Lohr/Rechtenbach

Schließt sich Rechtenbach Lohr an?

In Rechtenbach gibt es die Idee einer Eingemeindung nach Lohr. Doch wie steht Lohr dazu? Schon einmal lehnte die klamme Stadt das Ansinnen der Rechtenbacher ab.
Das Kriegerdenkmal an der Kirche in Rechtenbach. Foto: Björn Kohlhepp

Wäre ein Eingemeindung Rechtenbachs nach Lohr denkbar? Zuletzt gab es aus Rechtenbach Signale, dass man sich diesen Schritt vorstellen könnte. Rechtenbachs Bürgermeister Klaus Bartel sagt auf Anfrage dazu: "Das ist eine Idee, sonst nix." Da hänge so viel dran. Bisher habe man nur intern mit den Gemeinderäten darüber gesprochen, aber weder mit Behörden noch mit der Stadt Lohr. Bartel: "Wenn es was Konkretes gibt, dann wird es die Öffentlichkeit erfahren." 

Bisher habe es noch keine offiziellen Gespräche zwischen der Gemeinde Rechtenbach und der Stadt Lohr bezüglich einer möglichen Eingemeindung gegeben, sagt auch Lohrs Bürgermeister Mario Paul in einem Gespräch mit der Redaktion. Inoffizielle schon? Bei dieser Frage muss Paul lächeln. Zuallererst sei die Frage eine Angelegenheit der Gemeinde Rechtenbach. "Wir prüfen das, wenn es einen Antrag der Gemeinde gibt." Zu konkreten Fragen, was Vor- und Nachteile einer Eingemeindung Rechtenbachs nach Lohr wären, ob die derzeit finanziell belastete Stadt dies schultern könnte, wollte sich Paul deshalb nicht äußern.

"Wir prüfen das, wenn es einen Antrag der Gemeinde gibt."
Lohrs Bürgermeister Paul zur Idee der Eingemeindung

Allgemein gelte es bei einer Eingemeindung zu klären, wie eine solche vonstatten gehen könnte. Paul: "Dafür gibt es keine Blaupause." Die Regierung von Unterfranken müsste bei einem entsprechenden Antrag etwa im konkreten Fall prüfen, was eine Eingemeindung Rechtenbachs für die Verwaltungsgemeinschaft (VG) Lohr bedeuten würde. Der VG gehören neben Rechtenbach auch Neuendorf, Neustadt und Steinfeld an. Dann müsste man sich seitens der Stadt fragen: "Was heißt es, wenn wir für 800, 900, 1000 Menschen zusätzliche Aufgaben übernehmen?" Wahrscheinlich wäre mehr Personal nötig, vermutlich würden auch mehr Räume gebraucht. Auf jeden Fall sähe er eine Eingemeindung als große Verantwortung gegenüber den Neubürgern und auch den jetzigen Lohrern.

Paul sieht es ähnlich wie Landrat Thomas Schiebel, der kürzlich seine Ansicht geäußert hat, dass eine neue Gebietsreform nötig wäre. "In der Tendenz, glaube ich, hat er Recht", findet Lohrs Bürgermeister. Es müsse nicht unbedingt gleich eine neue Gebietsreform sein, aber er stelle sich die Frage, ob es nicht seitens des Freistaats ein Förderprogramm geben sollte, um freiwillige Zusammenschlüsse und Eingemeindungen zu unterstützen – sowohl finanziell für dabei anfallende Investitionen in Gebäude und Infrastruktur als auch durch Know-how.

Es gab schon einmal einen Anlauf zur Eingemeindung

1975 gab es schon einmal einen Anlauf für eine Eingemeindung Rechtenbachs nach Lohr. Am 31. August jenes Jahres gab es in Rechtenbach eine Bürgerbefragung. Gut zwei Drittel der Rechtenbacher stimmten für einen Beitritt. Aber schon wenige Tage später erteilte der Lohrer Stadtrat dem Ansinnen eine Absage. Zur Überraschung vieler hatte sich der Lohrer Stadtrat in einer nichtöffentlichen Sondersitzung dazu entschlossen, "keinen weiteren Eingemeindungswünschen mehr zu entsprechen", hieß es am 4. September in der Main-Post.

Man habe die Bildung einer Verwaltungsgemeinschaft der Umlandgemeinden mit Sitz in Lohr nicht dadurch gefährden wollen, dass man "Schlüsselgemeinden" in die Stadt eingemeinde, sagte der damalige amtierende Zweite Lohrer Bürgermeister Albin Brehm der Presse zu den Gründen. Mit dem Entschluss habe man dem Tenor eines Treffens der Bürgermeister der Umlandgemeinden entsprochen, bei dem einige Wochen zuvor eine "große Verwaltungsgemeinschaft" das erklärte Ziel gewesen sei.

