Triefenstein

Warum Kerstin Deckenbrock ins Triefensteiner Rathaus will

Sie hat doppelt so viele Stimmen gesammelt, wie sie für die Kandidatur gebraucht hätte. Ganz ohne Parteihintergrund will Kerstin Deckenbrock Triefenstein vereinen. Aber wie?
Die parteilose Kerstin Deckenbrock will Bürgermeisterin in Triefenstein werden. Ihre-Kandidaten-Tour begann am Triefensteiner Waldbad. Foto: Nicolas Bettinger

In ihren zwölf Jahren bei der Bundeswehr musste Kerstin Deckenbrock viel Dreck fressen. Wer aber als Sanitätssoldatin im Jugoslawienkrieg stationiert war, dem machen ein paar Gerüchte im Wahlkampf wenig aus. Angeblich hätte sie Kippe rauchend, in Jogginghose in Triefenstein Flyer verteilt, erzählt Deckenbrock. Sie lacht. Einerseits rauche sie nicht, andererseits musste sie halt am Anfang alles selbst machen, so ganz ohne Partei. "Ein bisschen Dreck gehört dazu. Ich hätte es sogar schlimmer erwartet."

Kerstin Deckenbrock steht am Beckenrand des Triefensteiner Waldbads, als sie davon erzählt. Hinter ihr springen im Sommer Kinder vom Fünf-Meter-Turm. Beinahe jedes Wochenende passt sie auf, dass nichts passiert. 90 Stunden in vier Monaten, alles ehrenamtlich. Es gebe einen extremen Zusammenhalt im Verein, erzählt Deckenbrock. "Meine Nachbarn hab ich erst im Waldbad richtig kennengelernt. Das hier, das ist meine Freizeit."

Deckenbrock: Müssen Sponsoren für das Waldbad finden

Die Main-Post hat jeden der vier Bürgermeisterkandidaten auf eine Tour durch Triefenstein eingeladen. Die Stopps durfte jeder der vier selbst auswählen. Die Idee dahinter: Die Kandidaten sollten Brennpunkte klar benennen, Lösungen aufzeigen und sich voneinander abheben. Kerstin Deckenbrock hat das Waldbad als Startpunkt gewählt. Die 47-Jährige sagt: Ein Schwimmbad werfe eigentlich nie Gewinn ab, aber wie jedes Unternehmen in der freien Wirtschaft brauche auch das Waldbad Investitionen. Dafür will sie Sponsoren die Tür einrennen. Drei, vier, fünf Mal, wie sie sagt. "Ich hätte auch kein Problem damit, dem Bad einen anderen Namen von Sponsoren zu geben, damit wir das Geld für die neue Technik zusammenbekommen."

"Durch meine Zeit beim Bund bin ich wahrscheinlich die einzige Kandidatin, die alle Fahrzeuge im Bauhof fahren darf."
Kerstin Deckenbrock, Bürgermeisterkandidatin in Triefenstein

Hinfahren, machen und nicht nur Briefe schreiben. So ließe sich der Führungsstil von Kerstin Deckenbrock zusammenfassen. "Es gibt aktuell wichtigeres für einen Bürgermeister als Weinflaschen zu verteilen" Sie habe kein Problem damit, sagt sie, einmal im Monat im Bauhof mitzuarbeiten, um zu sehen, wie man zum Beispiel Straßen flickt. "Durch meine Zeit beim Bund bin ich wahrscheinlich die einzige Kandidatin, die alle Fahrzeuge im Bauhof fahren darf", sagt sie und lacht. Zu den Führerscheinen kommen noch neun weitere Abschlüsse dazu, unter anderem zur Arzthelferin, zum Betriebswirt und schließlich zur HR-Managerin, als welche sie gerade in einem mittelständigen Betrieb mit 450 Mitarbeitern arbeitet. Sie sagt: "Ich will keinen Stillstand."

