Lohr

Sie singen sogar die "Toten Hosen"

Die Gruppe "Therapeutisch-künstlerisches Gestalten" (von links): Theodor Klein, Reinhilde Glöckner, Kunstpädagoge Hartwig Kolb, Maria Geis und Erna Schaub. Foto: Pat Christ

Auch im hohen Alter kann man seinen Horizont erweitern. Das beweisen die Seniorinnen und Senioren aus dem Caritas-Seniorenzentrum St. Martin in Lohr. Sie sitzen nicht nur da und warten aufs nächste Essen – so die Klischeevorstellung vom Leben im Heim. Sie sind agil und aktiv. Vor allem kulturell. Einige der Bewohner tauchen mit über 80 Jahren erstmals in das Reich der Kunst ein. Andere singen mit Begeisterung im heimeigenen Chor, der an jedem Mittwochvormittag probt.

Die Senioren singen und malen nicht nur einfach, sondern sie arbeiten daran, besser zu werden. Das gelingt auch im neunten Lebensjahrzehnt, bestätigt Silvia Schäfer, die den vor fünf Jahren gegründeten Chor leitet: "Im Rückblick auf die Anfänge sind wir eindeutig besser geworden." Zwei Seniorinnen, nämlich Erna Schaub und Josefine Grill, stimmen mit Silvia Schäfer und der ehrenamtlich tätigen Klavierspielerin Wiltrud Schuster spontan einen Kanon an: "Guten Morgen, guten Morgen! / Good morning, good morning! / Buenos dias…" Das klingt richtig toll. Wobei auch "Progressiveres" gesungen wird, verrät Schäfer: "Wir probten schon 'An Tagen wie diesen' von den Toten Hosen."

"Ich singe jeden Morgen"

Nach dem gemeinsamen Singen im Chor fühle sie sich immer besser, sagt Josefine Grill, 84 Jahre alt und seit vier Jahren Bewohnerin im Service-Wohnen von St. Martin. Für die gebürtige Lohrerin, die 63 Jahre lang in München lebte, ist Singen etwas Essenzielles. "Ich singe jeden Morgen, nachdem ich aufgestanden bin und mich gewaschen habe", erzählt sie. Für sich selbst stimmt sie, um den Tag zu begrüßen, einen Kanon an, den sie vor 15 Jahren bei einer Israel-Reise kennenlernte. Die Chorproben am Mittwoch um 10.30 Uhr zählen für Josefine Grill zu den Highlights der Woche. Sofort, als sie in St. Martin einzog, hatte sie sich dem Chor angeschlossen.

Dass sie in jungen Jahren sehr viel gesungen haben, ist charakteristisch für die meisten Menschen, die heute jenseits der 80 sind. "Ich bin mit Gesang aufgewachsen", erzählt die 89-jährige Erna Schaub, die seit acht Jahren im Service-Wohnen von St. Martin lebt. Fast jeden Abend holte ihr Vater das Schifferklavier hervor: "Dann wurde aus dem Stegreif gesungen." Erna Schaub, die damals in Aschaffenburg lebte, war außerdem im Schulchor aktiv. Wo sie offenbar zu den besonders begabten Sängerinnen gehört hatte. Denn einmal wurden sie und einige Schulkameradinnen ausgewählt, bei einem winterlichen Märchenspiel im Aschaffenburger Stadttheater mitzuwirken: "Da war ich etwa neun."

Lieben es, im Chor zu singen (von links): Erna Schaub, Pianistin Wiltrud Schuster, Josefine Grill und Silvia Schäfer. Foto: Pat Christ

Was als Kind intensiv erlebt wurde, gräbt sich in das Gedächtnis der Menschen ein. Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass selbst Senioren mit Demenz Volkslieder und Schlager aus ihrer Jugendzeit auswendig singen können. In vielen Pflegeheimen gibt es Singrunden, die sich dies zunutze machen. Der Chor von St. Martin hebt sich davon jedoch deutlich ab. "Wir sind ein 'richtiger' Chor, was bedeutet, dass wir uns zu Beginn einsingen und dass wir die Stimme trainieren wollen", betont Sozialpädagogin Silvia Schäfer. Sie selbst sang ebenfalls viele Jahre lang in einem Chor. Ihr Schwerpunkt im Studium lag auf der musiktherapeutischen Sozialarbeit.

