URSPRINGEN

Vom Baal Schem Tov und Herschele Ostropolier

Die Gäste tanzten am Ende des Konzerts durch die frühere Synagoge in Urspringen.
Die Gäste tanzten am Ende des Konzerts durch die frühere Synagoge in Urspringen. Foto: Martin Harth

In eine ferne, fast verschwundene Welt führten Erzählerin Kerstin Lauterbach und ihr musikalischer Begleiter Marcel Largé rund 80 Gäste in der früheren Synagoge von Urspringen. Am Freitagabend waren am Aufgang zum Tora-Schrein die Kerzen in der Gedenkstätte entzündet worden, die an die während der NS-Zeit im Landkreis Main-Spessart vernichteten jüdischen Gemeinden erinnern.

Mit der chassidischen Kultur Osteuropas, die an diesem Abend lebendig werden sollte, hatten diese freilich in ihrer Tradition kaum etwas zu tun. Im 18. Jahrhundert war in Podolien, in Russland, der Ukraine und Galizien, eine eigene, fromme Mystik des Judentums entstanden, die vor allem durch Gebet, Lied und Tanz von Generation zu Generation überliefert wurde.

Und es gab eine Vielfalt an Legenden und Geschichte in jiddischer Sprache über das Werk wundertätiger Rabbiner und das kärgliche Leben einer oft unterdrückten Minderheit. Aus diesem reichhaltigen Schatz schöpfte Kerstin Lauterbach. Lebhaft mit ganzem Körpereinsatz erzählte sie ihre Geschichten. Oft lauschten ihr die Besucher mucksmäuschenstill und fasziniert, was ihre Weisheitsgeschichten zu berichten wussten, so dass der wahre Schatz nicht irgendwo in der Ferne sondern am heimischen Herd begraben sei.

„Morgen ist morgen, der Herr sei gepriesen!“ Dieser Satz eines gläubigen Juden, der listig mit Gottvertrauen den alltäglichen Schikanen seines Königs Paroli bot, beeindruckte den Herrscher schließlich so, dass er den armen Schlucker sich sogar zum Ratgeber erwählte. Mit solchen Fabeln wurde chassidische Frömmigkeit weitergegeben wie auch mit Liedern.

Marcel Largé stellte einige davon zur Begleitung auf Gitarre und Mandoline vor. Er traf, erfahren aus der Beschäftigung mit der Klezmer-Musik, dabei die umfassende Bandbreite von tiefster Melancholie über die schlechten Lebensbedingungen vieler Juden in diesen Tagen bis hin zu jener überschäumenden Lebensfreude, die das osteuropäische Judentum eben auch auszeichnete.

Bekannte jiddische Lieder wie „Jidl mitn Fiedel“, „Bin ikh mir a Shnayderl“ oder „De golden Pave“ berichteten, wie auch unbekanntere Weisen aus dem bitteren Alltag, von den Träumen und vom festen Glauben der Chassidim.

Am Ende führte Largé ein angedeutete Erzählung von Kerstin Lauterbach dem Ganzen entsprechend in eine andere Form über. Bald summten die Gäste mit einem chassidischen Gelehrten und sangen, bevor sie schließlich gemeinsam in langen Reihen durch die Synagoge in Urspringen tanzten.

Das mag in einer Gedenkstätte manchem durchaus etwas gewöhnungsbedürftig erschienen sein und trug dennoch etwas Bewegendes, Mitfühlendes in sich. Die Vorsitzende des Förderkreises Synagoge Urspringen Christina Kasamas dankte den beiden Künstlern für ihre begeisternde Vorstellung, bevor ein jiddisches Gute-Nacht-Lied die Gäste beeindruckt nach Hause entließ.

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