Lohr

Neues Klinikum: Wie klimafreundlich soll der Neubau werden?

Der Landkreis hat sich Leitlinien für nachhaltiges Bauen auferlegt. Im Interview erklärt der Klimabeauftragte Michael Kohlbrecher die Auswirkungen auf den Klinikneubau.
Modell des geplanten Neubaus des Klinikum Main-Spessart in Lohr auf dem BKH-Gelände am Sommerberg.  Foto: Klinikum Main-Spessart
Herr Kohlbrecher, der Landkreis hat sich selbst Leitlinien für nachhaltiges Bauen auferlegt. Diese gelten auch für den Klinikneubau. Sprich, alle kommunalen Neubauten müssen einem Niedrigstenergie-Gebäudestandard gerecht werden. Welche Eckdaten umfasst das grob?

Michael Kohlbrecher: In der „Leitlinie Nachhaltiges Bauen“ des Landkreises steht, dass der Landkreis für jeden Neubau den Passivhaus-Standard anstreben soll. Nur wenn sich dieser über die Lebensdauer des Gebäudes gegenüber einem niedrigeren energetischen Standard als grob unwirtschaftlicher darstellt, soll davon abgewichen werden. Das ist sehr ambitioniert: Im Einfamilienhaus ist das Passivhaus ein gängiger, wenn auch leider immer noch viel zu wenig realisierter, Standard. Im größeren Nichtwohngebäude mit meist komplexeren Baukörpern, Nutzungen und technischen Anforderungen ist dieser Standard schon bedeutend anspruchsvoller.

Der Kreistag hat sich nun aber gegen den Bau im Passiv-Standard entschieden, richtig?

Kohlbrecher: Der Kreistag hat sich gegen eine Passivhaus-Zertifizierung entschieden. Dem Kreistag wurden verschiedene Nachhaltigkeitszertifikate für Gebäude vorgestellt, darunter auch der Passivhausstandard. Es wurde beschlossen, dass aus Zeit- und Kostengründen keines dieser Zertifikate angestrebt werden soll. Es sollen aber die Vorgaben der „Leitlinie Nachhaltiges Bauen“, wie ich sie in meiner vorherigen Antwort beschrieben habe, angewendet werden. Das bedeutet, das man sich auch am Passivhausstandard orientiert, aber eben ohne das teure Zertifikat zu erwerben. 

Der Landkreis hat sich selbst Leitlinien für nachhaltiges Bauen auferlegt. Was diese für den Klinikneubau bedeuten, erklärt der Klimaschutzbeauftragte Michael Kohlbrecher.  Foto: Klaus Gimmler
Der Kreistag hat auch ein Energiekonzept für das neue Klinikum ausgewählt und beschlossen. Was beinhaltet das?

Kohlbrecher: Es wird ein Blockheizkraftwerk zur Deckung der Wärme- und Stromgrundlastdeckung geben. Der Energieträger ist hier Erdgas, bei Bedarf kann aber ohne technische Anpassungen auf das wesentlich klimafreundlichere, aber auch wesentlich teurere Biomethan zurückgegriffen werden. Vielleicht ist in zehn Jahren ja Erdgas wesentlich teurer, zum Beispiel durch eine CO2-Steuer, oder Biomethan wesentlich günstiger, weil es dann viel „grünes“ Windgas im Erdgasnetz gibt. Zusätzlich soll es eine Biomasseheizung geben, die entweder mit Pellets oder Hackschnitzels betrieben wird, um die Mittel- und Spitzenlast zu decken. Sollte die Biomasseheizung oder das Blockheizkraftwerk einmal ausfallen, steht zusätzlich noch ein Erdgaskessel für den Notfall zur Verfügung. Um die nötige Kühlung zu erzeugen, sollen Kompressions- und Absorptionskältemaschinen bereit stehen. Die Absorptionskältemaschine nutzt die Abwärme des Blockheizkraftwerks, um daraus Kälte herzustellen. Um das Gebäude zu temperieren, soll es eine Wärmepumpe in Verbindung mit einer Betonkernaktivierung geben. Das ist eine sehr energieeffiziente Pufferung von Temperaturspitzen, die der Aufenthaltsqualität im neuen Klinikum zugute kommen wird.

Wie funktioniert so etwas?