Alternatividee einer großen VG

Diese große Verwaltungsgemeinschaft, die in den Köpfen der Bürgermeister, aber nicht im Konzept der Staatsregierung war, sollte neben den Gemeinden der jetzigen VG Lohr auch noch Wiesenfeld, Wiesthal, Neuhütten und Rothenfels umfassen. Der Lohrer Stadtrat begründete sein Plädoyer für diese große VG mit "gewachsenen Bindungen" und kam zu der Einschätzung, dass sie "der einzige richtige Weg" sei, weil sie den Gemeinden "die größten Vorteile und die besten Zukunftschancen" biete.

Ganz ohne Eigennutz lehnte der Lohrer Stadtrat die Eingemeindung Rechtenbachs aber wohl nicht ab. So dürfte auch die eigene Chance auf den Erhalt des Kreissitzes eine Rolle gespielt haben. Wäre eine Gemeinde nach der anderen in die Stadt Lohr eingemeindet worden, hätte dieser womöglich das nötige Umfeld gefehlt. Umgekehrt gab es damals auch Stimmen, die unkten, dass die große VG von der Regierung nur abgelehnt werde, weil man die Stadt Lohr mit Blick auf den Kreissitzentscheid schwächen wolle.

Deutlich höhere Pro-Kopf-Verschuldung in Lohr

Sicher dürfte hingegen sein, dass die Lohrer Stadträte durch weitere Eingemeindungen relativ armer Umlandgemeinden die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stadt überstrapaziert sahen. Dies könnte ob der aktuellen finanziellen Lage Lohrs auch heute wieder ein entscheidender Punkt werden. In Lohr liegt die Pro-Kopf-Verschuldung derzeit bei 646 Euro. Rechnet man die Schulden von Stadtwerken und Zweckverband mit dazu, ergeben sich sogar stolze 1712 Euro Schulden pro Kopf. In Rechtenbach liegt dieser Wert bei 451 Euro.

Vorgeworfen wurde der Stadt Lohr damals, dass man die Ablehnung der Eingemeindung nicht zu Beginn der Diskussion sondern erst nach der Bürgerbefragung verkündet hatte. Denn im Vorfeld war man offenbar davon ausgegangen, dass die Stadt die Rechtenbacher aufnehmen würde. Vor den Rechtenbacher Bürgern hatte sich schon der Gemeinderat bei einer "Meinungsumfrage" durch den damaligen Bürgermeister Leo Väthjunker mit acht von elf Stimmen für eine Eingemeindung ausgesprochen. "Alle Fakten sprechen für eine Eingemeindung Rechtenbachs nach Lohr", so der Bürgermeister damals. Eine "kleine VG Lohr", also die Form, die die später realisierte VG seit nunmehr knapp drei Jahrzehnten hat, hielt Väthjunker zu diesem Zeitpunkt für zu teuer und für eine "Totgeburt".

Lohr als finanzkräftiger Partner

Der Tenor des Gemeinderates wurde wenig später bei einer Bürgerversammlung bestätigt, wo die deutliche Mehrheit der Redner ebenfalls für die Eingemeindung nach Lohr plädierte. Ewald Durchholz etwa sagte:  "Beim Zusammenschluss mehrerer armer Gemeinden wird daraus keine reiche Gemeinde." Man solle Lohr als finanzkräftigen Partner aussuchen. Am Ende der "zeitweise recht temperamentvollen Bürgerversammlung", wie es in einem Zeitungsbericht hieß, sei dann jedoch mehrfach die Frage laut geworden, "ob Lohr denn die Rechtenbacher überhaupt noch nimmt". Wie sich wenig später herausstellte, war diese Frage mehr als berechtigt.

Zumindest in Sachen Abwasser wird Rechtenbach bald an Lohr angeschlossen. Der Bau der Leitung durch das Rechtenbachtal nach Lohr wird voraussichtlich 2020 beginnen. Mit der Schließung der Rechtenbacher Grundschule werden die Rechtenbacher Kinder bereits seit 2005 an der Lohrer Grundschule unterrichtet.

Schlagworte

  • Lohr
  • Rechtenbach
  • Björn Kohlhepp
  • Bau
  • Bürger
  • Bürgermeister und Oberbürgermeister
  • Kinder und Jugendliche
  • Klaus Bartel
  • Main-Post Würzburg
  • Mario Paul
  • Regierung von Unterfranken
  • Regierungen und Regierungseinrichtungen
  • Stadträte und Gemeinderäte
  • Städte
  • Thomas Schiebel
  • Öffentliche Behörden
  • Öffentlichkeit
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!