Lohr

Scheuchte in Lohr ein Lokführer Einbrecher mit erbeutetem Rad auf?

Die Diebe brachen die Eingangstüre auf: drei der vier Cube-Fahrräder und die Täter sind verschwunden.  Foto: Roland Pleier

Donnerstag, 27. Juni 2019, 12 Uhr: Ein maskierter Mann mit Pennytasche überfällt die Lohrer Filiale der HypoVereinsbank Lohr und erpresst mit vorgehaltener Pistole mehrere tausend Euro

Dienstag, 8. Oktober 2019, 9.20 Uhr: Ein Unbekannter, 20 bis 25 Jahre alt, stiehlt in der Tropics-Filiale in der Jahnstraße Bekleidung und bedroht die Verkäuferin, indem er ihr ein Messer an den Hals hält.

Mittwoch, 9. Oktober 2019, 2 Uhr: Mindestens zwei Unbekannte brechen nachts in den Verkaufsraum des Fahrradhändlers Cube ein und stehlen vier Räder. Eines davon hinterlassen sie bei ihrer Flucht auf dem Bahndamm Richtung Partenstein liegen.

Zwei Raubüberfälle, ein schwerer Diebstahl in vier Monaten – fast könnte man auf den Gedanken kommen, in Lohr seien wieder Spessarträuber aktiv. Das ist natürlich abwegig und nicht vergleichbar. Der moderne Spessarträuber überfällt keine Kutschen mehr auf holprigen Waldwegen. Er taucht dort auf, wo mutmaßlich Geld oder wertvolle Gegenstände zu haben sind – und dann wieder unter. Dabei ist gar nicht gesagt, dass er aus dem Spessart kommt. 

Fakt ist: In allen drei genannten Fällen tappt die Polizei bislang im Dunkeln, wie Nachfragen ergaben. Es gebe keinerlei heiße Spuren, erklärten sowohl die Pressestelle des Polizeipräsidiums Unterfranken als auch die Inspektion Lohr. Doch es gibt neue Details.

Ein Fünkchen Hoffnung

So hat die Lohrer Polizei einen kleinen Hoffnungsschimmer im Fall des Tropics-Überfalls. Wie Bilder einer Überwachungskamera zeigen, war in etwa zur Tatzeit ein Mann an dem Modegeschäft in der Jahnstraße vorbeigelaufen und in sein Auto gestiegen. Die Polizei werde auf jeden Fall noch Kontakt mit diesem Zeugen aufnehmen, so Inspektionsleiter Wolfgang Remelka auf Nachfrage.

Nach dem Überfall auf die Tropics-Filiale am 8. Oktober in der Jahnstraße: Die Polizei befragt noch einen Zeugen. Foto: Björn Kohlhepp

Im Geschäft selbst gab es keine Überwachungskameras, als der etwa 20 bis 25 Jahre alte Mann Bekleidung mitnehmen wollte, ohne zu bezahlen, und der Verkäuferin ein Messer an den Hals hielt, nachdem ihn diese angesprochen hatte. So liegt nur folgende Beschreibung vor: Er ist etwa 1,75 bis 1,80 Meter groß, hat eine schlanke Figur, dunkle Hautfarbe und einen leichten Oberlippenbart. Er war bekleidet mit einer schwarzen Jacke mit Kapuze und hellen Sportschuhen. Die Verkäuferin indes scheint das Erlebnis gut weggesteckt zu haben: Laut Remelka ist sie am Nachmittag bereits wieder ihrer Tätigkeit nachgegangen.

Keinerlei Hinweis hat die Polizei auch auf die Unbekannten, die in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche in den Verkaufsraum des Fahrradhändlers Cube im Weinbergweg eingebrochen waren. Sie brachen die Eingangstüre auf und nahmen vier hochwertige Fahrräder im Gesamtwert von 20 000 Euro mit – drei E-Bikes und ein Rennrad.

Ausspioniert? Diebe pickten sich gezielt neue Modelle heraus

Die Indizien sprechen alle dafür, dass die Unbekannten die Situation vor Ort genau ausbaldowert hatten: Sie pickten sich nicht nur – offenbar gezielt – drei der Räder aus einer Gruppe von E-Bikes heraus, sondern auch ein etwas entfernter stehendes Rennrad. "Das waren alles neue Modelle", erläuterte Dietmar Adelmann, Leiter des Cube Stores Lohr, auf Anfrage der Redaktion.

Um auf das Gelände zu kommen, schnitten sie ein Loch in den Zaun zum Bahndamm. Dann brachen sie die Eingangstüre auf, brauchten also Werkzeuge. Vor Ort gefunden wurden jedoch keine, so Remelka. Die Bilder einer Überwachungskamera lassen auch keine Rückschlüsse auf die Identität der Täter zu. Der Lohrer Polizeichef aber ist sich sicher: "Anfänger waren das nicht."

Was Rätsel aufwirft, ist das Verhalten der Einbrecher, nachdem sie nachts um 2.04 Uhr Alarm ausgelöst hatten. Wo war ihr Flucht- und Transportfahrzeug abgestellt? Welchen Weg hatten sie sich ausgeguckt? Gab es einen Fahrer als dritten Täter?

Durchkreuzte die Polizei den Plan der Einbrecher?

Geradezu mysteriös ist bislang auch, warum eines der gestohlenen E-Bikes auf dem Bahndamm liegen blieb – gut 800 Meter vom Cube-Store entfernt Richtung Partenstein. Bis zur Bundesstraße 276, der Partensteiner Straße, waren es von dort keine 300 Meter mehr. 

