GEMÜNDEN

Ukrainische Asylbewerber in Gemünden: Auf der Krim unerwünscht

Protest: Pro-russische Demonstranten tragen eine riesige Russland-Flagge durch Simferopol, die Hauptstadt der zur Ukraine gehörigen Halbinsel Krim. Foto: VIKTOR DRACHEV, AFP

Ein ukrainisches Restaurant auf der Halbinsel Krim mag vor der Krise in der Ukraine etwas Selbstverständliches gewesen sein. Doch mit Beginn der Proteste auf dem Kiewer Maidan-Platz und der Absetzung des ukrainischen Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch hat sich die Situation auf der überwiegend von Russen bewohnten Krim drastisch verändert.

Das haben die Eheleute Oleg und Roma aus Sewastopol am eigenen Leib erfahren: Ihr Haus mit ihrem ukrainischen Restaurant wurde, genauso wie ihr Auto, von Separatisten in Brand gesteckt. Mit ihrer kleinen Tochter flohen die beiden nach Deutschland, wo sie Asyl suchten. Dann sind sie im Raum Gemünden untergekommen.

Oleg (die Redaktion verzichtet auf die Nennung des vollen Namens wie auch auf ein Bild), 49, ist ein 1,91 Meter großer Hüne. Früher, erzählt er, war er ein erfolgreicher Judokämpfer. 18-mal sei er ukrainischer Meister gewesen, dazu zweimal Europameister. Fast hätte er es zu den Olympischen Spielen in Moskau geschafft. Oleg stammt aus der von Militär geprägten Stadt Sewastopol. Dort ist die russische Schwarzmeerflotte stationiert. Sein Vater, ein Ukrainer, war bei der Marine. Oleg wurde Journalist, arbeitete bis zu seiner Flucht bei einer Wochenzeitung, die auf der Krim erschien.

Seine Frau Roma ist um einiges jünger als er: 22. Sie kommt aus Lemberg (Lwiw) im Westen der Ukraine. Ein Urlaub hat sie einst auf die Krim geführt, wo sie ihren Oleg kennenlernte. Roma hatte mit der russischen Sprache bis zu ihrer Ankunft auf der Krim nichts am Hut. Im Westen der Ukraine spricht man Ukrainisch. Das ist ein Kern des Problems in der Ukraine: Der Westen ist ukrainisch geprägt, gehörte ehemals zu Österreich-Ungarn und tendiert eher gen Westen, der Osten des Landes ist russisch geprägt.

Ein gutes Leben

Romas Mutter war gelernte Köchin, und so hat sie zu Hause ihr Handwerk gelernt. Im Erdgeschoss ihres Hauses in der Hauptstraße von Sewastopol, der Lenin-Straße, eröffnete die junge Frau ein ukrainisches Restaurant. Es gab Borschtsch, Pelmeni (Teigtaschen), Piroggen – alles auf ukrainische Art. Das Restaurant lief gut, ihr Mann verdiente als Journalist ordentlich. Die beiden haben eine Tochter. Es war ein gutes Leben.

Doch dann begann die Krise in der Ukraine. Als die Proteste auf dem Maidan-Platz stattfanden, fuhr die kleine Familie aus Neugier hin, um die Geschehnisse dort mit eigenen Augen zu betrachten. Oleg ist schließlich Journalist. Als sie am 23. Februar in Kiew ankamen, lagen dort noch die Toten vom 20. Februar. Unter anderem durch die Schüsse von Scharfschützen kamen nach Schätzungen 60 bis 70 Menschen ums Leben. Täglich sahen Oleg und Roma mehr als 20 Autos brennen, Autos mit Nummernschildern aus der Westukraine. Als Täter vermuten sie Anhänger der damaligen Janukowitsch-Regierung.

In Sewastopol wurde Roma, da sie aus der Westukraine stammte, nun plötzlich als „Banderowka“, als Nationalistin, beschimpft – nach Stepan Bandera (1909–1959). Bandera wird vor allem im Westen der Ukraine als Nationalheld verehrt, in der Ostukraine jedoch als Nazi-Kollaborateur und Verbrecher betrachtet. „Wir fackeln euer Haus ab“, drohten auf einmal Demonstranten, die in der Hauptstraße ihre Verbundenheit zu Russland demonstrierten. Als die beiden einmal nicht zu Hause waren, war es so weit: Ihr Haus wurde tatsächlich in Brand gesteckt. Plötzlich standen sie ohne alles da, selbst ihre Pässe verbrannten. Eltern haben sie beide nicht mehr, mit dem Haus verbrannte alles, was sie hatten.

Mithilfe eines Freundes, der einen Kleinbus hat, flohen sie in den Westen. Wie der es mit ihnen über die Grenze geschafft hat, wo der einzige Ausweis, den das Paar noch hatte, Olegs Presseausweis war, wüssten sie selbst nicht. Oleg habe getrunken und deshalb nichts mitbekommen, Roma geschlafen. Ihr Ziel war Deutschland, wo bereits ein Onkel Olegs wohnte. Über die Auffanglager Braunschweig und Zirndorf bei Fürth sind sie als Asylbewerber in den Raum Gemünden gekommen. Weil sie jedoch Probleme bei ihrer privaten Unterkunft hatten, vor allem deshalb weil Oleg als Diabetiker kein passendes Essen bekam, sie sogar bedroht worden sein sollen, als sie wechseln wollten, verzichten wir auf die Nennung des genauen Ortes. Inzwischen sind die beiden nach Bad Brückenau verlegt worden.

Furcht vor einem Bürgerkrieg

Dass sich Putins Russland die Krim einverleibt hat, findet Oleg nicht in Ordnung. Die Krim sei ein Teil der Ukraine. Er glaubt, dass Russland die prorussischen Separatisten in der Ostukraine unterstützt, und befürchtet, dass es in der Ukraine zu einem richtigen Bürgerkrieg kommen wird. Was dort vor sich geht, verfolgt er aus der Ferne über ukrainische Medien. Russischen Medien traut er nicht.

In Deutschland hofft das Ehepaar auf eine Zukunft für sich und seine Tochter. Wenn das lebhafte Mädchen die erlernten Brocken Deutsch loslässt, lacht Vater Oleg herzlich. Bald könne er noch mehr lachen: Seine Frau ist wieder schwanger.

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