liberation“, das unter der Leitung von Professor Ingolf Steffan-Dewenter am Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie im Biozentrum angesiedelt ist. Die EU fördert das Projekt mit insgesamt drei Millionen Euro; davon fließen 350 000 Euro in die Forschung an der Uni Würzburg.

Wissen weitergeben, Feedback bekommen, Kooperationen stärken und gemeinsame Ziele abstecken – mit dieser Agenda haben die zwei Doktorandinnen Sarah Redlich und ihre Kollegin vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie, die Agrarwissenschaftlerin Audrey St. Martin, im Juni eine Reihe von Veranstaltungen rund um das Thema „Integration ökologischer Prozesse in der konventionellen Landwirtschaft – Chance oder Widerspruch?“ durchgeführt. Das Interesse war groß. „Bei den Feldtagen waren von den 22 000 Besuchern rund 2000 an unserem Stand und etwa 200 sind länger geblieben, um sich über Forschungsergebnisse zu informieren oder um Informationen über die Workshops zu erhalten“, sagt Redlich. Das Publikum bestand aus Vertretern der Regierung von Unterfranken, des Landschaftspflegeverbands, der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und der Bayerischen Bauernverbände. Dazu kamen landwirtschaftliche Berufschullehrer und Landwirte.

Immenser Handlungsbedarf

Schnell wurde klar: Der Handlungsbedarf und der Wille, gemeinsam etwas zu verändern und eine nachhaltigere, ökologischere Landwirtschaft zu erreichen, sind immens. Dazu sei eine kontinuierliche Kooperation zwischen Universität, Landwirten und Regierungsbehörden nötig. Auch sogenannte „Leuchtturmbetriebe“ wurden angeregt. Gleichzeitig müssten bürokratische Hürden abgebaut werden, weil sie den Enthusiasmus vieler Landwirte oft schon im Keim ersticken. Die Doktorandinnen machen das an einem Beispiel klar: Viele Landwirte, die früher Blühstreifen als Teil des bayerischen Kulturlandschaftsprogrammes (KULAP) angelegt haben, würden dies unter dem neuen KULAP-Programm wohl nicht mehr tun. Die Antragstellung sei komplexer, die Bürokratie komplizierter geworden. „Unter anderem müssen neue Blühstreifen jetzt exakt kartiert werden. Das ist sehr zeitaufwändig und birgt die Gefahr, durch kleine Vermessungsfehler mit Sanktionen wegen falscher Angaben oder übergroßer Flächen belegt zu werden“, erklärt Redlich.

„Die Veranstaltungen waren ein voller Erfolg“, sind sich die Wissenschaftlerinnen und Lehrstuhlinhaber Steffan-Dewenter einig. Das führen sie auch auf zwei Personen zurück, die sie an Bord geholt haben: Landwirtschaftsmeister Werner Kuhn, auf dessen Betrieb in Güntersleben die Workshops stattfanden, ist Mitbegründer des Netzwerks „Lebensraum Feldflur“. Anne Wischemann vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt ist Wildlebensraumberaterin mit der Aufgabe, Lebensräume für Wildtiere in der Agrarlandschaft zu erhalten, zu verbessern und neu zu schaffen.

Kontakt: Sarah Redlich, Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie, Biozentrum der Universität Würzburg, Tel. (09 31) 31-82129, E-Mail: sarah.redlich@uni-wuerzburg.de; Infos: www.zoo3.biozentrum.uni-wuerzburg.de

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