Kohlbrecher: In die Betonbauteile der Decken  werden vorgefertigte Rohrsysteme eingebaut. Darin zirkuliert Wasser, das je nach Temperatur Wärme aus der Decke aufnimmt und den Raum somit kühlt oder Wärme an die Decke abgibt und somit heizt. 

Soll auch Sonnenenergie in Form von Photovoltaik genutzt werden?

Kohlbrecher: Der Einsatz von Photovoltaik auf dem Krankenhausgebäude selbst wird derzeit geprüft. Er wird kritisch gesehen, wegen einer möglichen Blendwirkung des Rettungshubschraubers, der auf dem Dach den Landeplatz haben wird. Dennoch soll im Rahmen der Möglichkeiten möglichst viel Photovoltaik zum Einsatz kommen, auch an der Fassade. Der so produzierte Strom kann wahrscheinlich vollständig im Gebäude selbst verbraucht werden und bietet sich somit sehr an.

Beim Neubau in Lohr sollen die Umweltfolgekosten in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen mit einbezogen werden. Was heißt das genau?

Kohlbrecher: Wir zahlen heute für praktisch nichts den wahren Preis, haben wir noch nie! Wir zahlen nur die Rohstoffe und die Arbeit, die in einem Produkt stecken, und die Marge des Händlers. Wir zahlen NICHT für die Umweltauswirkungen, die durch das Produkt entstehen. Das sind die sogenannten „externen Kosten“. Für diese Kosten zahlt niemand, aber wir tragen sie alle – früher oder später – in Form eines kaputten Planeten! Ein Beispiel: Ein Steak aus konventioneller Tierhaltung müsste eigentlich drei mal so teuer sein, wie man es tatsächlich im Supermarktregal vorfindet. Da wären dann die Umweltschäden durch, zum Beispiel, die Nitratbelastung der Böden, den Gen-Kraftfutteranbau im tropischen Ausland mit katastrophalem Flächenverbrauch und Pestizideinsatz, der Biodiversitätsverlust und nicht zuletzt die Treibhausgasemissionen durch die intensive Tierhaltung abgegolten.

Was heißt das für den Bausektor? 

Kohlbrecher: Auch der Bau und Betrieb von Gebäuden verursacht große Umweltschäden. Nicht nur durch Flächenversiegelung und die verbauten Rohstoffe, sondern auch durch Energieverbrauch und den damit einhergehenden CO2-Ausstoß. Allein durch den letzten Dürresommer sind in der Land- und Forstwirtschaft hierzulande Schäden von einigen Milliarden Euro entstanden. Da wird der Preis für CO2-Ausstoß plötzlich sehr konkret. Andere Länder lassen den Verbraucher für diesen Schaden am Klima durch CO2 bereits zahlen: Schweden erhebt seit 1991 eine CO2-Steuer, die momentan bei etwa 110 Euro pro Tonne CO2 liegt. Im Europäischen CO2-Zertifikatehandel für Großemittenten kostet die Tonne CO2 hingegen nur etwa 20 Euro pro Tonne. Um die Umweltfolgekosten in unsere Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen mit einzubeziehen, haben wir in der „Leitlinie Nachhaltiges Bauen“ CO2-Kosten von 50 Euro pro Tonne angesetzt. Anders als in Schweden oder beim EU-CO2-Handel zahlt der Landkreis die natürlich nicht wirklich. Es ist eher eine Hilfestellung, um nicht nur finanziell, sondern auch moralisch verantwortungsvolle Entscheidungen zu fällen. 

Inwieweit sind die Berechnungen im Klinikneubau berücksichtigt?

Kohlbrecher: In den Wirtschaftlichkeitsberechnungen der Heizungsvarianten des Klinikneubaus wurden diese Umweltfolgekosten berücksichtigt. Leider hat sich gezeigt, dass die 50 Euro pro Tonne bei dieser Größenordnung der Investitionen nicht wirklich ins Gewicht fielen. Glücklicherweise wurde dennoch die klimafreundlichste Variante beschlossen, obwohl es in der Vollkostenbetrachtung nicht die günstigste ist. Der Kreistag hat sich hier also klar für den Klimaschutz entschieden.

Wie viel Einfluss hat das Klimamanagement des Landratsamts auf den Neubau?

Kohlbrecher: Ich werde in den Planungsprozess eingebunden und kann Vorschläge unterbreiten. Der Technische Leiter des Klinikums ist da sehr offen und entgegenkommend. Aber die Entscheidungen – wenn es um die vielen Millionen geht – treffen natürlich andere.

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