Obernburg am Main

Urban Priol: "Die Verrohung der Sprache, da gruselt es einen“

„Klimahysterie“ ist Unwort des Jahres. Die Reaktionen? Kritik von rechts. Kabarettist Urban Priol saß in der Jury und wählte mit. Und sagt, was wirklich hysterisch ist.
Urban Priol wählte als Juror das Unwort des Jahres: "Klimahysterie".  Foto: Michael PALM

Vier Sprachwissenschaftler, ein Journalist – und immer ein Gast. Dieses Mal hat Kabarettist Urban Priol mit der Jury aus Hunderten von Einsendungen aus der Bevölkerung das „Unwort des Jahres“ gekürt. „Umvolkung“ und „Ethikmauer“ standen bis zum Schluss in der engen Auswahl. Am Ende entschieden sich die Juroren für „Klimahysterie“.

Weil sie, teilten sie in ihrer Begründung mit, den massiven Aufschwung nicht ignorieren wollten, den das Klima-Thema durch Greta Thunberg und Fridays for Future 2018 erfahren hat. Oder besser: Weil sie die Diffamierung der Klimaschutzbewegung rügen wollten. Durch den Begriff „Hysterie“ werde das Engagement für Klimaschutz als irrational, wenn nicht gar kollektiv krankhaft schlecht gemacht. Dass es für die Wahl dann nicht nur Zustimmung, sondern auch viel Kritik gab – nur logisch, meint der 58-jährige Sprachliebhaber aus Unterfranken.

Frage: Herr Priol, wann werden Sie hysterisch?

Urban Priol: Och, eigentlich bin ich ziemlich geerdet. Ich werde eher zornig. Da bin ich wohl doch von einer inneren fränkischen Gelassenheit geprägt. Hysterie ist nicht meine Art, auf Dinge zu reagieren.

Andere sind hysterisch geworden beim „Unwort des Jahres“ . . .

Priol: Ja, das hat man in der Debatte schön gesehen: Dass man völlig überzogen reagiert. Eigentlich kommt Hysterie ja von einer neurotischen Störung her, aber der Begriff wird breit benutzt. „Hysterisch“, der Begriff ist mit Sicherheit nicht auf die Klimadebatte anzuwenden. Hysterisch war für mich zum Beispiel die kopflose Reaktion auf das satirische Kinderlied vom WDR-Kinderchor

„Oma“ – Verzeihung – „ist ne alte Umweltsau“.

Priol: Bei dem Wirbel um die Satire, da dachte ich: Na gut, es ist gerade die nachrichtenarme Zeit. Die heftige Diskussion um die Umwelt-Oma hat gezeigt, dass die Erderwärmung real ist und der Klimawandel angekommen: Wir hatten ein Sommerloch kurz vor dem Jahreswechsel, das gab es auch noch nie!

Hysterisch? Wenn, dann werde er zornig, sagt Urban Priol. Foto: Martina Müller
Ärgert Sie die Kritik, die es für die Wahl des Unworts gab?

Priol: Naja. Ach. Das waren die üblichen Verdächtigen halt, die die Fridays for Future-Bewegung in ein schlechtes Licht rücken wollen, wo es ihnen gerade passt. Die Verschwörungstheoretiker sind da schwer unterwegs und fahren einfach ihre Beißreflexe aus, wenn junge Menschen ihr Anliegen voranbringen. Das war doch eigentlich eine sehr schöne Entwicklung im vergangenen Jahr, wie ich finde. Klar, dass dabei viele Ältere kritisiert werden, die alles nicht glauben wollen und die nicht zur Kenntnis nehmen, was die Wissenschaft sagt, und alles für Übertreibung halten. Oder wie der Stammtisch sagt: Die habbe doch sowieso kei‘ Ahnung, die solle erstmal was schaffe‘.

Wie sehr sind Sie selbst denn besorgt, was das Klima angeht?

Priol: Ich bin schon sehr besorgt. Man erlebt es ja und kann es selbst beobachten: Dass die Dürreperioden länger werden. Dass die Winter nicht mehr kommen, oder wenn überhaupt, dann sehr verspätet kommen und dann auch wieder extrem. Dass wir Überschwemmungen, Tornados, Wirbelstürme haben. Dass sich die Ozeane aufheizen. Und es ist im Kleinen so sichtbar. Dass irgendwas nicht mehr so ganz stimmt, merkst du, wenn du im Sommer wieder mal nachts auf der Autobahn unterwegs bist. Früher musste man alle hundert Kilometer nachts an die Raststätte und an der Tankstelle den fauligen Insektenschwamm aus dem Wasser fischen, um die zugeklebte Scheibe wieder frei zu wischen. Heute fährst du 500 Kilometer nachts, und da ist nichts, da kommt kein Insekt. Und wenn, machst du schnell eine Vollbremsung und fragst dich, ob du es wiederbeleben kannst.

