LOHR

Psychiatriepatient Schäfer im Blick

Der Verein „Bundesvereinigung für Kultur und Geschichte Gehörloser“ lässt derzeit einen Film zum Thema „Gehörlose Opfer der Zwangssterilisation und der NS-Euthanasie“ erstellen. Darin wird es auch um Georg Schäfer (1896–1989) gehen, der 1928 in die Lohrer Heil- und Pflegeanstalt (heute Bezirkskrankenhaus) eingewiesen wurde, und dort bis zu seinem Tode blieb. Auf unserem Foto filmt Kameramann Jürgen Endress die Anstaltsgärtnerei, in der Schäfer arbeitete. Foto: Wolfgang Dehm

Zurzeit entsteht im Auftrag des Vereins „Bundesvereinigung für Kultur und Geschichte Gehörloser“ mit Sitz in Berlin ein Film zum Thema „Gehörlose Opfer der Zwangssterilisation und der NS-Euthanasie“. Darin wird es auch um den taubstummen Georg Schäfer (1896 bis 1986) gehen, der mehr als 60 Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod in der Lohrer Heil- und Pflegeanstalt (heute Bezirkskrankenhaus) verbrachte. Der am Bezirkskrankenhaus Lohr angesiedelte Arbeitskreis „Kunst und Psychiatrie“ unterstützt das Projekt. „Weil es ein wichtiges Thema ist“, wie der Vorsitzende Sebastian Born beim Dreh sagte.

Für Born, der den Historiker und Regisseur Helmut Vogel (Frankfurt) sowie den Kameramann Jürgen Endress (Hanau) beim Dreh in Lohr begleitete, war dies auch eine ganz neue Erfahrung, denn er konnte sich mit den beiden taubstummen Männern nur schriftlich unterhalten. Dies nahm zwar einige Zeit in Anspruch, aber es ging.

Vogel und Endress machten Aufnahmen von Georg Schäfers Bildern, sie filmten in der Krankenhausgärtnerei, in der Schäfer als Patient gearbeitet hatte und suchten auch seine Grabstätte auf dem ehemaligen Krankenhausfriedhof auf sowie die seit 1993 existierende Erinnerungsstätte für die Opfer des NS-Regimes. Dabei handelt es sich um ein Bronzerelief des Künstlers Rainer Stoltz, das vor der Krankenhauskirche in die Straße eingearbeitet ist.

In der Zeit der NS-Gewaltherrschaft wurden ab 1940 aus der Heil- und Pflegeanstalt Lohr über 600 Patienten in die Tötungsanstalten Sonnenstein und Grafeneck sowie in die „Konzentrationslager“ Auschwitz und Mauthausen deportiert. – Insgesamt haben die Nationalsozialisten mehr als 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen systematisch ermordet. Die Zahl der getöteten gehörlosen Opfer der „Euthanasie“-Morde wird auf 1500 geschätzt.

Trotz intensiver Einsicht in die historischen Akten konnte nicht geklärt werden, was dazu führte, dass Schäfer nicht getötet wurde. Laut Born kann man darüber nur spekulieren. Entweder, vermutet er, hatte Schäfer Gönner in den Reihen der Pfleger und Ärzte; andererseits könnte es aber auch sein, dass Schäfer verschont wurde, weil er ein fleißiger Arbeiter war.

Der Film wird am Samstag, 11. Juli, um 16 Uhr im Mal-Seh'n-Kino in Frankfurt, in der Adlerflychtstraße 6, zum ersten Mal aufgeführt.

Georg Schäfer

Geboren wurde Georg Schäfer 1896 in Eberstadt. Der taubstumme Mann, der sich als Napoleon sah, kam 1928 wegen „Gemeingefährlichkeit“ in die Lohrer Heil- und Pflegeanstalt (heute Bezirkskrankenhaus). Zunächst arbeitete er in der Krankenhausgärtnerei, später in der Schuhmacherei. Er wird in den Akten als arbeitswillig und sehr genau beschrieben. Zu seinen Mitmenschen hatte er kaum Kontakt, stattdessen zeichnete er in jeder freien Minute. In seinen späteren Jahren wollte der schizophrene Schäfer mit „Kaiser“ angesprochen werden. Er starb 1986. Heute sind noch 130 großformatige Bilder sowie 324 Zeichnungen im Postkartenformat von ihm erhalten. wde

Regisseur Helmut Vogel, Kameramann Jürgen Endress und Sebastian Born vom Arbeitskreis Kunst und Psychiatrie (von links) beim Sichten der Zeichnungen und Krankenakten von Georg Schäfer. Foto: DEHM
Georg Schäfer lebte in seiner eigenen Welt, die er in Zeichnungen festhielt. Foto: Wolfgang DEHM

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