MAIN-SPESSART

Notaufnahmen: Kreistag für schnelle Zentralisierung

Alles in einem Haus – so sieht die Zukunft des Klinikums Main-Spessart aus. Foto: Karlheinz Haase

Der Landkreis Main-Spessart fährt beim Klinikum zweigleisig: Unbeirrt von Widerständen setzt er den Weg der Zentralisierung seiner stationären medizinischen Leistungen fort. Zugleich bietet er in einer „Arbeitsgruppe Klinikum“ allen Interessenvertretern an, an einem Konzept für die Nachnutzung der Krankenhaus-Standorte mitzuarbeiten.

Der Kreistag Main-Spessart fasste am Freitag zwei Beschlüsse, analog zum Werkausschuss am Montag: Mit 41:11 stimmten die Kreisräte für eine schnelle Zentralisierung der landkreiseigenen Notaufnahmen von Karlstadt und Marktheidenfeld in Lohr. Dabei gingen die Meinungsunterschiede quer durch die Fraktionen und die Altlandkreise. Einstimmig votierte das Gremium gar für die Verlagerung der Marktheidenfelder Chirurgie nach Lohr bis Ende des Monats. Nicht betroffen davon ist die Chirurgie der Belegärzte in Karlstadt.

Großes Besucherinteresse am Anfang

Die Sitzung fand wegen des großen Besucherinteresses im Historischen Rathaus in Karlstadt statt. Rund 150 der zuvor 250 Demonstranten verfolgten die erste Entscheidung. Danach leerte sich der Saal zusehends, so dass zur Diskussion über die Nachnutzung der Krankenhausstandorte nur noch wenige Zuhörer anwesend waren, was einige Kreisräte scharf kritisierten.

Dr. Susann Walz erläuterte noch einmal die in mehreren Versammlungen vorgetragenen Gründe für eine zentrale Notaufnahme, und Chefarzt Dr. Andreas Fleischmann argumentierte für eine Zusammenlegung der Chirurgie (wir berichteten mehrmals).

Kritiker der schnellen Zentralisierung

Mit Manfred Goldkuhle, Christian Menig (beide CSU), Heinz Nätscher (Freie Wähler) und Gerhard Kraft (Grüne) meldeten sich einige Kritiker zu Wort.

„Die Realität hat uns längst überholt.“

Alle erkannten die Gründe für eine Zentralisierung an, wehrten sich aber gegen den Zeitpunkt. Angesichts der „aufgeheizten Stimmung“ sprachen sie sich für einen sanften, geordneten Übergang aus. Goldkuhle legte Wert darauf, die Belegärzte in Karlstadt, die seit Jahren Vertragspartner seien, ins Boot zu holen und mit ihnen zu sprechen. „Das gebietet der Anstand.“

Belegarzt Dr. Michael Dobler habe ihm mit einer eidesstattlichen Erklärung versichert, dass die Klinik mit den Belegärzten noch nicht über eine Schließung der Notaufnahme gesprochen habe. Landrat Thomas Schiebel erwiderte, dass er persönlich zwischen Klinikreferent Gregor Bett und Michael Dobler vermitteln wolle.

Kraft konstatierte eine „Kette von Pleiten, Pech und Pannen“, für die er die Klinikleitung und den Landrat verantwortlich machte. Nun werde mit großer Dreistigkeit versucht, einen Beschluss im Sinne der Klinikleitung zu erzwingen. Kraft beantragte eine Vertagung, die allerdings mit 43:11 abgelehnt wurde.

Befürworter der baldigen Verlagerung der Notaufnahmen

Für die schnelle Zentralisierung sprach sich die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Helga Schmidt-Neder, aus. Sie zeigte Verständnis für die Argumente der Klinikärzte nur unter den für sie optimalen Bedingungen in Lohr am Patienten arbeiten zu wollen: „Können wir das kritisieren? – Wir reden hier von Menschenleben!“, sagte Schmidt-Neder.

Ein sanfter Übergang, wie ihn sich viele Bürger wünschten, sei nicht möglich. „Die Realität hat uns längst überholt.“ Es sei Zeit, die in drei Gutachten festgestellten organisatorischen Fehler, unklaren Strukturen und Zuständigkeiten zu beseitigen.

Walter Höfling, Fraktionssprecher der CSU, zeigte Respekt vor der Haltung der Klinikärzte, aber ebenso vor den abweichenden Meinungen in seiner Fraktion. Er richtete den Blick nach vorn: Die neuen Ärzte in Lohr böten die bestmögliche Medizin im Landkreis, und mit dem Nachnutzungskonzept für Marktheidenfeld und Karlstadt werde man der Bevölkerung dort helfen können.

Auch an Sanierungsbedarf der Schulen denken

Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Franz Wolf, hielt die Zentralisierung für überfällig: „Wir hätten schon lange den Mut dazu haben können.“ Er betonte, dass der Kreistagsbeschluss von 2015 nichts über das Tempo des Übergangs ausgesagt habe. Wolf erinnerte daran, dass der Landkreis das Klinikum-Defizit nicht unbegrenzt wachsen lassen dürfe.

Es gebe noch viele andere Aufgaben, wie zum Beispiel den 100 Millionen Euro schweren Sanierungsbedarf der Schulen. Nun gelte es, in der Arbeitsgruppe Klinikum zu prüfen, was künftig vor Ort möglich sein könne. Die zentrale Frage: „Wie halten und wie bekommen wir gute Ärzte?“

Thumes: Klinikärzte halten den Kopf hin

Gerhard Thumes konstatierte als Sprecher der Freien Bürger, dass bis zu 80 Prozent der Notaufnahmen gar keine seien. Sie wären eigentlich Fälle für den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung. Zurzeit hielten die Klinikärzte „den Kopf hin“ und trügen dafür die Verantwortung.

Landrat Schiebel sagte, dass der Kreistag lange an drei Häusern festgehalten habe, ohne auf die Wirtschaftlichkeit zu achten. Doch das Angebot sei von der Bevölkerung nicht angenommen worden.

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