MAIN-SPESSART

Ringen um die Hoheit über den Wald

Zukunftswald statt Steppe: Dieser vom Fürstenhaus Löwenstein verteilte Button soll mit Blick auf den Klimawandel für einen zügigen Umbau der Wälder werben. Wohl nicht nur um die Art und Weise dieses Umbaus geht es in einem Rechtsstreit zwischen Behörden und Fürstenhaus. Foto: Johannes Ungemach

In welchem Umfang dürfen staatliche Stellen einem privaten Waldbesitzer vorschreiben, wie er mit seinem Wald umzugehen hat? Auf diese Frage lässt sich ein Streit verdichten, der im Spessart zwischen amtlichen Stellen und dem Fürstenhaus Löwenstein entbrannt ist. Es ist ein bundesweiter Präzedenzfall, dessen Ausgang allein in Bayern potenziell rund 700 000 Waldbesitzer tangieren könnte.

Kulminieren wird der Streit Anfang Dezember in einer Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Würzburg. Fachkreise erwarten die Entscheidung mit großer Spannung. Geht es doch um nicht weniger als die Hoheit über Deutschlands Wälder, um Standards ihrer Bewirtschaftung und generell um die Gewichtung der verschiedenen Waldfunktionen wie beispielsweise Holznutzung oder Artenschutz.

Fichte als Auslaufmodell

Als vordergründiger Aufhänger des Streits können der Klimawandel und dessen Auswirkungen auf hiesige Wälder gelten. Unstrittig ist, dass steigende Temperaturen, Hitzeperioden und ein Mehr an Stürmen Einfluss auf die Waldzusammensetzung haben werden. Für viele Waldbesitzer bedeutet dies, dass sie schleunigst damit beginnen sollten, ihre Forsten fit für die Zukunft zu machen. Aus Monokulturen sollten bunt gemischte Wälder werden. Die Fichte gilt als Auslaufmodell, da sie unter dem Zunehmen von Hitze und Stürmen am meisten leiden wird.

Darüber, wie der Waldumbau konkret aussehen soll, ist nun der Streit im Spessart entbrannt. Ausgefochten wird er zwischen Forst- und Naturschutzbehörden auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Fürstenhaus Löwenstein, mit über 6000 Hektar einer der größten privaten Waldbesitzer im Land.

Die beiden Parteien streiten darüber, ob es zulässig ist, uralte Buchenwälder in einem noch dazu durch nationale und internationale Bestimmungen unter besonderem Schutz stehenden Gebiet wie dem Spessart auf großer Fläche kahlschlagähnlich aufzulichten, um dort Douglasien zu pflanzen.

Einwanderer spaltet

Diese Nadelbaumart stammt ursprünglich aus Nordamerika. Forstleute holten sie vor weit über 100 Jahren nach Europa. Auch in fränkischen Wäldern ist sie seither verbreitet, allerdings nur in geringen Anteilen. Doch seit einigen Jahren wird die Douglasie vermehrt gepflanzt, nicht nur im löwensteinschen Forst rund um das Hafenlohrtal, sondern beispielsweise auch im Staatswald des Spessarts. Grund ist, dass die Baumart zumindest in hiesigen Gefilden aufgrund ihrer Ansprüche als für den Klimawandel vergleichsweise gut gewappnet gilt. Ihr starker Zuwachs macht sie überdies betriebswirtschaftlich attraktiv. Bei Naturschützern indes ist der botanische Einwanderer verpönt, da er im Vergleich zu heimischen Bäumen relativ wenig Arten Lebensraum bietet.

Ausmaß und Art des Douglasienanbaus im löwensteinschen Forst weckten zunächst die Kritik von Naturschutzverbänden, schließlich auch von Forst und Naturschutzbehörden im Landkreis Main-Spessart.

Einschlagstopp verhängt

Es war dann das Landratsamt Main-Spessart, das gegenüber dem Fürstenhaus wegen mutmaßlicher Verstöße gegen Naturschutz- und Forstrecht einen Einschlagstopp verhängte und den Verkauf des geernteten Holzes verbot. Ein in dieser Form wohl einzigartiger Vorgang.

Das Fürstenhaus sieht sich durch das behördliche Handeln im Bestreben behindert, den Wald für die Herausforderung des Klimawandels zu wappnen. Es klagte gegen den Bescheid des Amtes und fordert Schadenersatz. Hinter den Kulissen hat längst ein forstpolitisches Ringen begonnen. Vor diesem Hintergrund hatte das Fürstenhaus für Donnerstag zu einem „Waldforum“ an den Stammsitz im Schloss Kleinheubach (Lkr. Miltenberg) eingeladen.

Dort legten Wissenschaftler der Universität München und des Senckenberg-Institutes das zu erwartende gravierende Ausmaß des Klimawandels und mögliche Auswirkungen auf die Wälder dar. Sie prognostizierten daneben, dass die Nachfrage nach dem klimaneutralen Rohstoff Holz aufgrund neuer Nutzungsformen und Strategien in Zukunft deutlich steigen werde.

Fürstenhaus kritisiert Behörden

Die Verantwortlichen derer zu Löwenstein sehen sich durch die Aussagen der Wissenschaftler in ihrem Handeln bestätigt. Bei den Behörden seien diese Erkenntnisse „offenbar noch nicht angekommen“, kritisiert Alois Konstantin zu Löwenstein. Die öffentliche Verwaltung arbeite beim Thema Klimawandel mit längst überholten Daten, „macht uns aber Vorschriften“, klagt er.

Konfrontiert mit dieser Aussage sagte Dr. Wolfgang Netsch vom zuständigen Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt (Lkr.

Main-Spessart), dass die Kritik „an der Realität total vorbeigeht“. Die staatliche Forstverwaltung sei seit Jahren „Motor des Waldumbaus“, biete Beratung und erhebliche Fördergelder auf. Gegen eine gewisse Beimischung der Douglasie gebe es „im Rahmen rechtlicher Vorgaben grundsätzlich keinerlei Einwände“. Das Einschreiten der Behörden resultiere allein aus Verstößen gegen rechtliche Bestimmungen, die für den Spessartwald gelten. Es geht um Biotopbäume, Artenschutz, sachgemäße Forstwirtschaft.

Wissenschaftler und Großprivatwaldbesitzer im Dialog: Fürst Alois Konstantin zu Löwenstein (vorne rechts) sowie (hinten von rechts) Erbprinzessin Stephanie zu Löwenstein, Prof. Dr. Gordon Winder, Amra Bobar (beide LMU München), Dr. Peter Manning (Senckenberg-Institut) und Dr. Christina Hans (LMU München) diskutierten über die Konsequenzen des Klimawandels für heimische Wälder und deren Bewirtschaftung.. Ungemach Foto: J

Waldbesitzerverand fordert mehr Verständnis für Waldnutzung

Auflagen wie diese sind dem Bayerischen Waldbesitzerverband schon lange ein Dorn im Auge. Dessen Vizepräsident Götz Freiherr von Rotenhan forderte in Kleinheubach, dass die Gesellschaft akzeptieren müsse, das große Teile des Forstes bewirtschaftet werden. Dies gelte umso stärker, wo immer mehr Waldflächen unter Schutz gestellt und aus der Nutzung genommen werden sollen, so Rotenhan auch mit Blick auf die Nationalparkdiskussion.

Egal wie das womöglich gezielt heraufbeschworene Urteil vor dem Verwaltungsgericht ausfallen wird, dürfte eines klar sein: Es wird nicht die letzte Instanz gewesen sein.

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