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Pflegeeltern: Wegbegleiter durch dick und dünn

Ein zweites Zuhause: Pflegefamilien kümmern sich um Kinder, die von ihren leiblichen Eltern nicht mehr versorgt werden können. Oft bleiben sie nur für kurze Zeit. Foto: Marc Tirl

Es ist eine Familienidylle: Der Duft von frisch gebackenem Kuchen strömt aus der Küche in das geräumige Wohnzimmer von Familie Müller (Namen von der Redaktion geändert). Unruhig zappelt die dreijährige Sarah auf dem Schoß ihrer Mutter herum. Sie fühlt sich nicht genug beachtet. „Mama, Mama“, sagt sie aufgeregt. In Wirklichkeit ist Anne Müller gar nicht ihre Mutter – zumindest nicht die leibliche.

Sarah ist mit sieben Monaten als Pflegekind zu den Müllers gekommen. Ihr „Bruder“, acht Jahre älter, ist ebenfalls mit niemandem unter diesem Dach verwandt. Christoph kam mit fünf Monaten zu Anne und Jens Müller, weil seine leiblichen Eltern ihn nicht mehr versorgen konnten. „Bei Pflegekindern muss man immer im Kopf haben, dass sie wieder weg müssen“, sagt Jens Müller.

Mittlerweile 14 Kinder waren für kürzere oder längere Zeit hier, wobei zeitgleich nie mehr als drei Kinder im Haushalt lebten. Den Pflegeeltern ist wichtig, dass jedes Kind die Rückzugsmöglichkeit in sein eigenes Zimmer hat. Das Ehepaar kümmert sich gern um sie, und das, obwohl es bereits zwei inzwischen erwachsene Adoptivkinder großgezogen hat.

Über die Notwendigkeit von Pflegefamilien sei es über die Zeitung aufmerksam geworden. Daraufhin meldete sich das Paar beim Jugendamt. „Dort haben wir unsere Familiensituation dargelegt, und das ging dann alles sehr schnell“, erzählt Anne Müller. „So richtig stressig war es eigentlich nie. Aber die Kinder sind natürlich vorbelastet“, sagt Pflegevater Müller über den Erziehungsalltag.

„Die Kinder sind enttäuscht worden und haben sich teilweise selbst in Frage gestellt. Sie suchen nach Erklärungen, die zusammen mit den Pflegeeltern erarbeitet werden müssen.“ Anfänglich verhielten sich die aufgenommenen Kinder sehr angepasst und ruhig. Manche verarbeiteten dann nach gewisser Zeit das Erlebte durch Aggression. Andere würden erst einmal krank. Ein Großteil der Kinder benötige längerfristig verschiedene therapeutische Hilfen.

Die Pflegekinder haben häufig noch Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie. „Diese Kontakte sind sicher notwendig und wichtig, jedoch kommen die Kinder dann nicht selten aufgewühlt in die Pflegefamilie zurück und müssen dort erst wieder zur Ruhe kommen“, erklärt der Pflegevater. Je nach dem, ob das Sorgerecht noch bei den leiblichen Eltern oder beim Jugendamt liegt, muss sich das Ehepaar bei gewissen Entscheidungen, die etwa die Schule oder die Gesundheit betreffen, abstimmen. „In Akut-Situationen, zum Beispiel bei einer Notoperation, entscheiden wir“, berichtet Anne Müller.

Für die Müllers war immer schon ein gutes Zeitmanagement wichtig. Auch heute, nachdem die beiden Adoptivkinder längst ausgezogen sind, helfen sie hin und wieder aus. „Das ist schon gut, damit man mal Zeit zu zweit hat und ausgehen kann“, sagt Jens Müller.

Genauso wie die Kinder haben die Großeltern das Lebensmodell Pflegefamilie von Anfang an unterstützt. Anders im Bekanntenkreis der Müllers: „Wollt ihr euch das wirklich noch mal antun?“ Das bekam das Ehepaar immer wieder zu hören – und ja, das wollten sie. „Wir möchten den Kindern einfach helfen und sie für die Gesellschaft rüsten“, erklärt Anne Müller ihre Motivation. Durch die Erfahrungen mit den beiden Adoptivkindern seien sie vielleicht aufgeschlossener als andere Paare, die es sich erst einmal nicht vorstellen können, ein fremdes Kind aufzunehmen.

Die größte Herausforderung für die Pflegeeltern ist der Kontakt zu den leiblichen Eltern, der in fast allen Fällen regelmäßig da ist. Oft sind die aber nicht einer Meinung mit den „neuen Eltern“ ihrer Kinder. Im Laufe der Zeit haben die Müllers auch schon schwierige Kinder aufgenommen. „Da bin ich dann aber auch ehrgeizig und will das dann irgendwie packen“, erzählt die Pflegemutter. Wenn ein Kind so gar nicht in die Familie passt, müsse man aber auch ehrlich zu sich selbst sein und das dem Jugendamt mitteilen.

Ihr Mann erinnert sich an ein Pflegekind, zu dem er lange keine Verbindung aufbauen konnte: „Es ist immer weggerückt, wenn ich mich mit an den Tisch gesetzt habe. Am Ende ging es dann aber schon deutlich besser.“ Paaren, die darüber nachdenken ein Pflegekind aufzunehmen, rät Anne Müller: „Man darf das Ganze nicht nur als Bereicherung sehen. Man muss sich auf die Kinder einlassen, mit all ihren Nöten.“

Man solle nicht versuchen, die Kinder zu verändern, sondern sie auf ihren oft schwierigen Wegen begleiten. „Wir sehen uns als Wegbegleiter durch dick und dünn“, erklärt Anne Müller. Die Erfahrung habe gezeigt: Die Kinder gehen anders, als sie gekommen sind. Sarah und Christoph sind inzwischen wie die beiden Großen wie richtige Kinder für das Ehepaar Müller. Auch mit der Vollendung des 18. Lebensjahres ende diese Beziehung zu den Pflegekindern nicht. „Das persönliche Verantwortungsgefühl und die Sorge bleiben“, erklärt die Pflegemutter.

Den einzigen Unterschied zu leiblichen Kindern sieht Anne Müller darin: „Leibliche Kinder sind gleich im Herzen. Pflegekinder wachsen ans Herz.“

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