Steinfeld

Steinfelder Paar lebt im Tiny House auf 25 Quadratmetern: Sofa gekürzt

Silke und Christian Hartmann wohnen in Steinfeld in einem Tiny House. Foto: Björn Kohlhepp

Das Sofa wurde links und rechts etwas abgesägt, dann hat es ins neue Haus von Silke und Christian Hartmann in Steinfeld gepasst. 65 000 Euro hat das Haus gekostet. Das klingt nach einem Schnäppchen, hat für Außenstehende aber den Haken, dass es ein Häuschen mit überschaubaren 25 Quadratmetern auf zwei Ebenen ist. Von einer geräumigen Wohnung mit 115 Quadratmetern im Haus seiner Eltern ist das Ehepaar in ein sogenanntes Tiny House (Minihaus) in den Garten des Elternhauses gezogen.

Das Tiny House der Hartmanns steht auf Rädern. Foto: Björn Kohlhepp

Das acht mal zweieinhalb Meter große Häuschen wurde Ende Oktober angeliefert. Bis auf einen Teil der Möbel, so versichern die beiden, hat dort tatsächlich der gesamte Hausstand hineingepasst, auch die Küche. "Die Möbel mussten etwas schrumpfen", sagt Christian Hartmann. Aber wenn sie mal Gäste erwarten, ist auch das kein Problem. Das gekürzte Sofa lässt sich zum Schlafsofa ausziehen.

Schränke und Stauraum unter der Treppe

Jede Ecke des Hauses wird genutzt. Unter der Treppe hinauf zum Schlafloft befinden sich Schränke und Stauraum, die unteren Treppenstufen sind über Schienen wie Schubladen raumsparend ausziehbar – eine Idee des 38-Jährigen, die der Hersteller des Hauses jetzt auch schon für ein weiteres Haus aufgegriffen habe. Der Spiegel im drei Quadratmeter großen Bad ist gleichzeitig ein Infrarotheizkörper. Es reicht ihnen ein kleiner Klapptisch, oben neben dem Bett eine Kleiderstange und ein Regal für die Kleidung, zum Kochen zwei mobile Kochplatten. Im Bad steht eine Waschmaschinen-Trockner-Kombination. Mit zwei Maschinen wäre es etwas eng geworden.

Die beiden sind kein Studentenpärchen, sondern stehen mitten im Leben, wie man so schön sagt, sind seit 2001 ein Paar und seit Jahren berufstätig, haben gut bezahlte Jobs. Während sich junge Leute um sie herum auf dem Land eher vergrößern, von einer Wohnung in ein Haus ziehen, haben sie sich bewusst verkleinert. Warum machen die beiden das? Der Prozess hin zu einem minimalistischen Leben hat für sie im Sommer 2016 begonnen. "Wir brauchen den ganzen Platz nicht", sagen sie.

Ein Blick aufs "Schlafzimmer" im ersten Stock. Darunter befindet sich das Bad. Foto: Björn Kohlhepp

Silke, 41, gelernte Industriekauffrau, die in Frammersbach und Lohr aufgewachsen ist und bei Bosch Rexroth arbeitet, und ihr Mann Christian, Prüfingenieur bei der Dekra, machen immer mit ihrem VW-Bus Urlaub. Im Sommer vor drei Jahren stießen sie auf der Fahrt nach Frankreich zufällig auf den englischsprachigen Podcast "The Minimalists", in dem über ein Leben mit mehr Sinn, aber weniger Zeug diskutiert wird. Fasziniert hörten sie eine Folge nach der anderen, es löste etwas in ihnen aus. Sie begannen über die Frage "Was brauche ich?" zu reden. Wieder zu Hause lasen sie Marie Kondo, die Menschen beibringt, Dinge loszuwerden.

Mit dem Ausmisten fingen sie schon vor der Idee mit dem Tiny House an

Schon vor der Idee mit dem Tiny House begannen sie auszumisten. Die Frage nach Kondo war bei allen Gegenständen: "Macht mich das glücklich?" Es klinge komisch, funktioniere aber. Vorher hatten die zwei Vielleser fünf Meter Regale bis zur Decke nur mit Büchern, fanden das toll. Übrig geblieben sind davon eine Kiste Literatur und eine Kiste Reiseführer. Heute lesen sie Bücher online über die Lohrer Stadtbibliothek. Möbel verschenkten, verkauften oder spendeten sie. "Plötzlich war ein Punkt da, wo es nicht mehr um Sachen ging, sondern um unser Leben", sagt Silke Hartmann.

