Schlagfertig und geschichtsfest soll er sein

Karlstadt Die Anfragen kamen in diesem Jahr sogar aus Arnstein und Gräfendorf. Das habe sie leider ablehnen müssen, erzählt Ingeborg Knaus, sozusagen Sekretärin des Karlstadter Nikolaus und verantwortlich für Planung und Organisation der Nikolaus-Besuche, die der Heimat- und Trachtenverein Karlstadt jedes Jahr am 5. und 6. Dezember stemmt. 40 Besuche stehen für die Teams aus Nikolaus, Knecht Ruprecht und Fahrer dieses Jahr auf dem Programm. Wie es sich anfühlt, Jahr für Jahr mit Bart und der Aura eines ehrfürchtigen Mannes vor Kindern und Erwachsenen zu stehen, erzählt Christian Knaus.

FRAGE: Können Sie sich an ihre eigene, erste Begegnung mit dem Nikolaus erinnern?

Christian Knaus: Bei mir selbst ist der Nikolaus ehrlich gesagt nie gewesen. Aber ich habe als Kind immer am Fenster gesessen und geschaut, wo er läuft. Schließlich war bei meinen Großeltern im Früchtehaus Ramsch schon damals die Nikolaus-Annahmestelle.

Wann sind Sie dann selbst zum ersten Mal Nikolaus geworden?

Knaus: Vor rund 20 Jahren. Ich war zunächst ein Jahr Ruprecht, dann hatte ich meine Feuertaufe in einer Krabbelstube.

Wie reagieren die Kinder heute auf Sie? Schließlich sehen Sie nicht aus wie der Nikolaus aus dem Fernsehen, sondern eher wie ein Bischof?

Knaus: Mit Ehrfurcht, sie werden ganz still. Das liegt auch an ihrem Blickwinkel von unten. Mitsamt Mitra bin ich doch ziemlich hoch. Deswegen ist es auch wichtig ein Kind, das weint, auf den Arm zu nehmen und auf Augenhöhe zu bringen.

Was wollen Sie vermitteln?

Knaus: Zunächst wollen wir eine Gegenbewegung darstellen zum furcht einflößenden Nikolaus, bei dem Ruprecht mit der Kette gegen das Garagentor klopft. Vor den Kindern hat jeder Nikolaus seinen eigenen Stil. Ich mache das eher „sakral“, sage, ich habe heute Namenstag und beziehe mich dabei auf den „echten“ Nikolaus von Myra, der als Bischof wirkte. Dabei versuche ich, ins Gespräch mit den Kindern zu kommen.

Sie bekommen aber auch von den Eltern Zettel mit Hinweisen, was zu loben oder zu tadeln wäre?

Knaus: Ja. Beliebte Dinge sind hier zum Beispiel der Schnuller, den ich mitnehmen soll oder das Thema Zimmer aufräumen. Wichtig ist, dass man die Informationen, die man von den Eltern bekommt, nicht herunterleiert. Oder den Fünfjährigen, der noch ins Bett macht, nicht vor versammelter Mannschaft darauf anspricht.

Welche Rolle spielen die Erwachsenen?

Knaus: Wenn wir in die Familien gehen haben wir das Geschehen der nächsten 20 Minuten in der Hand. Da haben auch die Eltern nicht viel zu sagen. Generell aber ist es schön, wenn sich die Familien in der hektischen Vorweihnachtszeit eine Stunde zusammensetzen. Bei vielen Traditionen muss man heute kämpfen. Diese hier wird angenommen und gepflegt. Wir sind teilweise in Familien, da war Franz-Josef Keller als Nikolaus bereits bei der Großmutter.

Was passiert mit Ihnen, wenn Sie in die Nikolaus-Rolle schlüpfen?

Knaus: Ich laufe nachher nicht segnend durch die Stadt. Aber die Besuche berühren einen schon. Die Familien sitzen in ihren Wohnzimmern, Kerzen brennen, die Kinder gucken dich mit großen Augen an, das ist schon bewegend.

Ist das Gewand eigentlich bequem?

Knaus: Die Mitra sitzt recht eng und drückt auf die Dauer. Außerdem muss ich sie bei jeder Autofahrt ausziehen, meinen Bischofsstab auseinanderschrauben, das ist aufwendig.

Sie gehen auch in die türkischen Haushalte.

Knaus: Ja. Die ehemalige Wirkungsstätte des Nikolaus von Myra liegt ja in der heutigen Türkei. Bei den Besuchen in den türkischen Familien erzähle ich dann weniger vom Christkind und den Engel, sondern eher von meiner Herkunft aus Kleinasien.

Sind Sie schon einmal entlarvt worden?

Knaus: Nein. Aber es ist wichtig, dass alles echt aussieht. Also man nicht in Turnschuhen kommt, sondern in schweren Stiefeln. Und dass keine dunklen Haare hinten herausgucken, wenn die Augenbrauen vorne weiß sind. Und dass keiner am Bart zieht.

Wie sieht es denn mit dem Nikolaus-Nachwuchs aus? Gibt es genug?

Knaus: Wir haben genügend Leute. Allerdings ist auch nicht jeder geeignet. Man muss schlagfertig sein, improvisieren können und geschichtsfest sein. Wenn man sich dann auch noch Dinge aus dem letzten Jahr merkt und die Kinder drauf anspricht, also zum Beispiel ,wie läuft es denn mittlerweile in der Schule?‘ sind die total baff. Da gibt es den Nikolaus dann plötzlich wirklich.

Karlstadter Nikolausaktion

Die Nikolausaktion des Heimat- und Volkstrachtenvereins Karlstadt gibt es bereits seit 1955. Hier eröffnete das erste Nikolaus-Büro am Karlstadter Marktplatz. Maßgeblich an der Aktion beteiligt war Franz-Josef Keller, der damalige Vorsitzende des Vereins. Bis Ende der 90er Jahre war er selbst als Nikolaus unterwegs. Mittlerweile gibt es mehrere Teams bestehend aus einem Nikolaus, Knecht Ruprecht und einem Fahrer, die die verschiedenen Familien besuchen, die vorher einen Nikolaus im Büro „bestellt“ haben. Das Konzept basiert auf Ehrenamt und Spendenbasis. Deshalb ist es jeder Familie selbst überlassen, wie viel sie gibt. Alle Spenden kommen der Jugendarbeit des Vereins zugute.

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