Lohr

Online-Shop schneller gesagt als getan

In Fahrradläden lassen sich die Kunden gern noch beraten und kaufen lieber vor Ort – David Rustler im Cube Store. 
In Fahrradläden lassen sich die Kunden gern noch beraten und kaufen lieber vor Ort – David Rustler im Cube Store.  Foto: Pat Christ

Man wird heutzutage mit Informationen überschwemmt, klagen viele. Wer zum Beispiel nach Büchern sucht und dieses Wort bei Google eingibt, erzielt 613 Millionen Treffer. Klar, dass man sich höchstens die ersten paar anschaut. Was an erster Stelle steht, das wiederum ist kein Zufall. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird beim Stichwort "Bücher" nicht als erstes die Lohrer Bücherecke auftauchen. Sondern Amazon. Genau das findet Burkhard Heimbach, Einzelhändler aus Lohr, so fatal.

Dass man heute fast alles online mit einem Tastendruck bestellen und nach Hause liefern lassen kann, ist für Kunden bequem. Wie verheerend sich dieser Trend auf Innenstädte auswirken kann, darauf machen Einzelhändler schon lange aufmerksam.

"Dann installiert halt auch einen Online-Shop!" bekommen sie gesagt. Doch so einfach ist die Welt nicht, erklärt Burkhard Heimbach. Denn wer soll denn den kleinen Onlineshop vor Ort finden? "Wir alle werden im Netz von Algorithmen gesteuert", sagt er. Profile werden generiert aus den Klicks eines jeden Nutzers. Und Werbe-Informationen ausgespuckt, die am besten zu einzelnen User passen.

Kunden werden zu Marionetten

Der Versuch, gegen die Algorithmen zu kämpfen, ist zum Scheitern verdammt, meint Heimbach: "Denn es handelt sich um vielschichtig steuernde Mechanismen, die vollkommen intransparent sind." Das ist für den Inhaber der Raumausstatter-Firma Wilhelm Heimbach angesichts der immensen und weiter wachsenden Macht der Algorithmen verheerend. Immer besser könnten Algorithmen nachvollziehen, wie sich ein Mensch verhält, sie lernen, sein Verhalten vorauszusagen und beginnen, es zu steuern: "Wir werden dadurch zu Marionetten."

Vielleicht gebe es am Ende nur noch einen einzigen, riesigen Konzern, meint er. Schon jetzt kontrollierten lediglich 147 Konzerne 40 Prozent des globalen Wohlstands. Seit langem ist Google marktbeherrschend bei der Internet-Suche. Was eigentlich nicht sein dürfte. Funktioniert eine Marktwirtschaft doch nur, wenn es keine Monopolisten gibt.

Manchmal wälzt Burkhard Heimbach dieses Problem mit seinem Lohrer Geschäftsfreund Julius Gabel. Der führt das Haushaltswarengeschäft Söder. Eine Homepage macht auf den Laden in der Turmgasse aufmerksam. Darüber ist es interessierten Kunden möglich, Angebote einzuholen. Wer das möchte, kann der Firma über den Button "Rezension schreiben" ein Feedback geben. Sandra H. tat dies vor einem Jahr. "Super Beratung und Service, tolles Warenangebot. Ein sehr persönliches Geschäft. Hier kaufe ich gerne ein", schwärmte die Kundin. Einen Online-Shop hat Julius Gabel bewusst nicht installiert. Das, so der 61-Jährige, würde sich für ihn nicht lohnen.

Setzen aufs persönliche Gespräch gegen Suchmaschinen-Shopping: Julius Gabel (links) und Burkhard Heimbach.
Setzen aufs persönliche Gespräch gegen Suchmaschinen-Shopping: Julius Gabel (links) und Burkhard Heimbach. Foto: Pat Christ

Auch Volker Wedde vom Handelsverband Bayern (HBE) rät zur Vorsicht. "Es zeigt sich immer wieder, dass das Wort Online-Shop schneller gesagt ist als getan", so der unterfränkische HBE-Geschäftsführer.

Hoher Aufwand für Online-Shop

Eine professionelle digitale Präsenz und Kommunikation sei für den Einzelhandel zwar wichtig, um das eigene Angebot in den Fokus zu rücken: "Ein eigener Onlineshop ist jedoch nicht immer die beste Lösung." So habe die BBE Handelsberatung kürzlich berechnet, dass Einzelhändler rund zwei Millionen Euro umsetzen müssen, damit sich der Aufwand für den Online-Shop rentiert.

Dennoch müsse dem Zeitgeist Rechnung getragen werden, meint Dietmar Adelmann, der den Fahrradladen Cube Store in Lohr leitet: "Man darf den Trend nicht verschlafen und muss den Kunden am besten beide Kanäle anbieten." Cube Store hat aus diesem Grund einen Online-Shop: "Der dient uns auch als virtuelles Schaufenster." Insgesamt allerdings spiele der Internet-Kauf nur eine geringe Rolle. Was daran liegt, dass sich Cube Store im anspruchsvollen Segment bewegt. Bei hochwertigen Produkten wie den hier offerierten Fahrrädern, so Adelmann, sei es den Kunden wichtig, einen lokalen Ansprechpartner zu haben, der für Fragen und Servicearbeiten da ist.

Online schauen, vor Ort kaufen

Das lokale Einkaufen habe nach wie vor eine ganz andere Qualität als das Online-Shoppen, betont Adelmann. "Unsere Kunden schätzen unsere stationäre Fahrradwerkstatt, die Möglichkeit einer Probefahrt, und die individuelle Vermessung, damit sie sicher sein können, dass ihr Rad optimal zu ihnen passt", listet der Fahrradexperte auf. Zu beobachten sei jedoch die Tendenz, dass man vor dem Besuch im Laden ins Internet schaut, was dort zu welchen Preisen angeboten wird.

Die zunehmend genutzte Möglichkeit, abends, nachts und überhaupt, wann man will, etwas im Internet zu bestellen, sieht Laura Englert vom Lohrer Hersteller "Feinkost Englert" zumindest teilweise kritisch. "Es ist schade, wenn man durch verlassene Städte laufen und in leere Schaufenster blicken muss", sagt sie.

Sie selbst präsentiert die bunte Palette der Lohrer Feinkostspezialitäten in einem Katalog, der auch über die Homepage abrufbar ist. Es gibt einen Online-Shop für Endkunden, die gern die Lohrer Delikatessen genießen möchten, sie aber dort, wo sie wohnen, nicht finden. "In erster Linie sind unsere Kunden jedoch Geschäftskunden", sagt Englert. Und die bestellten nach wie vor über Mail, Fax oder Telefon.

Online-Monitor 2019
Umsatz: Der deutsche Onlinehandel setzte im vergangenen Jahr 53,3 Milliarden Euro um. Das bedeutete im Jahresvergleich eine Steigerung von rund neun Prozent.
Marktanteil: Damit hat der Online-Handel inzwischen einen Marktanteil am gesamten Handel von knapp elf Prozent.
Umsatzsteigerung: Als größte Wachstumstreiber zählen häufig gekaufte Konsumgüter wie Lebensmittel, Körperpflege- und Reinigungsprodukte. Hier betrug die Umsatzsteigerung 14 Prozent. Aber auch Produkte für das Heimwerken, den Garten sowie für die Wohnung werden immer häufiger im Internet bestellt. (pat)

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