RECHTENBACH

„Ü-80-Party mit betreutem Trinken“

Unterhaltsame Kritik: Philipp Webers “Durst – Warten auf Merlot“ löst die heilsame Nebenwirkung des Lachens aus. Foto: Gisela Büdel

Das „Warten auf Merlot“ hatte sich am Samstagabend in der Turnhalle Rechtenbach für beide Seiten gelohnt: Philipp Webers erklärtes Ziel „Lachende Gesichter, glückliche Menschen und – zumindest die Aussicht auf – eine bessere Welt“ erfüllte sich für den Kabarettisten wie für die 200 Zuhörer.

Tiefe, Scharfsinn und Zeitkritik, bissige Satire und skurrile Komik bilden die Basis von Webers sechsten Soloprogrammes „Durst – Warten auf Merlot“. In „Atmen, Trinken, Essen, Sex“ sieht der Odenwälder die vier essenziellen Grundbedürfnisse des Menschen. Der studierte Chemiker und Biologe nutzt seinen reichen Erfahrungsschatz für eine Aufklärungsmission in Sachen „flüssiger Gaumenfreuden“. Parallel dazu zieht sich Onkel Rudi (der mit dem Alkoholproblem) wie ein roter Faden durchs Programm.

Hintergrund: Millionen Deutsche trinken heute missbräuchlich Alkohol. Daran mit schuld seien Einsamkeit oder zwischenmenschliche Ablehnung. Allein 2013 wurden deshalb 23 000 Rentner in stationär behandelt. Der Volksmund sagt: „Ältere Menschen müssen nachts oft raus“. Aber wohin? „Zur Ü-80-Party mit betreutem Trinken“, laute die Lösung. Während früher der Rausch zur Kirchweih als rituelles Erlebnis galt, diene er heute der Realitätsflucht. Ganze Berufsgruppen seien dem Alkohol verfallen: „In mancher Klinik schwankt die Chefarztvisite in Polonaise ins Zimmer“ oder „Wer hat im Flugzeug mehr getankt, die Maschine oder der Pilot?“.

Schonungslos

Schonungslos rechnet der 40-jährige Miltenberger ab mit Flüssigem und dessen Inhalt. „Red Bull“ schmecke wie der Morgenurin eines zuckerkranken Gummibärchens. Er vermutete gar die Beimischung von Stierhodenextrakt, was den Energy-Drink zur süßen Ochsenschwanzsuppe mache. Fruchtnektar enthalte lächerliche fünf Prozent Frucht. Webers Tipp: „Mehr Obst im Korb hat man beim Kauf von Duschdas Kiwi-Mango.“

„Alkohol ist das Schmiermittel der Hochleistungsgesellschaft“, behauptet der Sprachkünstler mit Blick auf die „alkoholisierte politische Elite“. Der Zappel-Philipp im türkisen T-Shirt gibt sich als Inspirationsquelle, wenn er im Höllentempo Lug und Betrug der Lebensmittelsubstanzen aufdeckt und „Fair Trade“ thematisiert. Neu für die Herren der Schöpfung sind fair gehandelte Kondome. „Perforiert statt genoppt?“, fragt Weber unter dem Gelächter aus dem Publikum. Er jedenfalls denke beim Höhepunkt seiner sexuellen Ekstase nicht an den Weltpreismarkt für Rohkautschuk.

Dem „schlafgestörten Patienten“ Weber, der sich schwer tue mit dem Abstinenzgedanken, drängt sich die Frage nach der Alternative auf. Etwa 1,5 Liter Wasser täglich? Überteuertes Life-Style Wasser von den Fidschi-Inseln, die Vollmondabfüllung Aqua Luna oder tasmanisches Regenwasser?

Auch der Lokalbezug fehlt nicht: „Die Lohrer geben gerade viel Geld für Kunst aus.“ Sein Tipp zum Haushaltsdefizit: „Lohrer Wasser naturtrüb direkt aus dem Main auf die Fidschi-Inseln exportieren.“ Denn „Durst ist das Geschäft der Zukunft.“ Onkel Rudis Kommentar zum Wasserkonsum: „Hätte Gott gewollt, dass wir Wasser trinken, hätte er nicht soviel davon gesalzen.“ Weber klagt den „virtuellen“ Wasserverbrauch an und rät: „Ökologisch gesehen ist ein String-Tanga wassersparender als die Kittelschürze.“ Soviel zu den leiblichen Genüssen. „Wer aber löscht den Durst der Seele?“, fragt Weber zum Ausklang. „Die Liebe“, kommt die spontane Antwort aus dem Publikum. Fazit nach über zwei Stunden satirischem Verbraucherschutz, der das Konsumbewusstsein schärft: Donnernder Schlussapplaus und eine Zugabe aus dem Vorprogramm „Futter“. Doch der Slow-Food-Abend scheitert an Lactose-Intoleranz, Nachtschattengewächs-Allergie und China-Restaurant-Syndrom.

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