Ist Klimakrise für Sie ein richtiges Wort – oder eher ein „Unwort“?

Priol: Nein, das Klima ist ja in einer Krise. Definitiv.

Dann mal generell: Was ist für Sie ein Un-Wort?

Priol: Ein Unwort rückt Dinge in ein falsches Licht. Es behauptet das Gegenteil, es will beeinflussen, es diskreditiert Menschen. Oder geht an die demokratischen Grundwerte oder verstößt gegen das Prinzip der Menschenwürde. Wenn man die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche als „Geschwätz des Augenblicks“ bezeichnet, ist das sicher ein Unwort. Unwörter sind Wörter, die verschleiern, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder irreführen. Durch die Sozialen Netzwerke ist denen, die Unwörter benutzen, wirklich ein breites Forum geboten.

Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh zum Beispiel hat die Wahl der „Klimahysterie“ kritisiert. Das sei „kontraproduktiv“ gewesen, die Jury hatte sich auf eine Seite geschlagen und sich politisch positioniert. Aber das war volle Absicht, oder?

Priol: Aber selbstverständlich! Ich wüsste nicht, was im Leben nicht politisch wäre. Der ganze Alltag ist von politischen Entscheidungen beeinflusst. Es gibt kein unpolitisches Dasein. Position zu beziehen und Haltung zu zeigen sollte jeder machen.

Die Klimaleugner jedenfalls machen mit Begriffen wie Klimahysterie Politik.

Priol: Klar, das ist ein Kampfbegriff der Gegenseite, auf jeden Fall. Klimawandel ist nicht menschengemacht, den gab es schon immer. Und wahrscheinlich sagen sie demnächst auch, dass der Plastikmüll in den Meeren nicht menschengemacht ist. Sondern das ist so eine neue Art von Plankton. Immer da, wo es unbequem wird, wo man sich selbst mal hinterfragen muss, wird die Keule rausgeholt und schnell mal pauschalisiert.

Wie schnell waren Sie sich in der Jury denn einig? Es gab ja noch sehr schöne andere Begriffe: Umvolkung, Ethikmauer, Ökodiktatur . . .

Priol: Wir haben mehrere Stunden leidenschaftlich, aber angenehm diskutiert. Warum, warum nicht . . . Dann wurde noch mal gesiebt und noch mal gesiebt. Am Schluss blieben Ehtikmauer, Umvolkung und Klimahysterie übrig. Und da waren wir uns dann schnell einig, was auf Platz eins kommt.

Über welches Unwort hätten Sie als Kabarettist sich denn besonders gefreut?

Priol: Das ging in die gleiche Richtung: Für mich war „Verschmutzungsrechte“ ein heißer Kandidat. Die sind auch so irreführend. Diese Art lutherischer Ablasshandel: eine Art Stickoxid-Moratorium. Dass selbstverständlich gesagt wird, die Industrie kann Verschmutzungsrechte veräußern, damit wir die Guten sind und andere an einer anderen Ecke des Erdballs das Zeug in die Luft blasen. Dass es kein Recht auf Verschmutzung gibt, sollte eigentlich jedem klar sein.

Rentnerschwemme, Wohlstandsmüll, Humankapital, Gotteskrieger, Ich-AG, Herdprämie . . . Wenn man die Unwörter des Jahres zurückverfolgt, lässt sich die Geschichte unserer Gesellschaft, unseres Landes ziemlich gut schreiben.

Priol: Stimmt. Ich mach‘ das auch immer gerne, zurückzuschauen. Ich war immer neugierig auf das Unwort, weil mich selbst übers Jahr einige Begriffe aufregen. Für mich immer noch das Beste war das „sozialverträgliche Frühableben“.

Das Unwort 1998.

Priol: Ja, da kann schön daran ablesen, wie der gesellschaftliche Diskurs damals war. Auch an Schulen wird mittlerweile immer gerne über die letzten Unwörter debattiert. Ich halte das Unwort für sehr wichtig, weil es immer mit dem Verweis auf grundlegende Prinzipien von Demokratie und anständigem Miteinander präsentiert wird. Und weil es zum Nachdenken anregt. Alles was zum Nachdenken und Diskutieren anregt, hat seine volle Daseinsberechtigung! Ich werde künftig die Leute darum bitten: Wenn Ihnen was auffällt, sollen Sie das einreichen.

Inwieweit sind wir denn insgesamt unsensibler geworden in unserer Sprache?

