Main-Spessart

Nilgänse in Main-Spessart: Töten oder nicht?

Nilgänse sind berühmt-berüchtigt. Einerseits füttern Menschen die Vögel gerne, andererseits beschweren sie sich über deren Kot. Doch das Problem ist vielschichtiger.
Sehen niedlich aus, können aber auch Probleme machen: die Nilgänse. Dabei sind es nicht nur ihre Ausscheidungen, die stören.
Sehen niedlich aus, können aber auch Probleme machen: die Nilgänse. Dabei sind es nicht nur ihre Ausscheidungen, die stören. Foto: Franziska Kraufmann

Seit einigen Jahren sorgt sie regelmäßig für Aufregung – die Nilgans. Genauer sind es die Hinterlassenschaften der subtropischen Vogelart, die immer wieder Schlagzeilen machen. So auch in Main-Spessart: Vergangenen Sommer etwa war es zum Beispiel der Spielplatz bei den Maradiesseen in Marktheidenfeld, der den Ausscheidungen der Gänse besonders zum Opfer gefallen ist. 

"Überall Entenscheiße??? Das kann doch nicht sein!", hieß es in einem Zettel, der vor Ort an einem Baum hing. Der anonyme Verfasser rief dazu auf, sich bei der Stadt zu beschweren. Mit Erfolg: In einer Stadtratssitzung reagierte die Stadt und räumte ein, dass die Nilgänse für Probleme sorgen. Lösungsvorschläge brachten die Eltern viele – sie reichten von Umsiedlung bis zur Abgrenzung bis hin zum Töten.

Ähnliche Probleme gibt es auch im restlichen Landkreis, wie Werner Ühlein von der Unteren Naturschutzbehörde Main-Spessart erzählt. Es gibt bisher kein Allheilmittel, da das Nilgans-Problem überraschend vielschichtig ist. Muss man die Gänse am Ende gar töten?

Gänsekotverschmutzung der Freizeitanlage bei den Maradies-Seen
Gänsekotverschmutzung der Freizeitanlage bei den Maradies-Seen Foto: Sebastian Fjeld

Schäden auch in der Landwirtschaft, Vergrämung schwierig

Von Kreuzwertheim bis Karlstadt: In ganz Main-Spessart sind entlang des Mains Stellen zu finden, wo die Vögel Probleme bereiten. Ühlein beschreibt, wie er in Karlburg auf einem Acker stand und die Gänse beobachtete: "Bei 100 Stück hab ich das Zählen aufgehört." Die Vögel vermehren sich rasch. Bis zu zwölf Jungen konnte Ühlein bei einer einzelnen Gänsemutter in Karlburg ausmachen. "Es kommen erstaunlich viele Jungtiere durch", sagt er.

Auf den Äckern fressen die Tiere dann das Getreide oder verunreinigen mit ihrem Kot die Feldfrüchte. So sorgen sie für Schäden in der Landwirtschaft, erzählt Elmar Konrad vom Bayerischen Bauernverband Main-Spessart. Er meint, dass viele Bauern mittlerweile zweimal überlegen, ob sie ihre Futterflächen komplett abernten oder Teile davon doch lieber stehen lassen.

Konrad erklärt: "Auf hochgewachsene Flächen gehen die Gänse ungern." Auch auf andere Vergrämungsmaßnahmen wie Vogelscheuchen greifen die Bauern zurück. Aber die intelligenten Vögel durchschauten die Attrappen einfach, erzählt Konrad. Außerdem bringe in vielen Bereichen Vergrämung wenig, wenn die Bevölkerung die Gänse weiterhin durch Füttern anlocken würden, meint Ühlein von der Unteren Naturschutzbehörde. Regelmäßig muss zum Beispiel die Stadt Marktheidenfeld darauf hinweisen, die Vögel nicht zu füttern.

Auch Bejagung eine Herausforderung

Die Landwirte sind also auf die Unterstützung durch die Jagd angewiesen, um ihre Äcker zu schützen. "Die Vögel unterstehen seit 2014 dem Jagdrecht, dürfen also zwischen dem 1. August und 15. Januar gejagt werden", erklärt Ühlein. Auch die EU fordert in einer Verordnung die gezielte Bejagung der Gänse und ordnet sie als "invasiv gebietsfremde" Art ein. Sie würden also heimische Tierarten vertreiben.

Doch auch das Jagen gestaltet sich schwierig. Ühlein erklärt: "Sobald man mit etwas Länglichem rumfuchtelt, sind die Gänse weg." Sogar die Fahrzeuge, das Aussehen der Jäger, oder die Orte, wo sie gejagt werden, könnten sich die Tiere merken. Dementsprechend würden sie diese meiden, sagt Ühlein.

Nilgänse gelten als 'invasiv gebietsfremde' Art, würden also andere Arten vertreiben.
Nilgänse gelten als "invasiv gebietsfremde" Art, würden also andere Arten vertreiben. Foto: Hans Peter Reuß

Außerdem ist in an einigen Orten, zum Beispiel in befriedeten Bereichen wie Spielplätzen, das Jagen nicht erlaubt oder von Passanten ungern gesehen, wie etwa an den Radwegen entlang des Mains. Am Erlabrunner Badesee (Lkr. Würzburg) sorgte die Tötung von Nilgänsen im vergangenen Jahr nicht zuletzt in den sozialen Medien für einen großen Aufschrei.

Ist eine Bejagung tierschutzrechtlich problematisch?

Die Tierschutzorganisation PETA klagte sogar gegen das Vorgehen am Badesee. Ihre Begründung: Die Vögel alleine wegen einer Verschmutzung durch Kot, der die Badegäste störe, zu töten, verstoße gegen das Tierschutzgesetz. Das verbietet das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund.

Auch einige Jäger sehen das Töten von Nilgänsen aus ethischen Gründen kritisch. "Wir jagen sie ungerne, da die Gänse kaum zum Verzehr geeignet sind", sagt Wolfgang Kunz vom Bayerischen Jagdverband in Karlstadt. Er habe schon mehrmals auf unterschiedliche Weisen probiert, die Gänse zuzubereiten. "Selbst das Bruststück schmeckt nicht", meint er. Dementsprechend gebe es auch kein Markt für die getöteten Nilgänse. Sie landen in der Mülltonne.

Werner Ühlein von der Unteren Naturschutzbehörde kenne zumindest einen Jäger, der die Gänse als Geflügelbratwurst und Burger verarbeitet. "Es scheint also Geschmackssache zu sein", sagt er. Von einer Gastronomie, die Nilgänse verarbeite, wisse aber auch er nicht. Das Rupfen der Tiere sei zu umständlich. Außerdem ist ihr Alter schwer zu bestimmen, was den Geschmack unvorhersehbar macht.

Schonende Lösung in Marktheidenfeld

In Marktheidenfeld lässt die Stadt bisher die Tiere nicht töten. Bei den Maradiesseen setzt sie darauf, die Nilgänse auf schonende Weise zum Weiterziehen zu bewegen. Den natürlichen Uferwuchs schneidet der Bauhof mittlerweile nicht mehr zurück, um so die Gänse fernzuhalten. Dass diese dann auch fernbleiben, setzt jedoch voraus, dass die Menschen das Füttern unbedingt unterlassen. Denn: Auf öffentlichem Grund und wo ästhetische Belange im Vordergrund stehen, kann das Töten von Tieren nicht die Lösung sein.

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