RETZBACH

Rat und Bürgermeister entmachtet

Entmachtet: Freiwillig gaben die Gemeinderäte und stellvertretenden Bürgermeister das Retzbacher Rathaus nicht preis. Das endete nicht nur für (von links) Barbara Gehrig, Werner Küffner, Michael Zull, Wolfgang Rupp und Wortführer Ulrich Schlosser in hölzernen Handschellen.
Entmachtet: Freiwillig gaben die Gemeinderäte und stellvertretenden Bürgermeister das Retzbacher Rathaus nicht preis. Das endete nicht nur für (von links) Barbara Gehrig, Werner Küffner, Michael Zull, Wolfgang Rupp und Wortführer Ulrich Schlosser in hölzernen Handschellen. Foto: Jürgen Kamm

Lange hat der Retzbacher Carnevalsclub in diesem Jahr nach einem Prinzenpaar gesucht. Dass er nach dem Rathaussturm Christian I. und Marina II. würde präsentieren können, stand erst fünf Tage vorher fest. Drei Tage vor dem berühmten 11.11., aber dafür bei deutlich über elf Grad Celsius, fand anlässlich des Retzbacher Dorfjubiläums diesmal der Rathaussturm statt – mit vermutlich so vielen Besuchern wie noch nie und Unterstützung von Gruppen des vorangegangen Lebenden Faschingsmuseums (wir berichteten).

„Was wäre eine Sitzung ohne Garden und Bütten?“, fragte Gisela Sert und setzte noch einen drauf: „oder wenn es gar keinen Fasching gäbe?“ Deshalb lautet das Motto der 41. Session des RCC „Ohne Fasching ist alles doof“. Den passenden Orden dazu bekam als erstes das scheidende Prinzenpaar Marco I. und Marina I. überreicht.

„Die da hatten Besserung gelobt“, hob Ludwig Pfister an und schaute hinauf zum Rathaus, „doch kaum war Aschermittwoch, wurde wieder alles wie zuvor gemacht.“ Erst habe das Drahtgeflecht an der Benediktuswand eine Million verschlungen, dann sei mit der Restaurierung einer Kanone aus einem Zellinger Keller der Knaller gekommen. „Man könnte mit Geschossen dieser Art, ich denke ein mancher Zellinger würde es genießen, von drübe rü – nach Retzbach schießen“, befürchtete der närrische Wortführer.

Eine Chance gab Gisela Sert den stark geschwächten Ortsoberen noch – der Bürgermeister krank, der Zweite anscheinend nicht bei Stimme. Mit Brotzeit und Schoppen für jedermann könnten sie den Sturm noch abwenden. „Die Haushaltskasse gibt das nicht her,“ zeigte sich da der Dritte Bürgermeister Ulrich Schlosser trotzig, „wenn ihr regieren wollt, müsst ihr uns besiegen, ihr Lumpen!“

Gefordert – getan: Die Masken drangen ins Rathaus ein, drinnen schepperte es, über die Lautsprecher drangen Sätze wie „lass den Schoppen stehn“ oder „Kümmst jetzt hera“, und schon bald wurden gebrochene Männer und Frauen, gefesselt mit hölzernen Schellen und einem Strick, hinausgezerrt. „Lasst den Rat am Leben“, flehte nun Ulrich Schlosser, wünschte viel Spaß beim Regieren und kündigte an, Rat und Bürgermeister werden erst einmal Urlaub machen.

Vergebens hofften die Narren, in der Gemeindekasse dank des nach Berlin entsandten früheren Prinzen Alexander Hoffmann einen Goldschatz zu finden, doch drinnen war nur der Rathausschlüssel. Ein Grund mehr, Bürgermeister und Räte in den Moschele genannten Kerker unterm Rathaus zu werfen.

Doch hatte der RCC auch für seine 41. Session ein Prinzenpaar gefunden? Lange ließen Sert und Pfister das närrische Volk bangen, bis hin zum abgewandelten Motto „Ohne Prinzenpaar wäre der Fasching doof“. Viele seien diesmal gefragt worden, mit Engelszungen habe man sogar versucht, das scheidende Prinzenpaar zum Weitermachen zu überreden. „Ist denn keiner da?“, fragte Ludwig Pfister, und ein Paar Hutschepflecher aus Zellingen witterte seine Chance und erklomm die Bühne – den Retzbacher Faschingsfreunden stockte der Atem.

Doch zum Glück öffnete sich die Rathaustür, und ein Prinzenpaar trat heraus. Marina Mulfinger (geborene Laute) hat als (Wein-) Prinzessin schon Erfahrung, zudem trainiert sie die Prinzengarde und steht mit Mardi Gras auf der RCC-Bühne. Ihr Prinz Christian Mulfinger ging in Karlstadt zur Schule, studierte in Würzburg und geht jetzt als Zahnarzt in Arnstein Patienten auf den Nerv.

Trotz der knappen Zeit hatten die neuen Regenten eine knackige Proklamation vorbereitet. So verpflichteten sie den RCC, gleich am Rosenmontag einen maskierten Suchtrupp für das nächste Prinzenpaar loszuschicken. Auch müsse er den Faschingszug deutlich verlängern, um künftig Staus und lange Stehpausen zu vermeiden. Alle Winzer, die während der Trockenheit ihre Reben mit Wasser vom Pumphäusle gegossen haben, hätten nun das Prinzenpaar und sein Gefolge mit Wein und Brotzeit zu versorgen.

Weil die Bier-Uni als einziger Verein beim Ortsjubiläum bisher durch Abwesenheit glänzte, wurde sie kurzerhand verdonnert, ihren Ausschank-Gewinn vom Faschingszug den anderen Vereinen zur Verfügung zu stellen, die wiederum ihre Jubiläumsveranstaltungen des großen Anklang wegens jedes Jahr anbieten müssen. Die Gemeinderäte wurden zu Fluglotsen ernannt, damit Vögel die Einfluglöcher im Drahtgitter der Benediktuswand auch finden.

Da dem RCC Zellingern beim letzten Rathaussturm die „Dicke Berta“ abgebrannt war, sei dort Maskieren nur noch mit Schutzkleidung und Brandschutz-Aufsicht erlaubt.

Neue Regenten: Christian I. und Marina II. führen den Retzbacher Carnevalsclub durch seine 41. Session. Die Prinzengarde durfte im Bild nicht fehlen, weil die Prinzessin ihre Trainerin ist.
Neue Regenten: Christian I. und Marina II. führen den Retzbacher Carnevalsclub durch seine 41. Session. Die Prinzengarde durfte im Bild nicht fehlen, weil die Prinzessin ihre Trainerin ist. Foto: Jürgen Kamm

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