KARLSTADT

Schrittweise sein Glück gefunden

Michael Sänger ist künstlerischer Leiter des Lingener Marionettentheaters. „Wer nicht spielt, nimmt sich zu wichtig“ heißt ein Buch über den früheren Karlstadter.
Don Juan mit Marionetten: Szene aus dem zweiten Akt, auf der Straße in Sevilla.
Don Juan mit Marionetten: Szene aus dem zweiten Akt, auf der Straße in Sevilla.

Wie ist das, wenn jemand als Kind immer wieder zurückgewiesen wird, sobald er sich für etwas interessiert? Michael Sänger, Jahrgang 1945, erging es in seiner Kindheit so. Doch er nahm schrittweise sein Leben in die eigenen Hände. Er wurde evangelischer Pfarrer. In der Freizeit gründete er das Lingener Marionettentheater und ist zudem künstlerischer Leiter des Bamberger Marionettentheaters. Beide gelten in ihrer Art als einzigartig in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist über ihn und das Lingener Theater ein opulenter Bildband erschienen.

Darin finden ältere Karlstadter Michael Sänger wieder, ihn, der zwar nur elf Jugendjahre hier lebte, aber dennoch seine Spuren hinterließ – und der umgekehrt einiges aus Karlstadt mitnahm auf seinen Lebensweg. In dem Buch schildert Sänger seine Jahre in Karlstadt, garniert mit historischen Städteansichten, mit Fotos seines Orgellehrers Josef Rupprecht am Spieltisch der Orgel in St. Andreas, seines – wie er ihn nennt – „Opernlehrers“ Augustin Lepka und ebenso Bilder von den Burg-Lichtspielen in Mühlbach.

Vielen älteren Mitgliedern der evangelischen Gemeinde St. Johannis in Karlstadt ist Michael Sänger noch in guter Erinnerung, leitete er doch Mitte der 60er Jahre als junger Mensch den Kirchenchor, war im benachbarten Gemünden vier Jahre Organist an der dortigen Christuskirche und zwei Jahre Chorleiter des „Sängerkranz 24“ in Mühlbach. Er war dabei, als der damalige evangelische Pfarrer Martin Kummerow den Zeltplatz im Schondratal bei Detter entdeckte, der heute einer der drei Jugendzeltplätze des Landkreises Main-Spessart ist.

Die Kindheit erlebte der kleine Michael in der ostthüringischen Stadt Schmölln, in der er 1945 geboren wurde. Ausgerechnet dort in der ehemaligen DDR wurde der Grundstein gelegt für eine „kindlich diffuse Sympathie für die Kirche und die evangelische Konfession“, wie er in dem Buch schreibt. Er fühlte sich angezogen von den Orgelklängen der Nicolaikirche, in deren nachbarlichem Schatten er aufwuchs. Der Klavierunterricht bei Fräulein Sartorius war ihm ein Graus. Er ließ aus Protest seine Noten von einer Brücke aus in das Flüsschen Sprotte fallen. Er wollte lieber das Orgelspielen lernen.

Als ihm der Kantor sagte, dass das Klavierspiel die Voraussetzung dafür ist, war die Motivation für den Klavierunterricht da. Michael bekniete erfolglos die Nachbartochter, die auf seinem Trauminstrument, der großen Kirchenorgel spielen durfte. Dabei ertappte ihn der Kantor, erzählte es seinen Eltern und es setzte – wie damals üblich – Prügel.

Was wäre aus ihm geworden, hätte er die Förderung erfahren, wie sie viele Kinder heute bekommen? „Es ist müßig sich das vorzustellen“, kommentiert er. „Für mich waren Zurückweisungen oft erst recht Motivationen etwas zu tun.“

Nach dem ersten Kinobesuch – ein Märchenfilm – begann auch hier seine Neugier zu wachsen. Er wollte wissen, wie die Bilder auf der Leinwand entstehen. Doch der Filmvorführer schickte ihn weg und wieder blieb ihm eine Kindersehnsucht verwehrt. Als ein wanderndes Marionettentheater für ein paar Tage nach Schmölln kam, sah er diese Kunstform zum ersten Mal. Sie hat ihn sein Leben lang nicht mehr losgelassen.

