GEMÜNDEN

Schaden Müller und Depot der Innenstadt?

Pläne für zwei neue Märkte auf diesem Grundstück an der Weißensteinstraße beschäftigten den Gemündener Stadtrat. Foto: Michael Mahr

Das Vorhaben, im Gewerbegebiet Weißensteinstraße einen Müller-Drogeriemarkt und eine Depot-Filiale anzusiedeln, über das die Main-Post am Montag berichtete, hat in Gemünden für einigen Wirbel gesorgt. Verschiedene Einzelhändler kamen im Lauf des Tages auf das Stadtmarketing zu, das die Bedenken der Geschäftsleute an die Stadt weitertrug.

Man befürchtet ein weiteres Ausbluten der Innenstadt und weitere Leerstände. Die Ansiedlung der Müller- und Depot-Filialen könnte Kunden, die bisher die Innenstadt frequentieren, in die Randgebiete abziehen. Das Sortiment der beiden Märkte könnte aufgrund der Konkurrenz zur Schließung von Geschäften in der Innenstadt führen. Das beträfe auch die anderen Geschäfte dort, die von der Kundenfrequenz in der Innenstadt leben.

Erst die Einzelhändler anhören

Else Platzer vom Stadtmarketing bat Bürgermeister und Stadträte deswegen, die Entscheidung zu vertagen, um in den kommenden Wochen zuerst die Meinungen und Sorgen der Einzelhändler anzuhören. Die Mehrheit der Stadträte folgte dieser Bitte. Elf Stadträte stimmten für die Vertagung, acht fühlten sich wie Thomas Schmitt „ausreichend informiert“ und hätten lieber über das Vorhaben abgestimmt.

„Wenn die Änderungen von Flächennutzungs- und Bebauungsplan durch sind, können wir die Läden nicht mehr ablehnen?“, fragte Stadtrat Jürgen Stich. „Wir sind nicht die Genehmigungsbehörde“, antwortete Bürgermeister Jürgen Lippert. Solange danach der Bebauungsplan eingehalten wird, gebe es keinen Grund für eine Ablehnung, ergänzte Peter Interwies vom Bauamt der Stadt. Ohne Sondergebiet wären nur die bisherige Verkaufsfläche zugelassen.

Macht's die Größe?

Könnten Müller und Depot dann einfach kleinere Filialen öffnen, fragte Stadträtin Monika Poracky. Das würden sie nur, wenn die Laufzeit der Mietverträge kürzer wäre, sagte Dieter Stapp, der Projektmanager der Grundstücksbesitzer. Bei kürzeren Laufzeiten aber würde die Bank die Zwei-Millionen-Euro-Investition nicht finanzieren.

Man habe eine ganze Reihe von potenziellen Nutzern für das Gelände angesprochen, vom Getränkemarkt bis zum Fitnessstudio, so Stapp. Bis auf Müller und Depot traue sich jedoch keiner. Die meisten scheuen die Konkurrenz des großen und unmittelbar benachbarten Gewerbegebiets Langenprozelten.

Vieles gibt es auch in der Innenstadt

Vieles aus dem Sortiment der beiden Filialisten gebe es in der Innenstadt, so Monika Poracky. Die Kaufkraft wächst nicht, also wird der Kuchen für die Geschäfte dort kleiner, befürchtet sie. Das Fachspielwarengeschäft mit Beratung dort werde „nicht so wie bisher weiterleben“, nannte Stadtrat Matthias Risser ein Beispiel. Die Geschäftsleute in der Innenstadt hätten nicht viel finanziellen Spielraum. „Wenn's nur etwas runtergeht, sind die weg“, so Risser, der sich strikt gegen das Vorhaben aussprach.

Es gibt keine Festlegung der Stadt, etwa eine Innenstadtsatzung, die besagt, was die Stadt nicht zulassen dürfte, machte Bürgermeister Jürgen Lippert klar. Natürlich dürfe man sich aber fragen, ob die beiden Filialen mehr Kaufkraft in die Stadt holen oder die vorhandene nur anders verteilt wird. Leerstände in der Innenstadt wolle man nicht.