Priol: Es wird vieles sehr vereinfacht, man geht sehr lässig mit der Sprache um. Vor allem nimmt halt die Verrohung der Sprache extrem zu. Und da tragen die Echokammern in den Sozialen Netzwerken im Schutze der Anonymität entscheidend dazu bei. Was da manchmal rausgehauen wird, da gruselt es einen schon.

Schlagwort „Framing“. Mit Begriffen wird bewusst unterschwellig Politik gemacht.

Priol: Jaja, einfach richtig schön das Ganze einbetten, etwas vorgaukeln und dazu noch ein Narrativ finden, damit wir am Ende gar nicht mehr wissen, worum es eigentlich geht. Bei Meldungen ist viel mehr Arbeit gefordert als früher. Man muss viel mehr hinterfragen. Was wollen die mir damit sagen? Welcher Euphemismus kommt denn da jetzt gerade?

  • Lesen Sie hier unseren Samstagbrief zum Wort des Jahres 2019: Respektrente
Weil Sie Euphemismus sagen, also Beschönigung und Verbrämung. Das Wort des Jahres 2019 ist ja eigentlich auch ein Unwort: Respektrente.

Priol: Wäre auch ein Unwort: eine Rente knapp über dem Minimum. Da wird schon vorausgesetzt, dass man von der Respektrente gar nicht leben kann. Aber dafür darf man im Alter dann noch einen kleinen Zweitjob haben.

Wie sehr feilen Sie selbst bei Ihren Programmen an der Sprache?

Priol: Permanent! Immer. Zum Glück habe ich eine gute Dramaturgin, da geht es immer hin und her wie beim Pingpong. Manchmal muss man im Satz nur zwei Wörter umstellen und hat den gewünschten Effekt. Man muss immer an der Sprache arbeiten. Aber es macht auch einen Heidenspaß!

Gruselt sich über die verrohte Sprache und feilt selbst an seiner: Urban Priol Foto: Martina Müller

Gibt es Wörter, die Sie auf der Bühne nicht verwenden würden oder wollten?

Priol: Schwierig. Spontan fällt mir da gar nichts ein . . . Wobei: Man muss ja nur an den Fall denken, bei dem Renate Künast jetzt gerade im Nachhinein doch einen Teilerfolg errungen hat – zum Glück. Was das Landgericht Berlin vorher als „normale Kritik“ angesehen hat. Ich möchte die Worte hier nicht wiederholen, wir kennen sie ja – „Fotze“, „dumme Sau“, „Schlampe“. Auch wenn ich vor dem Landgericht Berlin damit bestehen würde, würde ich sie auf keinen Fall gebrauchen.

Und Lieblingsworte, die unbedingt in ein Priol-Programm müssen?

Priol: Au ja, aber das kommt meistens ganz spontan.

Dann bitte doch noch einen Satz mit „Klimahysterie“.

Priol: Man sieht ja jetzt beim Weltwirtschaftsforum in Davos, wie sich alles verschiebt: Dass plötzlich McKinsey und Blackrock ankommen und auf Nachhaltigkeit machen, weil sonst die Immobilienpreise sinken und die Grundstücke nichts mehr wert sind, wenn sie überflutet werden. Und die Versicherungen können die hohen Gewinne nicht mehr erzielen, wenn sie immer mehr zahlen müssen . . . Also, das Klima wird renditerentabel!

Unwörter des Jahres
Die sprachkritische Aktion gibt es in Deutschland seit 1991. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Seitdem gibt es eine selbstständige Jury aus fünf ständigen Mitgliedern – und jährlich einem Gastautor.
Vorschläge zum Unwort des Jahres kann jeder mit Angabe einer Quelle des sprachlichen Missgriffs einreichen. Frist: 31. Dezember.
Per E-Mail: vorschlaege@unwortdesjahres.net
Per Post: Prof. Dr. Martin Wengeler, FB II Germanistik/ Germanistische Linguistik Universität Trier, Universitätsring 15, 54286 Trier

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Obernburg am Main
  • Alice Natter
  • Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten
  • Dramaturginnen und Dramaturgen
  • Erderwärmung
  • Gesellschaft für deutsche Sprache
  • Greta Thunberg
  • Hochwasser und Überschwemmung
  • Juli Zeh
  • Kabarettistinnen und Kabarettisten
  • Katholische Kirche
  • Klimaschutz
  • Landgericht Berlin
  • Martin Luther
  • McKinsey
  • Renate Künast
  • Sprache
  • Sprachwissenschaften
  • Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler
  • Universität Trier
  • Urban Priol
  • Weltwirtschaftsforum
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!