MARKTHEIDENFELD

So heiß gegessen wie gekocht

Es geht um den Klimawandel: Die „Berliner Compagnie“ gastierte im Marktheidenfelder Pfarrheim und hinterließ ein amüsiertes und auch nachdenkliches Publikum.
Es geht um den Klimawandel: Die „Berliner Compagnie“ gastierte im Marktheidenfelder Pfarrheim und hinterließ ein amüsiertes und auch nachdenkliches Publikum. Foto: Martin Harth

Seit 1981 sind sie unterwegs, spielen in ihrer Heimatstadt und auf vielen anderen Bühnen in Deutschland ihr politisches Theater zu aktuellen Fragen. Jetzt gastierte die Berliner Compagnie mit ihrem Stück zum Thema Klimawandel „So heiß gegessen wie gekocht“ im Marktheidenfelder Pfarrheim St. Laurentius.

Für manchen war es ein Wiedersehen nach über einem Vierteljahrhundert, denn Mitte der Achtziger Jahre gastierte das Ensemble schon einmal in der Region, damals mit einem Stück um den lateinamerikanischen Befreiungstheologen und Erzbischof von El Salvador, Oscar Romero. Dieses Mal hatten der Bund Naturschutz und der Marktheidenfelder Weltladen mit Unterstützung der Volkshochschule die Initiative für ein Gastspiel ergriffen. Erich Perchermeier und Ulrike Steigerwald begrüßten als Vertreter der Veranstalter dazu über 100 Gäste.

In dem Stück aus der Feder von Helma Fries war es schon eine etwas schräge Truppe, die da in der Küche eines etwas in die Jahre gekommenen Gasthofs zusammenkam. Nebenan sollte, so will es das Geschehen, ein neues Kohlekraftwerk gebaut werden. Da gab es die rührige Geschäftsfrau und Wirtin (Elke Schuster) mit ihrem Koch-Gemahl (H. G. Fries), der die revolutionären Träume der Alt-68er an seinem Herd noch immer ein wenig weiterpflegt. Die Tochter (Natascha Menzel) ist als kellnernde Studentin der umweltaktive Treibsatz des Geschehens.

Ein besonderer Spüler

Hinzu kommen die beiden Beiköche (Jean-Theo Jost und Dimo Wendt) und ein besonderer Spüler (Rondo Beat), der als Ingenieur seine afrikanische Heimat bei einer dramatischen Flucht verlassen musste. Der Klimawandel hatte ihn dort seiner Lebensgrundlagen beraubt. Damit standen sechs Schauspiel-Profis in ihren Rollen auf der Bühne des von Elke Schuster inszenierten Stücks.

Was die Berliner Compagnie zu einer an sich sehr ernsthaften Thematik durchaus unterhaltsam anbot, erwies sich als bunte Mischung. Man kann die klassische Komödie entdecken oder auch die moderne im Stile eines Dario Fo. Es gibt Elemente des akrobatischen Straßentheaters, der Revue, des anarchisch-linken Agitprops, des Musiktheaters, der Text-Rezitation und vieles mehr. Besonders beeindruckten die rhythmischen Kocheinlagen von Rondo Beat und Dimo Wendt.

Das Ganze ist schnell. Allerdings gibt es trotzdem in über 90 Minuten ohne Pause auch gewisse Längen. Dies wahrscheinlich auch deshalb, weil das komplexe Thema des Klimawandels umfassend in seinen globalen Bezügen dargestellt werden soll. Auf der Bühne entwickelte sich der aktuelle politische Streit um Kernkraft, Kohlekraftwerke und deren CO2-Ausstoß und der schwierigen Umsetzung der Energiewende aus regenerativen Quellen. Die Küchentruppe enthüllte rigoros am Beispiel vor der eigenen Haustüre die Spielchen und Strategien von Wirtschaft und Politik um Geschäfte der großen Energieversorger.

Weitere Themen kamen ins Spiel wie Fluchtbewegungen, Verelendung in der Dritten Welt, fairer Handel oder Massentierhaltung. Wie bringt man die Dinge voran? Das Küchenteam dachte laut über die Politik nach: Protest, Engagement, Widerstand, juristische Klagen oder ziviler Ungehorsam? Die Songs boten die Chance zur Sammlung im schnellen Fakten-Dschungel, zum Nachdenken und Luftholen bei den Besuchern.

Bei alledem kamen Spaß und Klamauk keineswegs zu kurz und mit den universell einsetzbaren Rollkisten war dabei jederzeit ein neues Bühnenbild (Wulf Jahn) verfügbar.

Wenn Sonne und Wind wichtige Energieträger in dezentralen Netzen sein sollen, müssen dann entsprechende Anlagen nicht auch einen Platz neben uns finden? Manche Frage bleibt noch auszudiskutieren wie in der Küche jenes Gasthofs.

Hommage an Hermann Scheer

Die Schauspieler erreichten mit ihrer Botschaft das Marktheidenfelder Publikum im Pfarrheim und sie machten ihr Stück auch zu einer Hommage an Hermann Scheer. Der 2010 verstorbene Bundestagsabgeordnete verfolgte seine Vision einer solaren Weltgesellschaft des friedlichen Zusammenlebens konsequent und gegen viele Widerstände. Ausschnitte aus seinen Reden wurden eingeblendet und zu einem wirkungsvollen Plädoyer für das baldige Ende der Energiegewinnung aus atomaren und fossilen Quellen.

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