Der Spiegel im Bad ist gleichzeitig ein Heizkörper. Foto: Björn Kohlhepp

Im nächsten Busurlaub 2017 stellten sie fest, dass sie beruflich nicht mehr so glücklich sind. "Ich weiß genau, wie bei mir ein Dienstag in fünf Jahren aussieht", sagte ihr Mann Christian damals. "War's das jetzt? Was machst du denn sonst mit deinem Leben?" Diese Fragen stellten sie sich auf einmal.

Im Sommer wollen sie arbeiten, im Winter verreisen

Sie habe sich auf der Arbeit immer für alles verantwortlich gefühlt, entschied sich aber nun, Teilzeit zu arbeiten. "Das war ein Riesenschritt für mich." Christian fragte im Sommer vergangenen Jahres seinen Chef, ob es in Ordnung ist, wenn er jetzt immer ein halbes Jahr arbeitet und ein halbes Jahr freimacht. Es klappte. Jetzt ist der Plan, dass sie immer von Oktober bis März freihaben und verreisen. Im Winter, wenn sie weg sind, wollen sie ihr Haus einfach kalt da stehen lassen. Im Moment sind sie noch hier, weil ihr Häuschen mit Verspätung neulich erst angeliefert wurde.

Das Sofa unter "Dachboden" und Klimaanlage musste links und rechts etwas gekürzt werden. Foto: Björn Kohlhepp

Vergangenes Jahr kam ihnen zum ersten Mal der Gedanke mit einem Tiny House, im Januar gab der Steinfelder Gemeinderat grünes Licht. Gebaut hat es ein Hersteller im Schwarzwald, aber den immer wieder umgeworfenen Plan, wie es aussehen soll, hat das Paar komplett mit Hilfe eines 3D-Programms selber gemacht. Ideen holten sie sich im Internet. Es ging um Fragen wie: Welches Dach soll drauf, wo kommt die Eingangstür hin? Ihr Haus war vom Hersteller schon eingeplant, da haben sie das erste Mal überhaupt live ein Tiny House gesehen – auf einer Ausstellung in Kassel. "Wir sind ja auch witzig", entfährt es der 41-Jährigen rückblickend.

Das Tiny House kann einfach an die Anhängerkupplung gehängt und fortgefahren werden

Ihr Tiny House steht auf Rädern, hat eine Maximalhöhe von vier Metern und wiegt ohne die von ihnen eingebaute Küche und Einrichtungsgegenstände keine 3,5 Tonnen – kann also einfach an die Anhängerkupplung gehängt werden. Dass sie mit dem Platz klarkommen, wussten sie schon von ihrem Bus her. Ein Mobile Home hingegen, mit einer maximalen Deckenhöhe von 2,10 Metern, war ihnen zu niedrig, auch wenn es auf zehn mal vier Meter erweiterbar wäre. Ihr Haus gibt es zwar auch als Bausatz mit vorgefertigten Wänden. Christian schraubt und baut auch gern, aber dafür hätten sie mehr Platz und Zeit gebraucht.

Es ist erstaunlich hell in ihrem Häuschen. Licht kommt durch fünf Fenster und die Glastür, im Bad gibt es ein zusätzliches Fenster. Geheizt wird zum einen elektrisch über Infrarotheizkörper an der Decke und eine elektrische Fußbodenheizung, zum anderen gibt es einen kleinen Holzofen, der aber erst noch einen Edelstahlkamin braucht. Warmwasser liefert ein Durchlauferhitzer. Für den Sommer gibt es eine Klimaanlage, das hat der Hersteller ihnen unbedingt ans Herz gelegt. Sie wollen sich noch eine Terrasse anlegen, damit sie im Sommer auch mal draußen sitzen und kochen können. Das Haus hat einen Wasser-und Stromanschluss und ist an den Kanal angeschlossen.

Sie fürchten nicht, dass ihnen Rückzugsraum fehlt

Klar, mit Kindern wäre es womöglich nicht so einfach mit einem Tiny House, räumen sie ein, aber als kinderloses Paar sehen sie keine Schwierigkeiten. Dass ihnen irgendwann die Decke auf den Kopf fällt und sie Lagerkoller kriegen, fürchten sie nicht. Sie bräuchten keinen Rückzugsraum für sich, kämen auch gut klar, wenn sie beide im selben Raum sind, sagen sie. Sie könnten ja jederzeit mal nach draußen, Christian sich auf sein Motorrad schwingen und losfahren. Und wenn, worüber sie noch nicht nachdenken, ihnen mal nach einem Tapetenwechsel wäre, könnten sie das Häuschen ausräumen, es anhängen und losfahren.

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