Marktheidenfeld

Streit um Gärtnerei Simon: Knickt Stadt Marktheidenfeld ein?

Der Fall erregte überregional Aufsehen. Wegen eines fehlenden Kanalanschlusses droht die Schließung der bekannten Gärtnerei Simon. Jetzt gibt es neue Entwicklungen.
Die Gärtnerei Simon in Marktheidenfeld ist eine kleines Idyll. Foto: Martin Hogger

Die Nachricht schlug so laut ein, dass man sie eigentlich nicht überhören konnte. Die traditionsreiche Marktheidenfelder Gärtnerei Simon und ihr Pächter, die Tilia Permakultur GmbH um Jonas Gampe, stehen vor dem Aus. Der Grund dafür war jedoch kein wirtschaftlicher, sondern ein Streit mit der Stadtverwaltung um das Wasserschutzgebiet, auf dem die Gärtnerei steht.

Drei Wochen ist die Veröffentlichung dieses Falls nun her – "Am Streit um die Gärtnerei Simon hängt die Wasserversorgung der Stadt" hieß der Artikel. Seitdem erreichten die Redaktion Anrufe, Leserbriefe und Kommentare zu diesem Thema. So viele Menschen hatten etwas zu sagen, dass ein Beteiligter unterging, der gar nichts sagte: die Stadtverwaltung. Bis jetzt.

Der Fall Gampe: Das war passiert

Jonas Gampe steht im gepachteten Waldstück der Gärtnerei Simon. Die Stadt hat zum Jahr 2021 die Pacht gekündigt. Foto: Martin Hogger

Eine kurze Zusammenfassung: Das Landratsamt forderte von der Gärtnerei einen Anschluss an das Abwassersystem Marktheidenfelds bis Neujahr, also in etwa drei Wochen. Würden die Betreiber das bis dahin nicht erledigen, würden Strafzahlungen fällig und könnte ihnen das Wohn- und Nutzungsrecht entzogen werden.

Doch die Betreiber wollten, organisierten und planten den Anschluss. Dann aber verweigerte die Stadtverwaltung die Verlegung des Kanals durch städtisches Gebiet – dabei sind alle Gebiete um die Gärtnerei herum städtisches Gebiet. Der Anschluss wäre nicht mehr möglich, ohne Wohn- und Nutzungsrecht die Gärtnerei am Ende. Um das zu verhindern, wandte sich Gampe an die Presse. Ein städtisches Gutachten von 1992 sollte die Gärtnerei wasserschutztechnisch entlasten, würde den Kanal nicht mehr notwendig machen. Der Nebeneffekt: Das Wasserschutzgebiet müsste möglicherweise neu ausgewiesen werden, die Obereichholzbrunnen dürften dann nicht mehr fördern, ein dritter gar nicht gebaut werden. Die Wasserversorgung der Stadt stünde auf dem Spiel.

Lesen Sie alle Hintergründe: Am Streit um die Gärtnerei Simon hängt die Wasserversorgung der Stadt

Neue Entwicklungen im Fall: Was seitdem passiert ist

Die Gärtnerei Simon in Marktheidenfeld ist eine kleines Idyll. Foto: Martin Hogger

In den vergangenen drei Wochen seit der Veröffentlichung des Artikels ist einiges passiert. So hat Gampe eine Online-Petition gestartet, die die Stadtverwaltung dazu auffordert, "umgehend die Sabotage des Permakultur-Betriebes zu beenden". 692 Unterschriften hat die Petition bei Redaktionsschluss gesammelt. Zudem gab Gampe das städtische Gutachten von 1992 an das Landratsamt weiter und beantragte auf dessen Basis eine Herausnahme aus dem Wasserschutzgebiet. So weit, so erwartbar.  