Nach dem 17. Juni 1953 wurde das Lebensmittelgeschäft seiner Eltern zu einem HO-Laden verstaatlicht. Der Vater flüchtete in den Westen. Die Mutter folgte mit Michael kurze Zeit später nach. Über die Flüchtlingslager Uelzen und Bad Reichenhall – die Eltern hatten sich inzwischen scheiden lassen – kam die Mutter mit ihm nach Karlstadt. Hier lernte er kennen, was es heißt ein evangelisches Flüchtlingskind zu sein, dessen Mutter geschieden war. Doch Sänger sagt: „Ich habe mich – bis heute – nie über möglicherweise für mich nachteilige Lebenssituationen beklagt, sondern habe immer versucht, etwas daraus zu machen.“

Dennoch hatte er in Karlstadt großes Glück: Ihm begegnete der Organist und Chordirektor von St. Andreas, Josef Rupprecht, der ihn an seiner großen Orgel Unterricht gab und nebenher eine umfassende kirchenmusikalische Bildung vermittelte. Auch die Begegnung mit Augustin Lepka wurde für ihn wertvoll. Von ihm erfuhr er alles über die Kunstform der Oper, besonders der Werke Richard Wagners. Daraus entstand der Wunsch, einmal eine Aufführung im Bayreuther Festspielhaus erleben zu können. Der 15-Jährige kam an eine der heiß begehrten Karten und sah den Parsifal. Die 60 Mark – im Jahr 1960 eine große Summe – hatte er sich aus gelegentlichen Orgelvertretungen zusammengespart.

„Für mich waren Zurückweisungen oft erst recht Motivationen“

Michael Sänger über Erfahrungen in seiner Kindheit

In Mühlbach wurde endlich auch der andere Traum aus Kindheitstagen wahr: Die Brüder Werner und Wilfried Dunst führten Michael Sänger in den Burg-Lichtspielen in Mühlbach in die Arbeit des Filmvorführens ein. Drei Jahre lang durfte er am Sonntagnachmittag die Kindervorstellung um 15 Uhr und die nächste um 17 Uhr spielen. In der Pause bekam er jedes Mal ein paar fränkische Bratwürste mit Kraut und eine Flasche Cola.

Nach dem Besuch der evangelischen Volksschule in Karlstadt und der Mittelschule in Gemünden wäre er gern auf das Deutsche Gymnasium nach Würzburg gegangen, ein musisches Gymnasium mit Musik als Hauptfach. Damals aber war der Besuch eines Gymnasiums wesentlich vom sozialen und finanziellen Status der Eltern abhängig. So machte Michael eine dreijährige Ausbildung zum Industriekaufmann bei den „Fränkischen Bauwaren“. Nach der Lehre arbeitete er noch zwei Jahre in diesem von ihm ungeliebten Beruf, bis ihn die Bundeswehr davon „erlöste“.

Nach zwei Jahren Wehrdienst stand er vor der Frage, wie es beruflich weitergehen soll. Für ihn stand fest: Etwas anderes und woanders. So schrieb er, einer eigentlich irrationalen Eingebung folgend, an die Kirchenleitung der evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, ob man für ihn nicht eine sinnvolle Beschäftigung habe. Man hatte. Er wurde Hilfserzieher in einem Jugendheim des Evangelischen Johannesstiftes in Spandau, konnte dort wohnen und bekam einen bescheidenen Lohn. Mit dem Wechsel nach Berlin begann der Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben.

