Aschaffenburg

Riskantes Manöver: Wie dieser Polizist einem Traktorfahrer das Leben rettete

Durch sein mutiges Eingreifen hat der Aschaffenburger Polizist Sebastian Grund möglicherweise ein größeres Unfalldrama verhindert. Foto: Polizei Aschaffenburg

Eine solche Extremsituation hat Sebastian Grund in elf Jahren Polizeidienst noch nicht erlebt. Der 31-Jährige war vergangenen Freitag auf dem Weg nach Hause, als ihm auf der Landstraße zwischen Großostheim und Schaafheim (Lkr. Aschaffenburg) ein Mercedes auffiel: Die Limousine war in leichten Schlangenlinien in hohem Tempo unterwegs.

Einfach weiterzufahren kam für Grund, der nicht im Dienst war, nicht in Frage. Er folgte der schwarzen Limousine, um gegebenenfalls die Kollegen in der Dienststelle benachrichtigen zu können. Mit gut 90 Stundenkilometern sei der Mercedes in der Abenddämmerung unterwegs gewesen, erzählt Grund im Rückblick. Und schon ging es Schlag auf Schlag.

Mehrfacher Überschlag

Grund sah in der Ferne vor ihnen zwei rote Rücklichter aufleuchten. Kurze Zeit später prallte der Mercedes, statt zu bremsen, mit voller Wucht auf das Heck eines Traktors. Der kam durch den Zusammenstoß von der Straße ab, überschlug sich mehrfach und landete auf einem Feld. 

Dann sei alles ganz schnell gegangen, erzählt der 31-jährige Polizist aus Großostheim. "Das war wie ein Programm, das abgelaufen ist. Ich habe mein Auto quergestellt, den Warnblinker angemacht und bin Richtung Unfallstelle gelaufen." Sein erster Blick galt den beiden verletzten Fahrern.

Am Steuer des Bulldogs: "Ich habe mich umgedreht und dann hat es geknallt"

Hinter dem Steuer des Traktors saß Eric Langen. Der 27-Jährige ist selbst bei der Feuerwehr in Großostheim aktiv. Den Bulldog-Oldtimer hatte er über drei Jahre in mühseliger Kleinarbeit restauriert. Am Freitagabend war er mit dem Fahrzeug Baujahr 1966 gerade auf dem Weg nach Hause.

Er schaue generell immer wieder während der Fahrt in den Rückspiegel, berichtet Langen drei Tage nach dem Unfall. "Ich weiß, dass ich mit dem Ding ein Verkehrshindernis bin." An den Moment auf der Landstraße erinnert er sich so: "Ich habe mich umgedreht und dann hat es geknallt." Langen wurde aus dem Sitz geschleudert, knallte mit dem Kopf gegen den Überrollbügel und wurde bewusstlos. Auf der Wiese neben der Straße wachte er wieder auf – mit einem gebrochenen Daumen und einer Platzwunde am Kopf.  

Durch den Aufprall hatte sich der Traktor aus dem Jahr 1966 mehrfach überschlagen.  Foto: Polizei Aschaffenburg

Oldtimer mit laufendem Motor auf Abwegen

Trotz mehrfachen Überschlags war der Traktor wieder auf allen vier Rädern gelandet - führerlos. Aus dem Augenwinkel beobachtete Ersthelfer Sebastian Grund, wie das Fahrzeug im Standgas weiterfuhr und plötzlich beschleunigte. Der 31-Jährige überlegte nicht lange und rannte los. Ihm ist nur ein Gedanke durch den Kopf geschossen, sagt Grund: "Da sind Aussiedlerhöfe und Fahrradwege. Der Traktor kann da nicht unbemannt in die Nacht hineinfahren."

Also versuchte der Polizist Schritt zu halten und sich mit einer Hand am Traktor festzuklammern. "Ich habe ganz schön zu kämpfen gehabt, da mitzuhalten." Er habe versucht, auf das Fahrzeug zu klettern - doch es gelang ihm nicht. Das Feld war nass, der Boden holprig.

"Ich habe ganz schön zu kämpfen gehabt, da mitzuhalten."
Sebastian Grund, Polizist im Landkreis Aschaffenburg

Der Traktor hatte mittlerweile einen starken Linksdrall, fuhr in einem weiten Bogen über das Feld - und steuerte geradewegs wieder auf den verletzten Eric Langen zu. Sebastian Grund erkannte die Gefahr und reagierte blitzschnell. Ohne lange nachzudenken, so schildert er die Szene rückblickend, begab er sich zwischen Vorder- und Hinterrad des etwa zweieinhalb Tonnen schweren Traktors.

165 Meter Lebensgefahr

Im Seitschritt hechtete er immer wieder an der Seitenkarosserie hoch und versuchte das Lenkrad herumzureißen. Dreimal bekam er es zu fassen. Das reichte, um die Fahrtrichtung zu ändern. Dann versuchte der Polizist das Kupplungspedal zu drücken – so lange bis sich der Gang löste und der Bulldog nach insgesamt 165 Metern mit laufendem Motor zum Stehen kam. Vier Meter mehr und Eric Langen wäre überrollt worden. 

Viel Zeit, über das riskante Manöver nachzudenken, blieb Grund nicht. Er schaute nach den Verletzten und leistete Erste Hilfe. Sowohl Traktorfahrer Langen wie auch der 42-jährige Fahrer der Limousine waren ansprechbar, bis auf leichte Verletzungen blieb ihnen Schlimmeres erspart. Grund rief schließlich auf der Diensstelle an und verständigte seine Kollegen. 

Das Unfallauto, das auf den Traktor aufgefahren war. Foto: Polizei Aschaffenburg

Erst großer Schreck, dann voller Stolz

Für seinen Mut erntete der 31-Jährige von allen Seiten Anerkennung. Auch sein Chef, Bruno Bozem, findet lobende Worte und betont: "Er hat sich für andere in Lebensgefahr begeben." Es gebe zwar für Polizeibeamte eine "höhere moralische Verpflichtung", in Gefahrensituationen zu helfen. Doch dieser Einsatz sei schon "außergewöhnlich". 

Seine Freundin sei dagegen im ersten Moment wenig begeistert gewesen, erzählt Grund drei Tage nach dem Unfall. Der Schreck sei so groß gewesen, dass sie ihm erstmal eine "verbale Schelle" verpasst habe. Mittlerweile überwiege der Stolz.

Auch Eric Langen, der Fahrer des Traktors, hat sich zwischenzeitlich bei seinem Retter bedankt: "Ohne ihn würde ich jetzt nicht mehr hier sitzen." Wenn es ihm wieder besser geht, wollen die beiden, die sich von gemeinsamen Einsätzen kennen, zusammen Essen gehen. Dass er sich selbst bei der waghalsigen Aktion Schürfwunden und Quetschungen an der Wade zugezogen hat, fiel Sebastian Grund erst auf, als sein Adrenalinpegel wieder ein normales Niveau erreicht hatte. 

Schlagworte

  • Aschaffenburg
  • Moritz Baumann
  • Auto
  • Debakel
  • Fahrer
  • Fahrzeuge und Verkehrsmittel
  • Feuerwehren
  • Oldtimer
  • Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte
  • Polizistinnen und Polizisten
  • Radwege
  • Unfallorte
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
10 10
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!