Was aus der ersten Polizeimeldung nicht hervorging: Just an dieser Stelle wurde einer der Fahrraddiebe sogar gesehen – und das eine Stunde nach dem Einbruch. Ein Zugführer hatte einen Mann aus dem Gebüsch neben dem Bahndamm springen und mit einem zweiten Fahrrad davonfahren sehen. War dieser allein mit zwei Fahrrädern unterwegs gewesen? Blieb ein zweiter Dieb im Gebüsch verborgen und war er es, der dann das zweite Fahrrad liegen ließ?

Offen ist auch der Fluchtweg: War es der Weinbergweg unterhalb des Bahndamms oder der Beilsteinweg oberhalb?  Beide verlaufen parallel zu den Gleisen und sind auf Höhe der Gärtnerei der Mainfränkischen Werkstätten durch eine Fußgänger-Unterführung verbunden.

Eine Stunde lang im Gebüsch versteckt?

Wie berichtet, hatte die Polizei rasch eine Großfahndung eingeleitet, an der auch ein Hubschrauber und Suchhunde beteiligt waren. War die Polizei womöglich so schnell vor Ort, dass sie die Pläne der Einbrecher durchkreuzte? Um die Fahndung nicht zu gefährden, hatte die Bahn ihre Zugführer auf Geheiß der Polizei informiert, auf diesem Streckenabschnitt nur langsam, "auf Sicht zu fahren", so der Lohrer Polizeichef. Besagter Zugführer hatte seinen Zug sogar angehalten. Es sieht also ganz danach aus, als habe sich zumindest einer der Einbrecher eine Stunde lang am Bahndamm versteckt. 

Reparabel und verkäuflich sei das hinterlassene E-Bike nicht mehr, sagte Store-Leiter Adelmann. "Das kann man nicht mehr ersetzen." Er jedenfalls hat umgehend reagiert und noch weitere Kameras im Verkaufsraum installiert. Fahrraddiebstähle seien "ein großes Problem" geworden, das sei in der ganzen Branche bekannt. Ein Blick auf Einbrüche in unterfränkische Fahrradgeschäfte zeigt zumindest eine Kontinuität dieser Straftaten.

Die folgende Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

Allein bei diesen neun Fällen in sieben Jahren wurden demnach 228 Räder gestohlen. Der Gesamtschaden beträgt deutlich über 700 000 Euro.

Volkacher Fall vor Gericht

Der zweite Volkacher Beutezug ist zumindest teilweise aufgeklärt: Im Juli vergangenen Jahres standen zwei Mitglieder der vier- bis sechsköpfigen Bande vor Gericht. Sie waren aufgeflogen, nachdem sie auf ihrer Flucht kalte Füße bekommen und den Kastenwagen mit den gestohlenen Rädern auf einem Rastplatz bei Neumarkt in der Oberpfalz hatten stehen lassen. Die beiden waren ermittelt und von Rumänien ausgeliefert worden. 

Etliche Spuren führen nach Rumänien

Dass Einbrecher ausfindig gemacht werden, ist die Ausnahme. Das mag damit zusammenhängen, dass es nicht selten Diebesbanden sind, die aus dem Ausland anreisen. Erst am 9. Oktober  durchsuchten deutsche und rumänische Polizisten Wohnungen in Köln und Sercaia, in denen vermeintlich Mitglieder eine E-Bike-Diebesbande leben sollen. Wie aus einer Pressemeldung hervorgeht, stehen die 13 überwiegend verwandten Beschuldigten im Verdacht, 55 hochwertige E-Bikes gestohlen und in Einzelteilen nach Rumänien geschafft zu haben. Zwei Jahre ist es her, dass 68 Elektroräder an der ungarisch-rumänischen Grenze sichergestellt wurden. Sie waren wenige Tage vorher in Bad Mergentheim gestohlen worden.

Nur Ladendiebstähle sind häufiger

Laut Bundeskriminalamt lag der Anteil der Fahrraddiebstähle an allen Diebstählen in Deutschland bei 15 Prozent und von der Häufigkeit her damit dicht hinter Ladendiebstahl (17,5) und der Sammelrubrik "Sonstiger Diebstahl" (37 Prozent) auf Platz drei der Diebstahlsdelikte.

In Bayern war die Zahl der Fahrraddiebstähle laut einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur aus dem Jahr 2017 zwar rückläufig. Der Gesamtschaden der verschwundenen Fahrräder jedoch hat zugenommen: Immer Diebstahlsmeldungen beinhalten den Zusatz "hochwertige Fahrräder". 

Während die Lohrer Polizei noch darauf wartet, ob an dem hinterlassenen Fahrrad polizeibekannte Fingerabdrücke oder DNA-Spuren zu finden sind, sichtet Store-Leiter Adelmann stundenlang Videos auf der Suche nach einem Verdächtigen, der das Geschäft im Vorfeld ausspioniert haben dürfte.

Der Lohrer Bankräuber trug eine dunkle 2/3-Hose der Marke Engelbert-Strauss. Foto: Polizeipräsidium Unterfranken

Im Fall des Bankräubers allerdings tritt die Kriminalpolizei nach wie vor auf der Stelle. Zwar sind neben dem offiziellen Fahndungsfoto zwei weitere Bilder der Überwachungskamera zu finden, die den Mann auch in seiner dunklen 2/3-Hose der Marke Engelbert-Strauss zeigen. Einer aktuelle Auskunft des Polizeipräsidiums zufolge "führten die aktuell noch laufenden Ermittlungen" jedoch "zu keinen neuen Erkenntnissen".

Das Fahndungsfoto des Bankräubers, der am 27. Juni die HypoVereinsbank in Lohr überfiel.  Foto: Polizei

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