Lohr

Polizist paffte Pfeife bei Prozession

Da war vor genau 150 Jahren, im Juni 1869, ein gewaltiger Aufruhr in der Stadt Lohr. In hellen Scharen strömten die Bürger in das neu errichtete Bezirksgericht und füllten Saal und Gang. Auf der Anklagebank saß nämlich kein Geringerer als der seit sechs Jahren in Lohr tätige Kaplan Peter Schlör. Und er saß schon zum zweiten Male dort, nachdem gegen das Urteil erster Instanz Berufung eingelegt worden war.

Um was es ging, war auf der Gerichtstafel mit Kreide angeschrieben: »Berufskränkung der Polizei«. Und das war beinahe so schlimm wie Majestätsbeleidigung.

Was war geschehen?

Was nun war geschehen? Am "Weißen Sonntag" hatte der Kaplan die Erstkommunikanten in die Kirche geführt, dort das Hochamt zelebriert und den Kindern die Kommunion gereicht.

Wie damals üblich, zogen Erstkommunikanten nebst Pfarrgemeinde in Prozession von der Pfarrkirche St. Michael aus durch die Stadt. Als die Gläubigen am Rathaus vorbeikamen, lehnte dort ein Gendarm aus dem Fenster, paffte seine Pfeife und besah sich die Prozession.

"Im Namen des Königs"

Es scherte ihn keinen Deut, als das Allerheiligste vorübergetragen wurde. Kaplan Schlör rief ihm zu, die Pfeife aus dem Munde zu nehmen und das Rauchen zu unterlassen. Eine solche Zurechtweisung eines königlichen Beamten aber war ein Vergehen. Sie hatte darum für Kaplan Schlör ein Nachspiel.

Wenige Tage darauf erschien ein Brigadier im Pfarrhaus, um den Kaplan »im Namen des Königs« zu vernehmen. Ein Wort gab das andere und als der Kaplan gar die Ansicht äußerte, die Gendarmen seien Gesetzesübertreter, da hatte es bei dem Polizeihauptmann geklingelt, das konnte nur durch einen Beleidigungsprozess gegen den Kaplan wieder ausgebügelt werden.

Es geschah kurze Zeit später vor dem königlichen Landgericht zu Lohr. Das Urteil aber lautete auf Freispruch. Damit jedoch waren die Gesetzeshüter nicht einverstanden. Es wurde Berufung zum königlichen Bezirksgericht in Lohr eingelegt. Wohl aus Protest gegen den ersten Freispruch durfte das in Lohr stationierte Landwehr-Bataillon nicht an der Fronleichnamsprozession 1869 teilnehmen, was die Lohrer erheblich verschnupfte.

Ein Tag lang verhandelt

So zogen sie ihrerseits zum Protest zum Gericht, als am 17. Juni Kaplan Schlör zum zweiten Male die Anklagebank drückte. Den ganzen Tag wurde verhandelt, bis alle Einzelheiten der "Berufsehrenkränkung" durch Kläger, Beklagten, Zeugen belegt und widerlegt, bezeugt und beschworen worden waren.

Das alles gipfelte jeweils, wie der Verhandlungsbericht besagte, "in scharfer Markierung aller Momente". Nach einem "gediegenen Plädoyer" des Verteidigers kamen auch die Berufs-Richter zu der Ansicht, dass "die Merkmale einer Berufsehrenkränkung nicht gegeben" seien. Kaplan Schlör wurde wieder freigesprochen. Mit lautem Beifall und befriedigt wurde das Urteil begrüßt. In allen Gaststätten Lohrs gab es an diesem Abend ein großes Trinken und ein Schwadronieren über den Fall.

Ludwig Thomas Gedanken

Rauchen seitens der Betrachter von Prozessionen scheint in früheren Jahrzehnten ein weit verbreitetes Ärgernis gewesen zu sein. Darum auch wohl erwähnt es Ludwig Thoma in den "»Bolidischen Gedangen" seines "Abgeordneten Jozef Filser" in dem Kapitel "Über die Rähligion2.

Dort heißt es: 2Frieher da ist kein bezirgsambtman mit der Fronleuchnamsbrozäson gangen, sontern er had beim Fenster hinuntergeschaugt und fieleicht er had eine Ziehgare gerauchd und had gelöcheld ieber das Folk wo so antechtig ist."

Nun, in 150 Jahren hat sich viel geändert, doch ist ein Blick in die Lohrer Geschichte immer interessant.

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