Locken die Märkte neue Kunden aus Karstadt?

Stadtrat Kilian Blum hält es durchaus für möglich, dass der Depot-Markt Kunden etwa aus Karlstadt nach Gemünden lockt, die bisher vielleicht in die Filiale in Würzburg gefahren sind. Eine neue Nutzung für das leerstehende Gebäude an der Weißensteinstraße fände Monika Poracky zwar gut. Die Ansiedlung eines Müller-Drogeriemarkts und einer Depot-Filiale aber würde die Innenstadt weiter ausbluten, ist sich sicher. „Dann sind wir die Totengräber der Innenstadt.“

Das Ausbluten der Innenstädte ist für Stadtrat Jürgen Stich dagegen eine allgemeine Entwicklung. „Wir werden das nicht verhindern.“ Die Ansiedlung anderer Märkte habe man bisher schließlich auch genehmigt, obwohl sie Sortimente führen, die es auch in der Innenstadt gibt.

Auch Edeka-Supermarkt steht im Sondergebiet

Auch Stadtrat Martin Geßner sieht keinen Grund, das Vorhaben abzulehnen. Die Fläche des benachbarten Edeka-Supermarkt sei auch Sondergebiet geworden. „Was für einen Grund sollten wir haben, das jetzt abzulehnen?“ Er sieht es eher positiv, dass sich bei einem Leerstand etwas tut. „Wir lösen einen Leerstand auf, schaffen dafür aber einen anderen“, sieht das Stadtrat Ferdinand Heilgenthal eher kritisch.

Wenn der Stadtrat das Vorhaben ablehnt, „suchen sich die Ketten in den Nachbarstädten 'was und siedeln sich dort an“, erwartet Helmut Aulbach. „Wir können auch nicht das Internet ablehnen“, sagte er, nur weil Online-Händler heimischen Geschäftsleuten Konkurrenz machen und Marktanteile wegnehmen.

Lippert: Entscheidung wird nicht leichter fallen

„Selbst wenn wir nochmals eine Ehrenrunde drehen, wird uns die Entscheidung nicht leichter fallen“, fasste Bürgermeister Jürgen Lippert die Diskussion zusammen. Es gebe Gründe für eine Zustimmung und solche dagegen. Wie Stadtrat Gerhard Köhler will er aber dem Verein Stadtmarketing Gemünden-aktiv, dessen Arbeit die Stadt ja unterstützt, Gelegenheit zu einer ausführlicheren Stellungnahme geben.

Zwei Filialen an der Weißensteinstraße

Das Gelände des früheren Kupsch-Supermarkts in Gemünden, zwischen Weißensteinstraße und Saaletalbahn, in dem später Deichmann und Takko Filialen unterhielten, soll im Flächennutzungsplan als Sondergebietsfläche ausgewiesen werden. Das ist nötig, weil die Verkaufsfläche im Neubau mit 1600 Quadratmeter rund ein Drittel größer werden soll als bisher.

Auch der Bebauungsplan muss geändert werden, um die beiden Filialen dort in einem Neubau anzusiedeln. Die Kosten dafür tragen die Investoren. Bernd Eilberger vom Ingenieurbüro IBE in Miltenberg stellte den Entwurf für den Bebauungsplan im Stadtrat vor, Projektmanager Dieter Stapp erläuterte Details des Vorhabens.

Im Müller-Markt sollen auf knapp 1100 Quadratmetern unter anderem Drogerieartikel, Parfüms, Strümpfe, Schreib- und Spielwaren sowie Handarbeiten angeboten werden. Der Depot-Markt will auf knapp 500 Quadratmetern unter anderem Bücher und Zeitschriften, Glas, Porzellan und Geschenkartikel, Holz-, Korb- und Flechtwaren, Haustextilien, Einrichtungszubehör, Parfüm und Kosmetik, Haushaltswaren, Geschirr und Möbelstücke anbieten.

Mit dem Landesentwicklungsplan und dem Regionalplan der Region Würzburg sei das Vorhaben vereinbar, erfuhren die Stadträte. mm

„Dann sind wir die Totengräber der Innenstadt.“
Monika Poracky, Stadträtin

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