RIENECK

Schweigen über Rienecker Kriegsverbrechen

Eine Gedenktafel auf eigene Kosten zur Erinnerung an ein Kriegsverbrechen Ende März 1945 wollte Elfriede Krutsch in Rieneck (Lkr. Main-Spessart) aufstellen lassen. Den Antrag der Rieneckerin, die seit 20 Jahren in Berlin lebt, lehnte der Stadtrat am Montag in nichtöffentlicher Sitzung mehrheitlich ab. Elfriede Krutsch ist entsetzt, vor allem über die Begründung.

Fünf sowjetische Kriegsgefangene waren am 29. März 1945 wegen angeblichen Diebstahls von Lebensmitteln ohne Gerichtsverfahren von fünf jungen Rieneckern und von Männern aus dem Rienecker Kriegslazarett an der Sternhecke erschossen worden. Am Sternheckenweg wollte Elfriede Krutsch eine Gedenktafel als Würdigung der Ermordeten und als Mahnung für die Lebenden anbringen lassen.

Gegen die Stimme von Bürgermeister Wolfgang Küber hatte der Stadtrat im April 2012 den Antrag abgelehnt mit der Begründung, es fehlten ausführliche Informationen. Die lieferte Elfriede Krutsch jetzt nach und kam auch selbst zur Stadtratssitzung am Montag. Vom Ablauf berichtet sie:

Zunächst wollte eine Stadträtin das Thema von der Tagesordnung nehmen lassen, was die Mehrheit noch ablehnte. Dann wurde auf Antrag einer anderen Stadträtin die Beratung mit acht gegen sieben Stimmen in den nichtöffentlichen Sitzungsteil verschoben, die Anwesenheit der Antragstellerin jedoch gestattet. Krutsch schreibt: „In der nichtöffentlichen Sitzung konnte ich ausführlich meinen Antrag begründen. Er wurde mit vier Ja- und elf Nein-Stimmen abgelehnt. Als Begründung wurde unter anderem genannt, dass man Rücksicht auf noch lebende Täter und deren Nachkommen zu nehmen habe. Der Antrag komme zu früh, da noch beteiligte Zeitzeugen leben. Man wolle nicht alles an die breite Öffentlichkeit bringen! Gedenksteine würden sowieso nichts ändern, dies sei an der weltpolitischen Lage zu erkennen. Mit keinem Wort wurde der erschossenen Kriegsgefangenen oder ihrer Angehörigen gedacht.“

Weiter habe es geheißen, die Gedenktafel am Kriegerdenkmal für die Opfer des Nationalsozialismus genüge, damit hätten die Rienecker ihre Geschichte aufgearbeitet. Aber: Am selben Ort der gefallenen Wehrmachtssoldaten – vielfach selbst Täter – und der Opfer des Naziterrors zu gedenken, hält Elfriede Krutsch für unmöglich.

Die fünf ermordeten Kriegsgefangenen wurden namenlos am 29. März 1945 im Wald verscharrt und am 13. Oktober 1960 durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in eine Kriegsgräberstätte umgebettet. Das Verbrechen wurde auch gerichtlich aufgeklärt.

Enttäuscht schreibt Elfriede Krutsch an die Redaktion: „Der Rienecker Stadtrat ist zurzeit nicht bereit, die Geschichte während der Nazizeit aufzuarbeiten und möchte sie gerne in das Jenseits verschieben. Und das 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges. ,Wer seine Geschichte nicht aufarbeitet, ist gezwungen sie zu wiederholen!‘ Dieses Zitat von Erich Fried wünsche ich uns nicht.“

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