BILLINGSHAUSEN

Nur mit Muskelkraft zum Nordkap

Wieder in der Heimat zurück: Billingshäuser Freunde bereiteten Gernot Hüsam nach der Rückkehr vom Nordkap einen begeisterten Empfang zuhause. Foto: Robert Heusslein

Extrem-Radfahrer Gernot Hüsam ist wieder zurück in der Heimat. Nach 8117 Kilometern und 328 Stunden im Sattel seines Rennrades bereiteten über 50 Radsportfreunde ihm nach seiner Fahrt zum Nordkap einen begeisterten Empfang in den Reiterswiesen von Billingshausen.

„Nicht allein das erhebende Gefühl, nach 4000 Kilometern das selbst gesetzte Ziel – das Nordkap – erreicht zu haben, macht eine solche Reise mit dem Rad zu einem außergewöhnlichen Erlebnis, sondern die auch die vielen kleinen Begegnungen und Erlebnisse auf dem Weg dorthin.“ So erinnert sich Gernot Hüsam im Gespräch nach der Rückkehr von der Mammutstrecke seiner „Tour des Lebens“ an unvergessliche Momente dieser Strecke.

Neben den grandiosen Landschaftserlebnissen gab es jeden Abend Zeit für persönliche Bekanntschaften und Gespräche mit Menschen, die Hüsam auf der Strecke traf. Oft bis spät in die Nacht dauerte daher mancher Gedankenaustausch, den er nach einer Dusche und meist großzügiger Verpflegung am Kamin einsam gelegener Häuser führte.

Auch wenn so manches Nachtlager nicht luxuriös war – oft war Gernot Hüsam auch schon froh auf einer Isomatte in der Küche die Nacht verbringen zu können –, schätzt er die Gastfreundschaft der Skandinavier unvergleichlich hoch ein. Bei den WM-Spielen der deutschen Nationalmannschaft sorgten einige Gastgeber sogar für deutschen Fernsehempfang, fieberten mit und spendierten das dort nicht gerade billige Bier zum Anstoßen auf die Siege.

Immer besorgt ums Fahrrad

Bei jeder Übernachtung galt Hüsams größte Sorge stets seinem Fahrrad. Es sei fast schon zum guten Freund geworden und habe oft genug, sollte kein sicherer und abschließbarer Raum vorhanden sein, neben seinem eigenen Schlafplatz im Zimmer einen Parkplatz gefunden. Und immer wieder sei sein Touren-Trikot ein begehrtes Fotomotiv für die Gastgeber oder auch bei Begegnungen in Supermärkten gewesen.

Nur zwei DIN A 6-Seiten mit Adressen zum Couchsurfing, Hinweisen zu den markanten Streckenpunkten der 8000-Kilometer-Tour, eine Generalkarte von Skandinavien und wenige Kartenblätter des deutschen Tourenabschnittes dienten als Reiseplaner. Insgesamt 17 Couch-Surfing-Gastgeber steuerte der Billingshäuser an, alle vorab im Internet ausgesucht. Per E-Mail-Kontakt vereinbarte Hüsam die Übernachtungstermine, mit viel Disziplin und Ausdauer hielt er den strammen Tourenplan ein. Sein Gepäck, reduziert auf ein Minimum – Radbekleidung sowie Hose, T-Shirt und Schuhe für den Abend – fanden Platz in dem von ihm selbst gebauten Koffer, der sich im Rahmen seines 14 Jahre alten Rennrades einklicken ließ. Immer wieder bot er Gelegenheit zur Bewunderung bei den Gastgebern, wie man sich mit so wenig Garderobe gut gekleidet zeigen könne.

Doch auch die Strecke selbst bot ihre Herausforderungen. In Norwegen hatte sich Hüsam tagelang durch schlechtes Wetter mit Regen, Hagel und Temperaturen um fünf Grad kämpfen müssen. Der scharfe Gegenwind, das Umfahren etlicher Fjorde und täglich bis zu 2000 Höhenmeter verlangten ihm viel Energie ab. „Die Belohnung war ein leckeres Eis bei der neunten Etappe im norwegischen Lillehammer“, schmunzelt der durchtrainierte Radler. Über Trondheim führte die Extremtour nach Fanske, von dort über die Lofoten, bis Gernot Hüsam schließlich zunächst den Polarkreis und das Nordkap erreichte.

„Es war ein überwältigendes Gefühl, nur mit Muskelkraft bis dorthin gekommen zu sein!“ Doch die Kraft musste auch noch für nahezu die gleiche Strecke, nun wieder Richtung Süden, reichen, wenn auch die Mücken in den sumpfigen Nordgebieten Schwedens recht blutrünstig waren. Außerdem zeigte sich die dortige Landschaft mit viel Wald gegenüber Norwegen recht monoton und die oft knappen Begegnungen mit Lastwagen auf den Fernstraßen erwiesen sich als recht gefährlich.

Mit der 41. Etappe erreichte Gernot bei Kilometer 7604 und nach 308 Stunden im Sattel dann wieder erste alte Freunde in der Partnergemeinde Westervesede zwischen Bremen und Hamburg und nach einem ebenfalls begeisterten Empfang in der zweiten Partnergemeinde, Billingshausen bei Göttingen, ging es auf die 43., die Schlussetappe, Richtungen Heimat in Unterfranken.

Reiner Triebig begleitete Gernot Hüsam auf dem Rad schon ab dem hessischen Schlitz, Thomas Loschert und Günter Lang stießen in Fulda als Eskorte dazu. Beim begeisterten Empfang im Heimatort hatten sich trotz einer Familienfeier rund 50 Freunde des Heimkehrers eingefunden und luden ihn zur Stärkung bei Bier und Steaks vom Grill ein.

Gebrochene Tretkurbel

In Erinnerung geblieben sind dem Heimkehrer besonders „einige platte Schläuche, drei zerschlissene Mäntel, ein gerissener Schaltzug und eine abgebrochene Tretkurbel“. Dazu blieb ihm unvergesslich: „Als die Tretkurbel brach, nahm mich ein Wohnmobil mit. Nachdem der Schaden bis zum nächsten Vormittag in einer Fahrradwerkstatt repariert war bin ich erstmal eine 120-Kilometer-Schleife gefahren, damit ich mein Tourenpensum ehrlich bestreite.“

Bei all dieser Herausforderung ließ Gernot Hüsam lediglich fünf Kilo Körpergewicht auf der Strecke und ist in Gedanken bereits bei einer neuen Tour, bei der er sich in zwei Jahren auf den Weg nach Sizilien machen will. „Aber dann fahre ich nur eine Strecke und nehme für die Rückreise das Flugzeug“, hat sich der Extrem-Radfahrer vorgenommen, denn der Hinweg biete wesentlich höheren Erlebniswert, das habe er jetzt bei seinem Nordkap-Trip erfahren.

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