KARLSTADT

Schmerzhafte aber erlösende Vergangenheitsbewältigung

Bei einer szenischen Lesung, initiiert von der Stadtbibliothek und vom Förderverein „Ehemalige Synagoge Laudenbach“, präsentierten Wolfgang Tröster, Eva Maselli, Marliese Stumpf und Georg Schirmer Auszüge aus Jehuda Amichais Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“. Bibliotheksleiterin Sina Köhlnhofer begrüßte in der Hohen Kemenate in Karlstadt 70 Gäste, darunter Elisabeth Stein-Salomon, Initiatorin des Kulturprojektes „Würzburg liest“.

Der Autor Amichai

Jehuda Amichai, 1924 als Ludwig Pfeuffer in Würzburg geboren, emigrierte 1935 nach Palästina und lebte von 1937 bis zu seinem Tod im Jahr 2000 in Jerusalem. Er war einer der renommiertesten israelischen Schriftsteller. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

In Deutschland fanden seine Werke zunächst kaum Beachtung. Sein einziger Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“ der 1959 nach einer Deutschlandreise entstand, erschien 1963 und wurde 1982 mit dem hochdotierten Israel-Preis ausgezeichnet. Erst viele Jahre später wurde eine deutsche Übersetzung des Werkes herausgegeben.

Durch das Projekt „Würzburg liest“ erschien eine Neuausgabe des Romans sowie eine Sammlung von Amichais Texten und Gedichten. 1981 wurde Jehuda Amichai mit dem Kulturpreis seiner Geburtsstadt Würzburg ausgezeichnet und 2005 eine Straße im Ringpark nach ihm benannt.

Bewegendes Schicksal Joels

In eindrucksvoller Weise wurden an diesem Abend Passagen aus dem stark autobiografisch geprägtem Werk präsentiert – die ergreifende Geschichte des jungen Jerusalemer Archäologen Joel, der in einer Art Mission der Vergangenheitsbewältigung einen Sommer lang in seine noch weitgehend zerstörte Geburtsstadt „Weinburg“ (Würzburg) zurückkehrt.

In einem Traum begegnet Joel immer wieder seiner Jugendliebe Ruth, die im KZ ermordet wurde. Emotional hin- und hergerissen, ist Joel einerseits von der Sehnsucht getrieben, die Schauplätze seiner Kindheit in „Weinburg“ aufzusuchen, andererseits verspürt er den Drang, an den während des Naziregimes für die Judendeportationen Verantwortlichen Rache zu üben.

Spannungsreich und an alternierenden Schauplätzen vermischen sich hier Wirklichkeit und Imagination und gelangen mithilfe einer sehr anschaulichen und suggestiv-bildreichen Sprache am Ende zum Fazit: „Die Vergangenheit lässt sich nur bewältigen, indem man sie in die Gegenwart integriert“.

Musikalisch wurde die Lesung mit authentischen jiddischen Liedern umrahmt, gespielt von Violinistin Maria Hussong und Georg Schirmer (Klavier und Gesang), bei denen Schwermut und Melancholie vorherrschten, aber der typische bissige Humor nicht zu kurz kam. Köstlich auch das vielsagende Lied von der „Frau Schmitt“, die bei allem mitmacht, was der Zeitgeist so hergibt und sich eines unbeschwerten Lebens freut – weitab jeglicher Gewissensbisse.

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