RIENECK

„Sei cool, fahr Stuhl!“

„Sei cool, fahr Stuhl!“ – Unter diesem Motto eröffneten die Vertreter der teilnehmenden Sinngrundgemeinden (von links) Christian Gutermuth, Peter Paul, Wolfgang Blum, Wolfgang Küber, Marianne Kohnen von der LAG Spessart und Zita Baur das Projekt „Fahrstuhl” offiziell. Foto: K. Wiesenfelder

Ein Netzwerk der ganz besonderen Art nimmt jetzt im Sinngrund langsam Fahrt auf: der „Fahrstuhl“. Er ist gedacht für Personen, die kein Auto besitzen oder nicht mehr selbst fahren können und trotzdem nicht von den Angeboten in den Nachbarorten ausgeschlossen werden oder nur zu einer Behörde oder einer Sehenswürdigkeit kommen wollen. Sie müssen sich dann nur einfach auf den Stuhl setzen und signalisieren damit allen Autofahrern, dass sie mitgenommen werden wollen.

In Rieneck wurde jetzt am nördlichen Ortsausgang oberhalb des Sinnbergs offiziell der Startschuss für die Initiative gegeben. Mit dabei waren neben den Vertretern der Sinngrund-Allianz auch eine ganze Anzahl von Vertretern aus dem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben.

Verbesserung der Mobilität

Schon seit Wochen haben sich sicher nicht wenige Menschen in den fünf angeschlossenen Sinngrundgemeinden gefragt, was wohl dieser schmucke hellblaue Stuhl an der Hauptstraße bedeutet: etwa ein Kunstwerk? Nein, es ist ein „Fahrstuhl“, der nicht nur die Mobilität für Mitbürger ohne Auto verbessern, sondern auch Möglichkeiten zum Knüpfen neuer Kontakte bieten soll. Und, wie es in der Infobroschüre des Netzwerks Sinngrund weiter heißt: Er soll den interkommunalen Austausch verbessern, den Schadstoffausstoß reduzieren und die Verkehrsbelastung minimieren.

Zu der kleinen Feier mit Einweihung hatte am Freitag die Sinngrundallianz nach Rieneck eingeladen, und Bürgermeister Wolfgang Küber freute sich bei seiner Begrüßung über den zahlreichen Besuch und das dadurch gezeigte Interesse an diesem Pilotprojekt, das schon reges Interesse auch bei benachbarten Landkreisen gefunden hat. Er dankte der Sinngrundallianz und der LAG (Lokale Arbeitsgruppe) Spessart für die bisherige Arbeit.

Erfolgreicher Selbstversuch

Die Allianz-Vorsitzende und Bürgermeisterin von Fellen, Zita Baur, hielt dann die Einweihungsrede und erklärte Sinn und Vorteile dieses Pilotprojektes, das mit Lohr, Gemünden und Frammersbach gestartet worden sei. Auch sie freute sich über die gute Beteiligung an der Eröffnungsfeier und hieß ihre Mitarbeiter aus der Allianz, dem Regionalmanagement, die Vertreter der LAG Spessart, ihre Bürgermeister- und Stadtratskollegen sowie weitere Gäste willkommen. „Ja, ich bin heute selbst als Testerin mit dem Fahrstuhl nach Rieneck gefahren – getreu dem Motto: Sei cool, fahr Stuhl! Und es hat nur drei Minuten gedauert, bis ich in ein Auto einsteigen konnte“, sagte Baur. Die Aufmerksamkeit sei geweckt – „und wir müssen jetzt diese Idee mit viel Werbung fördern“, mahnte Baur an.

Vor rund einem Jahr hat die Gemeinde Fellen als erste dem Fahrstuhlprojekt zugestimmt, heute beteiligen sich fünf Sinngrundgemeinden: Rieneck, Burgsinn, Mittelsinn, Aura und Fellen. Nach Probesitzen bei der Firma Spessartholz sind nun schon 30 Stühle ausgeliefert und aufgestellt. „Das Projekt signalisiert Gemeinschaft – und wenn wir es noch schaffen, dass man dieses Hellblau mit dem Sinngrund assoziiert, dann bekommt die Redewendung ,Fahrt ins Blaue‘ eine ganz neue und positive Bedeutung. Deshalb gilt mein Motto: Sei schlau, setz auf Blau“, sagte Baur.

Ergänzung zum ÖPNV

Diese positive Einschätzung teilte auch die LAG-Vorsitzende, die Geiselbacher Bürgermeisterin Marianne Krohnen, stellvertretende Landrätin des Landkreises Aschaffenburg. Sie setzt auf gemeinsame Entwicklungsstrategien zwischen dem Sinngrund und dem Spessart, sogar bayernweit. Und sie betonte, dass alle Bürger von diesem Vorhaben profitierten. Jeder könne zum Erfolg beitragen, indem die Stühle genutzt und auch die Sitzenden zur Mitfahrt eingeladen werden. „Nein, es ist keine Konkurrenz, sondern es ergänzt den öffentlichen Nahverkehr!“, lobte Krohnen das Projekt und versprach, es weiterhin zu begleiten.

Von Sinngrund-Allianz-Manager Sebastian Schneider konnten die Gäste dann noch Interessantes über dieses „Sozialexperiment“ erfahren, das bisher Kosten von rund 30 000 Euro verursachte. Er selbst habe es auch ausprobiert, schon das vierte Auto habe gehalten und während der Fahrt habe sich ein kurzweiliges Gespräch entwickelt. „Es funktioniert nur, wenn viele es kennen und Versorgungslücken geschlossen werden“, so Schneider. Er verwies auf die Netzwerk-App, die unter www.derfahrstuhl.de angeklickt werden kann.

Auch Joachim Maier vom Amt für ländliche Entwicklung findet die Idee und deren bisherige Umsetzung „klasse“ und er ist erfreut über die Beteiligung der Gemeinden.

Nach einem gemeinsamen Startschuss der Bürgermeister der fünf beteiligten Gemeinden mit dem „Fahrstuhlmodel“ Inken Kleibömer lud die Allianz zum Mittagessen bei anregenden Gesprächen ins Gasthaus „Löwen“ gleich nebenan ein.

Wer würde diese netten Damen auf ihrem Fahrstuhl wohl nicht gerne mitnehmen? Inken Kleibömer und Zita Baur hoffen, dass sie viele Nachahmer finden werden.

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