Inzwischen liegt das Gutachten beim zuständigen Wasserwirtschaftsamt in Aschaffenburg. Dieses prüft nun den Antrag, wie Pressesprecher Herbert Walter schreibt. "Bei der Prüfung greifen wir auf alle bekannten Unterlagen [insbesondere Gutachten sowie weitere (Er-)Kenntnisse] zurück, die für die Abgrenzung des Wasserschutzgebiets und für die Beurteilung bestehender Gefährdungen von Bedeutung sind." Die wasserwirtschaftliche Beurteilung des Sachverhalts sei jedoch noch nicht abgeschlossen. 

Die Gefahr: Was passiert, wenn es bis Neujahr kein Kanalanschluss gibt?

Bereits vor einem Monat hatte Jonas Gampe gesagt, dass es keine Chance gebe, den Kanal rechtzeitig anzuschließen. Könnte durch den Antrag die Frist zumindest nach hinten verschoben werden? Holger Steiger, Pressesprecher des Landratsamts Main-Spessart, sagt: "Der Antrag hat keine aufschiebende Wirkung." Die gesetzte Frist könne jedoch verlängert werden. Wenn das nicht passiere und die Nutzung einer Wohnung untersagt werde, werde den Bewohnern eine angemessene Zeit gegeben werden, sich eine neue Wohnunterkunft zu suchen.

Die Hoffnung: Genehmigt die Stadt Marktheidenfeld nun doch einen Anschluss?

Ein interessantes Detail hat Steigers schriftliche Antwort noch: "Die Stadt Marktheidenfeld prüft derzeit, ob und gegebenenfalls wie ein Anschluss der Gärtnerei an die öffentliche Abwasserversorgung über städtische Grundstücke ermöglicht werden kann." Als die Redaktion nur wenige Tage vor diesem Schreiben aus dem Landratsamt bei der Stadtverwaltung um mögliche Neuigkeiten zu diesem Fall gebeten hatte, wurde dies nicht erwähnt, sondern nur mit einer sehr allgemeinen Stellungnahme geantwortet. Auf erneute Nachfrage bestätigte Pressesprecher Marcus Meier jedoch die Prüfung der Behörden. Wie lange diese noch dauern werde, könne er jedoch nicht sagen. Sie stehe aber nicht in Zusammenhang mit der Berichterstattung.

Von der Chance auf den Kanalanschluss haben anscheinend alle Behörden gewusst, nur Jonas Gampe das nicht. Er wundert sich, was die Stadt da prüft, die Planungen stünden ja schon. Jedoch: Sollte die Stadt ihr Einverständnis geben, zeichnet sich zumindest im Streit um die Gärtnerei Simon ein Ende ab. Ob das auch für das Wasserschutzgebiet und die neuen Brunnen gilt, bleibt jedoch noch abzuwarten.

Alles zum Wasserschutzgebiet in Marktheidenfeld
Das ist das Wasserschutzgebiet. Begrenzt wird es durch die Straße nach Karbach und Siedlungen in Hafenlohr und Marktheidenfeld. Foto: Screenshot UmweltAtlas
Trinkwasserschutzgebiete werden festgesetzt, um Restrisiken der Trinkwassergewinnung weiter zu vermindern beziehungsweise durch Verbot bestimmter Handlungen ganz auszuschließen, wie das Umweltbundesamt schreibt.
Ein Wasserschutzgebiet ist deshalb in die Zonen I (Fassungsbereich), II (engere Schutzzone) und III (weitere Schutzzone) untergliedert. Die sogenannte 50-Tage-Linie grenzt die engere von der weiteren Schutzzone (in der die Gärtnerei Simon liegt) ab. Diese Abgrenzung ist im Hinblick auf die hygienische Situation der jeweiligen Wasserfassung von Bedeutung, da nach den Erfahrungen bei einer Verweilzeit von 50 Tagen im Untergrund von einer Abtötung oder Inaktivierung von Krankheitserregern ausgegangen werden kann.
Je besser die Filterwirkung des Bodens ist, desto länger braucht das Wasser um zu versickern. Die oberflächliche Nähe ist deshalb oft wenig entscheidend bei der Festsetzung eines Gebietes, da Brunnen in der Regel über 50 Meter tief gebohrt sind.
Für die interaktive Wasserkarte von Marktheidenfeld klicken Sie hier.

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