Lohr

Schulmuseum Lohr: Die Schule, in der man was fürs Leben lernt

Hinter Gitter? Das Schulmuseum in Lohr gibt Einblicke ins Lehren und Lernen in vergangenen Zeiten - und erzählt davon, wie Schule ideologisch missbraucht wurde.  Foto: Thomas Obermeier

Diese Geschichte beginnt in der alten Dorfschule von Ruppertshütten. Fast 40 Jahre ist es her, und Eduard Stenger, dem Schulleiter im Sprengel Lohr-Sackenbach, war eben auch jenes alte Schulhaus in der nördlichen Lohrer Exklave, tief im Spessart, zugefallen. Das alte Schulhaus hatte die Zeit fast unverändert überlebt. Und Schulleiter Stenger, dem nicht nur die Holzpaneele an den Klassenzimmerwänden gut gefielen, dachte sich: „Da könnte man was draus machen!“

30 Jahre alt: Das Schulmuseum in Lohr, in dem zwei komplett erhaltene historische Klassenzimmer zur Ausstellung gehören.... Foto: Thomas Obermeier

Er war zuerst ja eher auf Skepsis gestoßen mit seinem Plan, die Grundschule nicht zu modernisieren, sondern zu renovieren und einzurichten mit lauter alten Bänken und Schränken. Aber dann zogen und halfen alle mit. Und nach den großen Ferien war, so erzählt Eduard Stenger heute, „das alte Schulhaus ganz harmonisch und stimmig eingerichtet, so typisch wie eine Dorfschule früher eben war“.

Beim Suchen, Sammeln und Zusammentragen des alten Mobiliars für die Ruppertshüttener Klassenzimmer war dem Schulleiter damals die Idee gekommen – für ein Museum. Denn war Lohr nicht der ideale Ort, um anhand der alten Tafeln und Schulbänke, der Katheder, Griffel, Tintenfässer, Klassenfotos und Wandbilder über Bildung und Erziehung und den Wandel der Zeiten zu erzählen? Um 1900 hatte es in Lohr mehr Schulen gegeben als in jeder von der Einwohnerzahl her vergleichbaren Stadt in Franken, sagt Eduard Stenger.

Initiator und Gründer, Sammler, Macher und Chef: ohne Eduard Stenger würde es das Lohrer Schulmuseum nicht geben. Foto: Thomas Obermeier

Was er nicht wollte: ein Schulmuseum, wie es in ganz Deutschland schon mehr als 300 andernorts gab. „Es geht nicht darum, den Lehrer Lämpel vorne hin zu stellen, das wollte ich meinem Berufsstand nicht antun“, sagt der pensionierte Lehrer mehr als drei Jahrzehnte später. Und es ging ihm nicht darum, ein Sammelsurium aus altem Schülerzeug und noch älteren Lehrerdingen in Vitrinen zu stellen. Ihm ging es vor allem darum, „die Schule als ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaftsordnung und Staatsform“ zu zeigen. Und wenn man nebenbei mit so einem eigenen Schulmuseum in Lohr auch noch Heimat- und Familiengeschichte der Region würde erzählen können . . .

Jedenfalls, die Stadt machte mit, der Stadtrat stimmte 1983 zu, Eduard Stenger klapperte mit seiner Frau Museen in ganz Deutschland ab, begann eine Sammlung aufzubauen und entwickelte ein Konzept – und mit dem historischen Schulgebäude im Lohrer Stadtteil Sendelbach war auch ein geeigneter Ort gefunden. Am 9. Juni 1989 wurde mit einer kleinen Feier das Lohrer Schulmuseum eröffnet.

30 Jahre später führt Eduard Stenger, 78 Jahre inzwischen, noch immer durch die beiden komplett eingerichteten Klassenzimmer und die Lehrerwohnung – und die deutsche Vergangenheit. „Wir haben alles drin, was 200 Jahre deutsche Geschichte ausmacht – am Beispiel Schule.“ Der Museumsgründer sagt, dass er durch die Arbeit an den vielen Sonderausstellungen selbst „mehr gelernt“ hat „als im ganzen Leben vorher in der Schule und als Lehrer“.

Alter Herd, Globus, Gehrock: in der Lehrerwohnung.  Foto: Thomas Obermeier

Wenn heute Besucher in den Bänken des historischen Klassenzimmers sitzen, an den 80 Vitrinen vorbeischlendern, die Rohrstöcke und Peitschen, Klassenbücher oder Rechenschieber betrachten, sich den Beichtstuhl in der Lehrerwohnung angucken und dann sagen, „sie haben aber viel zusammengetragen“ – dann sagt Eduard Stenger zwar nichts, aber fühlt sich doch missverstanden. Ums Zusammensammeln allein, ums bloße Schmücken einer „Heimatstube“, ging es ihm nie.