"Wir üben keinen Druck aus"

Dass der Chor trotz seiner Qualität bisher nur innerhalb des Heims auftrat, liegt laut Schäfer an den speziellen Sängerinnen und Sängern. Es sind nun einmal betagte Damen und Herren, die sich im Chor engagieren. Nicht jeder kann an jedem Mittwoch mitmachen. Denn manchmal fühlt man sich einfach nicht gut. "Wir üben auch keinen Druck aus", sagt Schäfer. Das wäre kontraproduktiv. Und doch wurde der Gedanke noch nicht aufgegeben, einmal in der Stadt Lohr zu singen: "Denkbar wäre dies bei einem gemeinsamen Auftritt mit unserem Mitarbeiterchor."

Keine Ahnung von Noten zu haben, ist in St. Martin kein Hinderungsgrund, am Chor teilzunehmen. Ebenso wenig braucht es Vorkenntnisse für das Kulturangebot "Therapeutisch-künstlerisches Gestalten", das Hartwig Kolb, Christine Hartmann-Mantzke und Rosina Waltl vor eineinhalb Jahren in St. Martin ins Leben gerufen haben. "Ich hatte vorher noch nie einen Pinsel in der Hand gehabt", berichtet Maria Geis, 91 Jahre alt: "In der Gruppe habe ich das Malen für mich völlig neu entdeckt." Eigentlichen Kunstunterricht habe es in der Schule nicht gegeben. Gezeichnet wurde im Unterricht manchmal, daran könne sie sich noch erinnern. Spaß habe das jedoch nicht gemacht.

Dass sie im hohen Alter in einem Pflegeheim den Anstoß erhielt, zum Pinsel zu greifen, findet Maria Geis fantastisch. Sie zeigt das Bild eines Uhus, den sie kürzlich in der Gruppe gemalt hat. Es stellt nun den Blickfang ihres Zimmers dar. Wobei sie nicht die einzige ist, die sich an dem bunten Gemälde ergötzen darf: Es wurde kürzlich mit anderen Werken, die in der Gruppe entstanden, öffentlich in St. Martin präsentiert. Und zwar bei einer – fast überflüssig zu erwähnen – "richtigen" Vernissage. Mit festlichem Empfang und kleinen Leckerbissen. Und einem "echten" Vernissage-Redner.

Leidenschaft für Blumen

Sie können Kraft und Lebensfreude tanken, indem sie sich kreativ betätigen, sagen die Senioren. Und sie erfahren durch das kreative Tun oft, welches 80 Jahre lang brach gelegene Potenzial in ihnen steckt. Auch Missionsdominikanerin Reinhilde Glöckner kam in St. Martin neu zum Malen. "Früher hätte ich dazu keine Zeit gehabt", sagt die 85-Jährige, die 33 Jahre in Südafrika wirkte. Die Schwester liebt es vor allem, Blumen zu malen. Blumen waren schon als Kind ihre Leidenschaft: "Mein Vater hat immer gesagt, wenn es spät im Herbst so gut wie keine Blumen mehr gab, dass ich die allerletzte finden würde."

Seniorenheim sucht Ehrenamtliche
Auch Senioren wollen sich noch ins Zeug lesen. Wollen ihre Kräfte anstrengen. Ziele erreichen und Herausforderungen meistern. Dass das Lohrer Caritas-Seniorenzentrum St. Martin ihnen diese Möglichkeit eröffnet, verdient hohe Anerkennung und hat Vorbildfunktion. Realisiert werden können die Angebote allerdings nur durch die Mithilfe von Ehrenamtlichen wie Pianistin Wiltrud Schuster oder Künstlern wie Hartwig Kolb. Weitere Freiwillige sind willkommen. Kontakt: Tel.: (09352) 843-312 oder sschaefer@caritas-msp.de

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