Stehende Ovationen in Neustadt

Neustadt Freitagabend, 1930 Uhr, Pfarrheim Neustadt. Knisternde Spannung liegt in der Luft. 154 Zuschauer warten gespannt. Dreieinhalb Stunden später hält es keinen von ihnen auf den Stühlen.
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Mit stehenden Ovationen und einem nicht enden wollenden Applaus bedankte sich das Publikum für die kurzweilige und bühnenreife Unterhaltung des Neustadter "Hin- und-Weg- Theaters". Lachtränen, erstauntes oder bewunderndes Kopfschütteln und die pure Freude über einen gelungenen und kurzweiligen Abend standen den Zuschauern förmlich ins Gesicht geschrieben. "Super", "spitze", "klasse", "toll", "fantastisch" - Superlative schwirrten durch den Saal.

Die beiden Regisseurinnen Edith Ebert und Sabine Bogen hatten den richtigen Riecher und vor allem die richtige Mixtur gewählt. 17 Laienschauspieler, eine turbulente Komödie und sehr viel Engagement machten die Premiere des Stücks von Jörg Appel "Was wird aus dem Hirschen bloß?" zu einem Augen- und Ohrenschmaus.

Nach dem plötzlichen Tod des "Hirschewirts" rätselten die drei Gemeinderäte (Heike Allenbacher, Peter Gowor, Thomas Kimmel) und Bürgermeister Franz (Uwe Lattin) schon beim Leichenschmaus, wie es wohl mit der Dorfkneipe weiter gehen werde. J. R., der Erbe aus Amerika, beabsichtigt, sie zum Fitnesscenter mit Sauna umzubauen. Die Meinungen sind geteilt. Die Männer fürchten um ihren Stammtisch, die Frauen um die Moral. Doch nach einem turbulenten Drunter und Drüber findet sich eine für alle akzeptable Lösung. Vielen der Neu-Schauspielern war ihre Rolle in dem Dreiakter geradezu auf den Leib geschneidert.

So reizte Wolfgang Maier alias Kellner Alfi mit seinen weit schweifenden Blicken über die auf der äußersten Nasenspitze sitzende Lesebrille, seinen teilweise bissigen, "Maierle-passenden" Kommentaren und seinem kritischen Stirnrunzeln immer wieder zum Lachen. Rainer Bogen alias J. R. Heagan schlenderte lässig in Cowboystiefeln, Jeans, Fransenjacke und Texanerhut über die Pfarrheim-Bühne und baggerte mit seinem breitesten amerikanischen Akzent alles an, was nicht schnell genug von derselben flüchten konnte.

Einen Bodystyling-Club wollte der Neu-Neustadter aus der geerbten Wirtschaft machen und von Alfi wissen, "ob sow was hiear geaht?" Der Kellner hielt dem Ami schonungslos die maroden Näuschter Verhältnisse vor: "Die Dorfstrass is schlecht, Kanal- und Wasserleitung senn verreckt und die Kläranlach am Arsch." Das alles störte den Texasman nicht im Geringsten. Ein Fitness-Center mit Sauna hatte er sich in den Kopf gesetzt. "Fitness-Center?", "Sauna?", die Herren Gemeinderäte bekamen gleich tellerrunde Augen, ob der Vorstellung endlich mal schöne Frauen "so nackt und ganz ohne alles" sehen zu können.

Allerdings hatte das am Stammtisch versammelte Gremium die Rechnung ohne die sittsamen und auf Anstand und Moral pochenden Gattinnen Gerda, Erna und Anne gemacht. Allen voran Ulla Steinbauer schwang sich zur wahren Hochform auf. "So lang ich hier die Fra Bürchermäster bin, kummt mir so was nit nach Näuscht", trumpfte die Ansbacherin auf und ließ bei ihren "Leidensgenossinnen" keine andere Meinung gelten. Die nickten immer nur geduldig und sangen einstimmig im Chor: "Jaaaaaa Gerdaaaa." Ob "artgerechte Männerhaltung" oder bissiges Gezischel, die "sittsamen" Damen und Landfrauen auf der Bühne sorgten immer wieder für Heiterkeitsausbrüche.

Oft mussten die Schauspieler Pausen einlegen, weil sich das Publikum so schnell nicht beruhigen konnte. Nicht selten mussten auch die Akteure schmunzeln. Alle, die der Komödie ihren Stempel aufgedrückt haben, aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Jeder der 17 gab sein Bestes. In ihnen allen schlummerten bisher verborgene Talente.

Eines davon weckte die Komödie zum Beispiel in Peter Gowor und Kerstin Heim, die als "Panik-Sophie" bestach. Edith Ebert und Susanne Bogen verbrachten die Premiere stehend, mal links, mal rechts im Saal, betätigten sich als Kulissenschieber und freuten sich über den Erfolg. Ebert: "Heut wird noch a bissle gefeiert."

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