Eine riesige Sammlung in Vitrinen und Schränken - und noch viel mehr im Depot: Eduard Stenger im Schulmuseum. Foto: Thomas Obermeier

Gut 3000 Objekte und Dokumente – vom 17. bis ins 20. Jahrhundert, von der Französischen Revolution bis zum Ende der DDR – zählen heute zwar zum Fundus des Hauses. „Aber es geht nicht um teure Exponate“, sagt Stenger. „Alles soll eine Aussage haben. Der Besucher soll sich bilden können.“ Im Treppenhaus ist's am Aushang auch nachzulesen – dass das „politisch-geschichtliche Konzept des Museums“ vor allem den „Einfluss der totalitären Strömungen“ auf die Schule und das Erziehungswesen im Gesamten aufzeigen will.

Soldatenfiguren und Pickelhaube aus dem Kaiserreich . . .  Foto: Thomas Obermeier
Kolonialismus auf Schulwandbildern . . . Foto: Thomas Obermeier
Hakenkreuz und Hitlerjugend: Die Zeit des Nationalsozialismus ist ein Schwerpunkt in der Ausstellung. Foto: Thomas Obermeier

Auf die dunklen Kapitel der Geschichte geht das Haus ganz explizit ein. Da führen historische Wandkarten dem Besucher den kolonialen Größenwahn der Kaiserzeit vor Augen. Und eine hölzerne Spieluhr, fast einen halben Meter hoch, erzählt vom Irrsinn des Nationalsozialismus: Zu jeder vollen Stunde marschiert ein Defilee von SA-Männern an Adolf Hitler vorbei. „Wir wollen nicht indoktrinieren“, sagt der 78-Jährige. „Unser Ziel ist der mündige Bürger.“

Als 1989 mit der DDR eine andere totalitäre Staatsform endete – genau 200 Jahre nach der Französischen Revolution – war das für Stenger und sein Museumskonzept irgendwie eine stimmige Fügung der Geschichte. Gleich nach dem Mauerfall setzten sich Eduard Stenger und seine Frau Monika ins Auto, fuhren quer durch die neuen Bundesländer. Und sammelten Schuldokumente und Schulsachen, alte Lehrpläne und Materialien, die auf dem Müll, im Schredder und im Ofen gelandet wären. Im Lohrer Schulmuseum aber sollten die Zeugnisse – ohne erhobenen Zeigefinger und Belehrung – für sich sprechen. Den Reim soll sich der Besucher lieber selber machen.

Dank des riesigen Fundus und Archivs kann Eduard Stenger – von der Stadt für den Aufwand entschädigt – mit seinem kleinen Museumsteam immer wieder neue Sonderausstellungen zu speziellen Themen machen. Und nach einem Lieblingsobjekt gefragt, fällt ihm nichts ein.

Wie viele Schüler auf diesen Bänken wohl den Unterricht verschliefen?  Foto: Thomas Obermeier

Das älteste Stück vielleicht? Ein handgeschriebenes Rechenbuch, in das um 1650 ein Schüler schrieb? Vielleicht die älteste Schulbank, aus München und aus der Zeit um 1860: Eine Familie aus Würzburg hatte die aufwendig geschmückte Eichenbank, in der einst der Urgroßvater paukte und die 1910 ausgemustert worden war, vor ein paar Jahren dem Schulmuseum vermacht.

Was sich Eduard Stenger zum 30. Geburtstag des Schulmuseums wünschen würde? Vielleicht, dass wieder mehr Schulklassen kommen, vom Gymnasium vor allem. Aber seit der Lehrplan für die Grundschule gestrafft wurde, zwängen sich hauptsächlich ältere Besucher bei den Führungen in die Bänke – nach Geschlecht getrennt, wie es früher war.

Das Städtische Schulmuseumin Lohr-Sendelbach, Sendelbacher Str. 21, hat von Mittwoch bis Sonntag und an allen gesetzlichen Feiertagen von 14 bis 16 Uhr geöffnet - und für Klassen und Gruppen auch nach Vereinbarung, man kann eine Erlebnisführung in Form einer „Schulstunde“ buchen. (Tel. 09352/4960 oder 09359/317, E-Mail: eduard.stenger@gmx.net)

An Pfingstsonntag und Pfingstmontag feiert das Schulmuseum 30. Geburtstag - dann ist von 14 bis 17 Uhr geöffnet und der Eintritt frei. (Sonst zahlen Erwachsene 1,50 oder ermäßigt 1 Euro, der Eintritt für Schulklassen mit erwachsener Aufsichtsperson ist während der regulären Öffnungszeiten frei.) 

Eingeritzt und eingekerbt: Generationen von Schülern haben ihre Spuren hinterlassen. Foto: Thomas Obermeier

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