Im Evangelischen Johannesstift lernte er „Predigt-Streitkultur“ kennen, die ihn faszinierte und ihn schließlich auf dem Zweiten Bildungsweg zum Studium der Theologie führte. Seine erste Pfarrstelle trat Sänger 1977 in Quickborn in der Nähe von Gorleben an. Während dieser Zeit las er – eher zufällig –, dass es in Oldenburg ein Marionettentheater gibt, das von einer Kirchengemeinde betrieben wird. Der Erbauer dieses Theaters, Klaus Loose, spürte die Begeisterung Sängers für sein Theater. Kurz Zeit später, beim zweiten Besuch, geschah – so Sänger – „das größte Wunder meines Lebens“. Loose wollte von Oldenburg nach Bamberg ziehen und konnte dieses Theater nicht mitnehmen. Er bot es Michael Sänger zum Kauf an. Loose hatte noch ein zweites kleineres Theater, das er nun in Bamberg betrieb. So zog das komplette größere Marionettentheater 1982 um nach Quickborn und feierte dort seine Wiederauferstehung und zahlreiche Erfolge.

Nach zehn Jahren wechselte Sänger als Schulpastor an ein Gymnasium in Lingen. Er, der in seiner Kindheit kein Gymnasium besuchen durfte, war plötzlich Lehrer an einem Gymnasium. Und hier versuchte er, seine Lebenserfahrung weiterzugeben: „Ich habe in den 25 Jahren meiner Lehrertätigkeit den Jugendlichen immer Mut gemacht, einen eigenen Weg auch gegen Widerstände – vielleicht auch aus dem Elternhaus – zu suchen und ihn konsequent zu gehen.“

Sein Marionettentheater musste er in Quickborn zurücklassen. Er baute ein neues, aber kleineres Marionettentheater, das von 1997 an im Kulturzentrum „Alte Molkerei“ im 15 Kilometer entfernten Freren betrieben wurde. Dort begann eine 13-jährige Erfolgsstory mit 402 Vorstellungen. Allein „Doktor Fausts Höllenfahrt“ wurde 130 Mal gespielt.

Wie aber kam das Theater nach Lingen? Dort ist in in der Innenstadt das „Theaterpädagogische Zentrum“, eine bundesweit einmalige Fachakademie für Theater, Spiel und Tanz. Vor der umfassenden Renovierung des Hauses erhielt Sänger eine Anfrage der Stadt Lingen, ob er hier nicht sein Marionettentheater betreiben wolle. Auch weil so die zeitraubenden Fahrten nach Freren entfielen, sagte er zu. 2009 erfolgte der Umzug. Statt wie bisher 13 Zuschauerplätze in Freren gibt es jetzt 18 Plätze, die stets schon lange vor den Vorstellungen verkauft sind. Seit 2008 ist Sänger auch künstlerischer Berater im Bamberger Marionettentheater, dessen Gründer Loose in den Ruhestand gegangen ist.

Das Besondere und in Deutschland Einmalige am Bamberger und am Lingener Marionettentheater ist der Versuch einer historischen Aufführungspraxis. Der Zuschauer kann sowohl in Bamberg als auch in Lingen Theateraufführungen sehen, wie sie die Menschen im 18. und 19. Jahrhundert gesehen haben. Zum Repertoire in Lingen gehören neben vier klassischen Puppenspielen zwei Mozart-Opern („Die Entführung aus dem Serail“ und „Die Zauberflöte“). Die etwa 120 Marionetten wurden im Laufe von 20 Jahren alle von Dagmar Hagel hergestellt. Das Publikum bewundert sie nach den Vorstellungen immer für ihre Detailschönheit.

Michael Sänger, „Wer nicht spielt, nimmt sich zu wichtig“, Verlag Edition XIM Virgines, Düsseldorf (Herausgeberin Eva-Maria Essmann). ISBN 978-3-934268-91-3. 19,90 Euro.

ONLINE-TIPP

Das Theater im Internet: www.marionettentheater-lingen.de

Michael Sänger
Michael Sänger
Auftritt: So agieren die Marionettenspieler während der Vorstellung.
Auftritt: So agieren die Marionettenspieler während der Vorstellung. Foto: Roman Starke

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