Video

Die Brücke als Symbol für ein vereintes Triefenstein

Als zweiten Stopp hat sich Deckenbrock die Brücke über den Main ausgesucht, die die Ortsteile Trennfeld und Rettersheim verbindet. Auf den Weg dahin würde sie "alles außer depressiver Musik" hören. Sie wählt "The Git Up" von Blanco Brown und erzählt von ihrem Sohn, der will, dass sie sich um einen ordentlichen Jugendraum kümmert. Die Brücke, sagt sie, sei die einzige Verbindung der Gemeinden. "Das ist ein Symbol für mein Motto 'Aus 4 mach wir'." Deckenbrock ist parteilos ins Rennen um den Bürgermeisterposten gestartet, sie will eine Kandidatin ohne Ortsfärbung sein. Das bräuchte es, um ihr Motto voll auszufüllen, glaubt sie. "Man muss das große Ganze sehen, um ein 'wir' zu erreichen." 

Video

Wie genau sie dieses "Wir" schaffen will? Man müsse bei einem neuen Job erst einmal gründlich Inventur machen, wie in der freien Wirtschaft. Mit einem Fünf- bis Zehnjahresplan würde sie dann wirtschaftliche Transparenz schaffen und warum sollte man nicht zu ein paar Themen die Bürger fragen, was deren Prioritäten sind. "Viel Geld ist nicht da, aber das was man hat und das was man aus Förderungen abschöpfen kann, müssen wir klug und nachhaltig verplanen." Von außen habe sie leider wenig Einblick in die finanzielle Situation der Gemeinde. "Ich wage aber zu behaupten, dass da noch einiges drin ist."

Dass sie vorher nicht im Gemeinderat saß, empfindet Deckenbrock nicht als Nachteil, im Gegenteil. "Die Leute wollen etwas neues", sagt sie, als wir in Richtung Rettersheim aufbrechen. Ihr Idealbild vom Gemeinderat sei, dass nicht nur alle Orte, sondern alle Berufs- und Bevölkerungsgruppen im Gemeinderat vertreten sind – vom ITler über den Handwerker bis zum Lehrer. Wir halten an der Bocksbergkapelle. Von hier hätte man einen guten Ausblick über ganz Triefenstein, sagt Deckenbrock. Es ist ein weiteres Symbol für den Zusammenhalt.

Kandidatin Kerstin Deckenbrock erklärt Main-Post-Redakteur Martin Hogger, wie sie ihre Ziele erreichen will. Foto: Nicolas Bettinger

Deswegen hat sie hier mit ihren Listenkandidaten Werbefotos geschossen. Alle seien über Mundpropaganda auf sie zugekommen, erzählt sie. "Ich sage ja nichts neues. Alle anderen sehen das gleiche, trotzdem zieht sich in Triefenstein alles ewig hin." Triefenstein müsse attraktiver werden, wünscht sich Deckenbrock. Gaststätten, Ärzte , über 100 Vereine: "Wir haben viel, aber wir brauchen mehr Bau- und Gewerbegebiete." Das Gebiet in Trennfeld könnte man beispielsweise ausbauen. Genügend Fläche gebe es ja.

In ihren Wahlkampf hat Deckenbrock bereits etwa 2000 Euro gesteckt. Sie mache alles alleine, von der Anmeldung der Liste bis zum Aufstellen der Stühle bei der Nominierungsversammlung. Haben ihr anfangs noch die Fußballfreunde des Sohnes beim Verteilen der Flyer geholfen, unterstützen sie bei ihrer Kandidatur zur Bürgermeisterin inzwischen nicht nur ihre Listenkandidaten. "Ich werde von Tag zu Tag mehr gepusht von den Leuten, die mich einfach so unterstützen. Mir macht das Spaß, ich will das werden."

