URSPRINGEN

Überseekoffer erzählt eine traurige Geschichte

Der Überseekoffer von Hermann und Hilda Landauer: Marga Zellers Eltern – Ida und Emil Amend – haben früher direkt neben dem jüdischen Ehepaar gewohnt, an dessen Schicksal beim Dorfjubiläum erinnert wird. Foto: Heidi Vogel

Mit seinen 1,30 Metern Länge, 60 Zentimetern Tiefe und auch 60 Zentimetern Höhe gleicht der dunkelgraue Koffer eher einer Kiste: Tatsächlich ist das beschriebene Stück der Überseekoffer des Ehepaars Landauer, das nach Amerika auswandern wollte.

„Mein Vater hat immer gesagt, das ist der Überseekoffer der Landauers“, erinnert sich die 73-jährige Marga Zeller. Sie ist die Tochter von Ida und Emil Amend, die seinerzeit direkt neben dem jüdischen Ehepaar Hermann und Hilda Landauer und deren Sohn Isfried in der heutigen Grabengasse in Urspringen gelebt haben. Marga Zeller kennt die jüdische Familie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern, wurde sie doch gerade in den Tagen geboren, als das Ehepaar Landauer mit den übrigen jüdischen Mitbewohnern aus Urspringen deportiert wurde.

Jahrzehntelang auf Dachboden

Neben zahlreichen anderen Kisten fristete der Koffer, über Jahrzehnte völlig unbeachtet, sein Dasein auf dem Dachboden ihres Elternhauses, in dem Marga Zeller später auch mit ihrer eigenen Familie lebte. Erst als die Tochter Christine vor rund zehn Jahren mit dem Umbau des Hauses in der Ortsmitte begann, öffnete die Familie den Koffer zum ersten Mal.

„Meine Töchter haben damals gesagt, was ich denn mit diesem alten Kram anfangen wolle“, berichtet Zeller. Alte Bücher von Schiller, aber auch über die jüdische Auswanderung und Landkarten von Palästina aus dem Jahr 1938 kamen neben Vorhängen der Familie Landauer zum Vorschein. Doch die Urspringerin wollte sich von den Fundstücken nicht trennen und deponierte den Koffer zunächst in einer Scheune.

Als nun vor wenigen Wochen die Vorbereitungen für das Dorffest in vollem Gang waren und sie alte Zeitungsausschnitte durchsuchte, kam ihr ein Bericht über das Leben der jüdischen Mitbewohner in Urspringen in die Finger. „Ich dachte mir, das müssen doch die Landauers sein, von denen meine Eltern immer erzählt haben“, berichtet Marga Zeller. Schlagartig wurde ihr klar, dass der mit verrosteten Eisenbeschlägen versehene Koffer dem Ehepaar Landauer gehören musste, das eigentlich nach Amerika auswandern wollte.

Aus dem Zeitungsbericht von 1991, der auf Recherchen des Förderkreises Synagoge Urspringen beruht, geht nämlich hervor, dass der am 8. Januar 1892 geborene Hermann Landauer in Urspringen als Landwirt und Viehhändler tätig war. Im April 1919 heiratete er Hilda Adler aus Laudenbach. Am Ersten Weltkrieg nahm Landauer als Soldat teil, wofür ihm im Jahr 1935 im Namen des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler das Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer verliehen wurde.

1938 nach der Pogromnacht bewahrte ihn diese Auszeichnung zunächst vor der Inhaftierung in Dachau. Nach neuntägiger Polizeihaft in Lohr wurde er entlassen und trieb fortan seine Auswanderung in die USA voran.

Im KZ umgekommen

Trotz einer dokumentierten Bürgschaft eines Louis Löwenstein aus Kansas City (Missouri) schaffte das Ehepaar Landauer die Auswanderung jedoch nicht, weil der Papierkrieg zu lange dauerte. Zusammen mit 40 weiteren Juden aus Urspringen wurden die beiden am 25. April 1942 nach Polen deportiert und starben wenig später im Konzentrationslager Belzec. Ihrem Sohn Isfried jedoch ist im Jahr 1939 tatsächlich noch die Auswanderung über Russland nach Palästina gelungen.

Und so fügte sich für Marga Zeller ein Puzzleteil nach dem anderen zusammen. Denn aus Erzählungen ihrer Eltern wusste sie, dass die Landauers auswandern wollten, dies aber nicht schafften. So habe Hilda Adler bereits vorsorglich in den Rocksaum und den Kragen ihrer Kleider Wertgegenstände wie Ringe und Ketten eingenäht.

„Sie hat zu meiner Mutter immer gesagt, wenn wir ins Arbeitslager kommen, ist es gut, wenn wir etwas dabei haben, dann geht es uns vielleicht nicht so schlecht“, weiß Zeller aus Berichten ihrer Mutter. Überhaupt hatten die beiden Familien ein sehr gutes nachbarschaftliches Verhältnis. So umhäkelte die in Handarbeiten geschickte Hilda Landauer beispielsweise für den erwarteten Nachwuchs der Amends Mullwindeln mit rosafarbenem und hellblauem Garn.

Keine Urspringer mehr entdeckt

Die Geburt der Tochter Marga am 23. April bekam das jüdische Ehepaar jedoch nicht mehr mit, wurden die beiden doch zusammen mit rund 40 weiteren Juden aus Urspringen wenige Tage vorher bereits nach Würzburg in den Platz?schen Garten gebracht. „Einen Tag nach meiner Geburt ging mein Vater zum Platz?schen Garten und wollte den Landauers berichten, dass ich geboren wurde. Aber er hat weder die Landauers noch irgendwelche andere Juden aus Urspringen in der Menschenmenge gesehen, die von Soldaten auf Pferden bewacht wurden“, erinnert sich die in der Domstadt geborene Zeller. Den Vater hätten die Eindrücke von der Sammelstelle, von wo aus die Juden am 25. April nach Polen ins Konzentrationslager Belzec deportiert wurden, noch lange sehr belastet.

Nachdem Marga Zeller das Schicksal der ehemaligen jüdischen Nachbarn bereits in ihrer Jugend stark beschäftigt hat, besann sie sich nun des alten Koffers und säuberte ihn für die Ausstellung sorgfältig.

Ausgestellt: Mit Originalstücken aus dem ehemaligen Besitz des Ehepaars Landauer gefüllt, darunter Büchern sowie einem mit Monogramm bestickten Betttuch, ist der Überseekoffer anlässlich des Urspringer Dorffests am 1. und 2. August in der Synagoge zu sehen.

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