LANGENPROZELTEN

Nicht auf halber Strecke umkehren

Fundierter Vortrag: Günther Felbinger (rechts) bedankte sich bei Oberst Peter Utsch seine Informationen über Afghanistan.
Fundierter Vortrag: Günther Felbinger (rechts) bedankte sich bei Oberst Peter Utsch seine Informationen über Afghanistan. Foto: F. Heilgenthal

„Ein Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan zum jetzigen Zeitpunkt ist unrealistisch und bedeutet den Rückfall in Bürgerkrieg und Terror.“ Diese Meinung vertrat Oberst Peter Utsch von der in Bad Reichenhall stationierten Gebirgsjägerbrigade 23 bei seinem Vortrag im Gasthof Zum letzten Hieb. Das ist die Erkenntnis eines fünfmonatigen Aufenthalts am Hindukusch.

Auf Einladung des FW-Landtagsabgeordneten Günther Felbinger informierte der aus Eußenheim stammende Utsch vor etwa 30 Zuhörern aus erster Hand über die Lage in Afghanistan. Utschs Bezirk lag im äußersten Nordosten des Landes und entspricht der Fläche Niedersachsens. Große Teile davon sind mit Fahrzeugen überhaupt nicht erreichbar.

Ein Blick in die Geschichte machte deutlich, wie bewegt die Vergangenheit des Landes mit Krieg, sowjetischer Besetzung und der Schreckensherrschaft der Taliban in den vergangenen drei Jahrzehnten gewesen sei. Nach dem ISAF-Mandat kamen 2002 die ersten Bundeswehrsoldaten ins Land, die jetzt mit 5300 Soldaten das drittgrößte Kontingent der etwa 120 000 Armeeangehörigen aus aller Herren Länder stellen.

„Ein übereilter Rückzug würde die Verhältnisse von vor 2001 wieder zurückbringen.“

Peter Utsch Oberst der Bundeswehr

Ein Hauptteil der Arbeiten entfalle auf logistische und administrative Tätigkeiten, nur ein Bruchteil der Aufwendungen diene der Präsenz vor Ort. Es handle sich beim Afghanistaneinsatz nicht um einen „offenen Krieg“, erklärte der Offizier. Kampfeinsätze gestalteten sich äußerst problematisch, weil Zivilpersonen von bewaffneten Kämpfern nicht zu unterscheiden seien. Utsch lobte die gute Ausbildung und – im Gegensatz zu manchen Wortmeldungen in der Heimat – auch die gute Ausrüstung der Truppe.

Im Übrigen seien die Selbstmordattentäter in der Regel keine Einheimischen, sagte Utsch. Diese würden aus religiösen Gründen keine Anschläge machen, es handele sich in den meisten Fällen um angeworbene Söldner.

Der Einsatz der Soldaten umfasst vor allem Aufbauarbeit und -hilfe. Da gebe es durchaus gute Fortschritte, wie das Beispiel einer neuen Mädchenschule zeige. Die Tische und Bänke lieferte ein einheimischer Handwerker für in Deutschland gesammeltes Spendengeld. Das sei der richtige Weg: „Wertschöpfung vor Ort.“ Ein staatlich gefördertes Projekt sei eine Brücke gewesen, die mit einheimischen Arbeitern gebaut worden sei. Diese arbeiteten hauptsächlich mit Muskelkraft: Da wird ein Lkw mit großen Steinen per Hand entladen, was für uns zwar ungewöhnlich ist, aber für die Einwohner selbstverständlich und für ihr Selbstwertgefühl wichtig ist.“

Die einzige Klinik in diesem von 90 000 Menschen bewohnten Gebiet erhielt einen Kompressor und 35 ausrangierte Betten vom Krankenhaus Marktheidenfeld. An dieser Stelle bedankte sich der Referent bei Landrat Thomas Schiebel und MdL Felbinger für ihr Engagement in dieser Sache. Utsch belegte mit Fotos, dass die Betten dringend gebraucht worden waren.

Gute Verwendung fanden auch Spielgeräte, die Kücheneinrichtung und die neue Toilettenanlage in einem Waisenhaus, die mit Spenden der Pfarrgemeinde Eußenheim finanziert worden waren. Solche kleinen Schritte festigen den guten Ruf der Deutschen, die im Gegensatz zu manchen anderen Nationen verstärkt auf Nachhaltigkeit setzen, so Utsch. Dazu gehöre auch, auf die Bedingungen im Land Rücksicht zu nehmen und auf Sitte und Traditionen zu achten, zu denen ausgesprochene Gastfreundschaft gehöre.

Utsch zeigte stimmungsvolle Bilder des „weiten Landes mit seiner herben Schönheit“, in dem es wegen Abholzung und Überweidung nur wenige Bäume gibt. Er stellte Bewohner vor, teilweise noch in archaischer Umgebung vor dem Lehmbackofen oder beim Metzger, ließ die Besucher aber auch in strahlende, neugierige Kinderaugen blicken – die Hälfte der 32 Millionen Einwohner ist unter 20 Jahre alt – und berichtete von zuverlässigen Bediensteten im Feldlager.

Nicht ganz so zuverlässig seien oft die schlecht bezahlten Angehörigen der Polizei, die nach dem Abzug des Militärs für Ordnung sorgen sollen. Das sei in einem Land ohne Verwaltungs- und Justizstrukturen, wie man sie im Westen für selbstverständlich halte, nicht verwunderlich. Mitzureden haben Dorfälteste, Mullahs, Taliban, Volksvertreter und viele andere, von denen jeder sein eigenes Süppchen kocht und je nach Bedarf kurzzeitige Allianzen bildet.

Trotzdem habe man in den zehn Jahren schon viel erreicht. Es fanden Wahlen statt und es ist überall Fortschritt zu erkennen, den es vorher nicht gab, sagte Utsch. Die Frage, wo das Land einmal hin will, müssen seine Einwohner selbst entscheiden. Die Kinder von heute gehören der ersten Generation an, die nicht in Krieg und Terror aufwuchs. Man sollte sie nicht enttäuschen, meinte der Oberst abschließend, auch wenn die Aufgabe noch einige Zeit in Anspruch nehme. „Wir können jetzt nicht auf halber Strecke umkehren, ein übereilter Rückzug würde die Verhältnisse von vor 2001 wieder zurückbringen.“

Kinder in Afghanistan: Neugierig und fröhlich, trotz schwieriger Lebensbedingungen.
Kinder in Afghanistan: Neugierig und fröhlich, trotz schwieriger Lebensbedingungen. Foto: DPA

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