HOFSTETTEN

Schönrain: Die einsame Ruine im Spessart

Schönrain Das alte Gemäuer im Spessart war einst Klo- ster und Schloss. Wilde Sagen und Legenden ranken sich darum.
Einsam, aber schick: Die Fenster der Renaissance-Schlossruine mitten im Wald haben Vorhanggewände. Einst sollen Raubritter dort ihr Unwesen getrieben haben. Foto: Björn Kohlhepp

Wie mag es gewesen sein, als sich hier einst Mönche und Adelige, womöglich sogar Raubritter tummelten? Heute vermag man sich das kaum vorzustellen, wenn man einen Ausflug zu der wohl einsamsten Ruine ihrer Größe in der Region macht: der Ruine Schönrain. Sie erhebt sich auf einem Hügelsporn zwischen Gemünden und Lohr (Lkr. Main-Spessart) mitten aus dem Wald oberhalb einer Biegung des Mains. Auch am Wochenende ist man hier als Besucher oft mutterseelenallein. Vom runden Turm aus bietet sich ein schöner Ausblick, und das Gelände lädt zum Entdecken ein.

„Das Schöne ist, dass man hier zur Ruhe kommt“, sagt Oliver Herrmann, Vorsitzender des Vereins „Gefährten Schönrains & Freunde“, der sich dem Erhalt der Ruine verschrieben und schon einige Entdeckungen gemacht hat. Der Architekt aus Lohr ist immer noch fasziniert von den zum Teil fast 1000 Jahre alten Mauern. Viele Sagen und Legenden ranken sich darum, etwa die, dass die heilige Lioba auf Schönrain schon um 750 ein Kloster gegründet hat. Eine als karolingisches Portal gedeutete Tür, durch die man heute über eine Treppe auf den südwestlichen Grasplatz mit Blick hinunter auf den Main gelangt, soll aus dieser Zeit stammen.

Da der Forstweg, der an dem Gemäuer vorbeiführt, nur für land- und forstwirtschaftliche Zwecke befahren werden darf, erreicht man die Ruine nur zu Fuß oder mit dem Rad. Wer nicht den Markierungen des „Fränkischen Marienwegs“ oder des „Spessartwegs 1“ folgt und sich selbst einen Weg sucht, läuft Gefahr, sich im dichten Spessartausläufer auf der Fränkischen Platte zu verirren. Gern genommen wird auch der direkte, aber steile Aufstieg vom Tal des Ziegelbachs den teils terrassierten Hang hinauf. Der Weg lohnt sich. Schon vor Errichtung des Benediktinerklosters 1093 wurde der linksmainisch gelegene Ort der schöne Rain genannt.

Was man heute sieht, sind vor allem Überreste eines 1556 erbauten Renaissance-Schlosses mit Turm und schmucken Fenstergewänden in Vorhangform. Der große Gewölbekeller der Ruine ist für die Öffentlichkeit inzwischen leider verschlossen. Einer alten Sage nach soll dort ein großer Schatz versteckt sein – über den jedoch der Teufel wache. Oliver Herrmann sagt, dass durch die Gitter an den Zugängen und Fenstern die Fledermäuse im Keller geschützt werden sollen.

Will die Ruine erhalten: Oliver Herrmann, Vorsitzender der „Gefährten Schönrains“. Foto: Björn Kohlhepp

Der in den 80er Jahren unter der Ruine durchgegrabene Schönraintunnel, ein Teil der Schnellfahrstrecke Hannover-Würzburg, hat dem Gemäuer, anders als von manchen befürchtet, bisher offenbar nicht geschadet. Archäologische Untersuchungen gab es bisher nicht, dabei ließe sich wohl einiges finden.

So ist etwa noch nicht wirklich geklärt, wo eigentlich die Klosterkirche stand, von der sich noch Säulen, Kapitelle und Schachbrettfries-Steine an verschiedenen Stellen eingemauert auf dem Gelände finden. Herrmann zeigt auf ein Kapitell, das offenbar in den 1970er Jahren bei Sicherungsmaßnahmen – wohl in guter Absicht – verkehrt herum auf ein Mauerstück gesetzt wurde.

Anlass für die Gründung des Benediktinerklosters war eine Bluttat. Der Thüringer Graf Ludwig der Springer von Sangershausen, der auch die Wartburg bei Eisenach bauen ließ, wollte um 1080 unter anderem mit der Schenkung des Gutes Schönrain an den Abt Wilhelm von Hirsau in Württemberg sein Seelenheil retten. Ein Kloster sollte hier entstehen, denn Ludwig hatte den Grafen Friedrich III. von Sachsen ermordet und dessen Witwe Adelheid geehelicht. Das bald florierende Kloster sollte eine bewegte Geschichte erleben.

Sagen, auf Schönrain hätten einst Raubritter ihr Unwesen getrieben, haben ihren Ursprung wohl im 13. Jahrhundert. Damals haben während der Fehde der Grafen von Rieneck mit dem Würzburger Bischof die Rienecker eine Burg auf Schönrain gebaut. Sie sollen dem Kloster Schaden zugefügt, die Straßen unsicher und die Schifffahrt auf dem Main beunruhigt haben. Man erzählt sich, Raubritter hätten ein Seil über den Main gespannt haben, an dessen Ende auf Schönrain ein Glöckchen hing. Stieß nun ein Schiff dagegen, so die Legende, wussten die finsteren Gestalten, dass etwas zu holen war.

Das Kloster wurde während des Bauernkriegs vollständig zerstört, die Mönche vertrieben und das Gelände an die Grafen von Rieneck verkauft – eigentlich mit der Bestimmung, die Kirche wieder neu herzurichten. Doch weil Graf Philipp protestantisch wurde, ließ er die Klosterkirche völlig niederreißen und 1556 nur einen Schlossbau, den er als Witwensitz für seine Gemahlin bestimmte, errichten. Noch bis 1818 wohnte auf dem Schloss ein königlicher Forstwart, danach ließ man die Gebäude verfallen.

Der Schönrain-Freund Oliver Herrmann erzählt, dass der Dachstuhl des Schlosses und andere brauchbare Materialien zum Neubau des Forsthauses im nahen Massenbuch verwendet wurden. Die Bauern der Umgebung holten sich ihrerseits vom Gelände, was sie brauchen konnten. So finden sich heute Überreste von Schönrain in den umliegenden Orten.

Legendenreich: Erst Kloster, dann Schloss. Foto: Björn Kohlhepp

Der Taufstein in der Hofstettener Kirche stammt angeblich aus der Schönrainkirche, ebenso das Tympanon über dem Kirchenportal in Massenbuch. Ein etwa 500 Jahre altes Fratzenfragment, wahrscheinlich von der Schönrain, war lange in einer Scheune in Massenbuch eingemauert, bevor es ins Lohrer Spessartmuseum kam. Auf der Ruine Schönrain befindet sich heute eine Replik.

Die Schönrain-Gefährten haben eine Wasserleitung entdeckt, über die Wasser von der Schönrainquelle zum Schloss floss. Geflossen ist sie offenbar durch oder in das ehemalige „Pförtnerhaus“ vor dem Gelände. Herrmann erzählt, wie elektrisiert er war, als sie an dem unterkellerten Gemäuer eine Stufe zu einer Treppe in den Keller entdeckten. Erst vor ein paar Jahren ist er, etwa 300 Meter vom Gelände entfernt mitten im Wald, auf einen gemauerten Brunnenschacht von etwa 2,50 Meter Durchmesser gestoßen.

 

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