Rückblick

  1. Wahlergebnisse aus Main-Spessart live am Sonntag
  2. Bürgermeister-Stichwahl: Rümmer oder Hombach für Karlstadt?
  3. Landrats-Stichwahl in Main-Spessart: Sabine Sitter oder Christoph Vogel?
  4. Stichwahl in Triefenstein: Wie zwei Frauen ums Rathaus kämpfen
  5. Wahl in MSP: Diese Gemeinderatskandidaten rücken nach
  6. Briefwahl für ganz Main-Spessart: Das wird zeitlich ganz eng
  7. Landratswahl: Respektables Ergebnis für Maili Wagner aus Lohr
  8. Der neue Kreistag: Welcher Ort hat welche Partei gewählt?
  9. Ratsgremien im Raum Marktheidenfeld: Alte Hasen und frischer Wind
  10. Die große Neuordnung im künftigen Kreistag Main-Spessart
  11. Kreistag MSP wird extremer: Künftig zehn Fraktionen vertreten
  12. Nach der Wahl: Was sich in der Hafenlohrer Politik nun ändern wird
  13. Stichwahl Karlstadt: Keine Wahlempfehlung
  14. Wähler setzen weiter auf Kontinuität
  15. Kommunalwahl: Jung und weiblich ist selten in den Parlamenten
  16. Der neue Stadtrat: Marktheidenfeld stimmt für einen Umbruch
  17. Ungewöhnliches Ergebnis in Eußenheim: Bürgermeister ohne Mehrheit
  18. Lohr setzt auf bewährte Kräfte: Nur fünf Neue im Stadtrat
  19. Retzstadts Bürgermeister Karl Gerhard wiedergewählt
  20. Kommentar: Wie wichtig ist der Stadtrat Karlstadt?
  21. Neuer Karlstadter Stadtrat: Viele Erfahrene und ein Nesthäkchen 
  22. Bürgermeisterwahl: Polit-Neulinge und Amtierende haben überzeugt
  23. Diese Bürgermeister gehen konkurrenzlos ins Amt
  24. Wahlsieg Thomas Stamm: Am Ziel und gleichzeitig am Anfang
  25. Zweikampf in Triefenstein: Deckenbrock und Öhm in der Stichwahl
  26. Bürgermeisterwahl: Diese Kandidaten bleiben im Amt
  27. Marktheidenfeld: Erdrutschsieg für Thomas Stamm
  28. Bürgermeisterwahl Karlstadt: Hombach und Rümmer in der Stichwahl
  29. Kommentar: Überraschungen im Sinngrund und in Gräfendorf
  30. Robert Herold setzt sich in Burgsinn deutlich gegen zwei Gegenkandidaten durch
  31. Wagenpfahl ist neuer Bürgermeister in Gräfendorf
  32. Lippert als Bürgermeister von Gemünden mit überwältigender Mehrheit bestätigt
  33. Amtsinhaber in Fellen, Obersinn und Karsbach bestätigt
  34. Lohr: Bürgermeister Mario Paul bleibt ohne Stichwahl im Amt
  35. Kommentar zur Landratswahl MSP: Warum Christoph Vogel in der Stichwahl steht
  36. Kommentar zur Wahl: Lohr wird bunter
  37. In Rieneck heißt es Nickel gegen Nickel: Amtsinhaber Küber ist abgewählt
  38. Stefan Wohlfahrt siegt in Zellingen
  39. Landrat Main-Spessart: Sitter vorn, Vogel in der Stichwahl
  40. Lorenz Strifsky siegt schon im ersten Wahlgang
  41. Paul gewinnt in Mittelsinn souverän, aber bleibt wegen Corona eigener Wahlparty fern
  42. Überraschung bei der Bürgermeisterwahl in Eußenheim
  43. Bürgermeister Koser mit 90,6 Prozent der Stimmen bestätigt
  44. Wolfgang Haarmann gewinnt Wahl in Hasloch klar
  45. Liveticker der MSP-Kommunalwahlen: Alle Ergebnisse stehen fest
  46. Lohr: Mann blieb an Wahlplakat hängen und fiel gegen vorbeifahrendes Auto
  47. Flyer in Urspringen: Freie Wähler entschuldigen sich
  48. Richard Roos will Heimatort Esselbach lebenswert gestalten
  49. Wahlkampfzeugnis für die Karlstadter Bürgermeisterkandidaten
  50. Drei Kandidaten: Wer wird Bürgermeister in Burgsinn?

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Triefenstein
  • Martin Hogger
  • Beruf und Karriere
  • Betriebswirte
  • Bundeswehr
  • Bürger
  • Fahrzeuge und Verkehrsmittel
  • Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen
  • Inventur
  • Kommunalwahl 2020 im Landkreis Main-Spessart
  • Kommunalwahlen
  • Main-Post Würzburg
  • Mitarbeiter und Personal
  • Ortsteil
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!