Lohr

Vom analogen Leihschein zu digitalen Medienwelten

Die Stadtbibliothek befindet sich seit 30 Jahren im Alten Rathaus. Zum Jubiläum der beliebten Lohrer städtischen Bildungseinrichtung begrüßte ihr Hausherr, Bürgermeister Mario Paul, am Donnerstagabend im Saal des Alten Rathauses 30 Zuhörer.

Vor dem Umzug in das Alte Rathaus war die Bibliothek in der alten Kaplanei am Kirchplatz untergebracht, von dort erfuhr sie eine räumliche Erweiterung aus einem kleinen Haus von 260 qm in ein historisches Gebäude mit drei Etagen über 650 Quadratmeter, führte der Bürgermeister aus.

Mit viel Serviceangeboten

Aus der herkömmlichen Ausleiheinrichtung habe sich ein modernes Medien-Dienstleistungszentrum entwickelt. Mit vielen Serviceangeboten wie zum Beispiel der Fernleihe, dem digitalen Lesen bis zum Angebot des Hörspielformats "Tonies" lasse die Bibliothek kaum einen Wunsch offen. Seit den 1990er Jahren wurde die Veranstaltungsarbeit, vor allem für Kinder, immer weiter ausgebaut, so Paul.

"Wir hatten das Alte Rathaus im Dezember 1989 besetzt, bevor sich der damalige Bürgermeister Gerd Graf und der Stadtrat für eine andere Nutzung entschieden haben!", scherzte Meinrad Amrhein, Historiker und ehemaliger Kulturamtsleiter. Er weiß, wovon er spricht. Er hat in den 1980er Jahren maßgeblich die Weiterentwicklung der städtischen Bildungseinrichtungen (Volkshochschule, Stadtbibliothek, Sing-und Musikschule) betrieben.

Hausbesetzung im alten Rathaus

Ganz so schnell ging die "Hausbesetzung" jedoch nicht. Der Neubau des Rathauses am Schlossplatz 1984/1985 war Anlass, über eine Nachnutzung für das Alte Rathaus nachzudenken. Amrhein berichtete am Donnerstagabend kenntnisreich und detailliert über den Entscheidungsprozess in den 1980er Jahren.

Zunächst waren museale Lösungen angedacht für die Gemäldesammlung von Otto Hamel oder die Uhrensammlung von Uhrmachermeister und Ehrenbürger Franz Back. Auch die Unterbringung eines Jugendzentrums war im Gespräch, verschiedene Vereine streckten ihre Hände nach dem Innenstadtgebäude in bester Lage aus.

Amrhein wurde schließlich vom Konzept des Kultur-und Bildungszentrums Gasteig in München inspiriert. Man entschied sich in Lohr für ein Kultur- und Bildungszentrums (KuBiz) mit der Bibliothek als Hauptnutzerin und den Geschäftsstellen von Volkshochschule und Sing- und Musikschule.

Eine Stätte für alle

Amrhein erinnerte während seines Vortrages an das Motto der damaligen Entscheidungsfindung: "Das alte Rathaus ist eine Stätte für alle und jeden Tag von morgens bis abends." Das "Probewohnen" der Bibliothek, "getarnt" als Einarbeitungszeit begann mit der Eröffnung für alle Bürgerinnen und Bürger am 1. Dezember 1989. Nach dem Umbau fehlten einige Ausstattungsdetails und es waren noch nicht alle Räume fertiggestellt. Die feierliche Einweihung des neuen Bürgertreffpunktes und Schlüsselübergabe an Meinrad Amrhein erfolgte mit viel Politprominenz am 27. Januar 1990 durch Bürgermeister Gerd Graf.

Amrhein bezifferte die Gesamtkosten für den Umbau des Alten Rathauses auf 900000 Mark. Seine weiteren Ausführungen bewiesen, dass es eine wesentlich umfangreichere Lesekultur in Lohr gab, als es die in ihrer heutigen Form 1960 gegründete Stadtbibliothek widerspiegelt.

Der ehemalige Kulturamtsleiter erwähnte das "Casino", 1824 gegründet, ein Treffpunkt für die höheren Schichten. Bereits 1836 initiierte das Katholische Pfarramt Lohr durch die Erstellung von Buchlisten aus dem Bestand der Katholischen Volksschule und"Constitutiones" (= Bibliotheksordnung) und deren Weitergabe an alle Schulen eine Art Bibliothekskultur.

1906 wurde eine Bibliothek mit dem Namen "Katholische Volksbibliothek Lohr" gegründet. Im Jahre 1909 wurde schließlich eine neue Volksbücherei und Lesehalle in bester Lage, im bis heute existierenden Gasthaus Schönbrunnen eröffnet.

Dies wurde damals mit einer großen Anzeige angekündigt und die Ausstattung mit "Büchern, Fachblättern, Zeitschriften und einer Anzahl Tageszeitungen" beworben. In der Zeit des Nationalsozialismus änderte sich die Trägerschaft der Volksbibliothek. Die Bibliothek wurde städtisch und verlor aufgrund des diktatorischen Zeitgeistes ihre Unabhängigkeit bezüglich der zu vermittelnden Literatur.

Im Anschluss an Meinrad Amrheins Referat kam es in geselliger Runde noch zum Austausch und Gesprächen im Saal des Alten Rathauses. Eine vertiefende Lektüre unter anderem zur Geschichte der öffentlichen Lesekultur in Lohr bietet das soeben erschienene Buch: Aufbruch in Lohr nach 1945, herausgegeben vom Arbeitskreis Heimat und Geschichte der vhs Lohr-Gemünden. Im Buchhandel erhältlich oder in der Stadtbibliothek einzusehen.

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