Lohr

Wenn Rinnsale wilde Bäche werden

Das Luftbild vom Hochwasser 1970 zeigt den Überschwemmungsbereich des Mains zwischen Sendelbach Würzburger Straße und Lohr Jahnstraße (noch ohne die neue Mainbrücke) sowie der Lohrbachmündung. Das gesamte Freibad, der TSV-Platz und der Stadthallen-Keller standen unter Wasser. Auch im Nägelsee-Bereich gab es schon Überflutungen. Foto: Hans Lembach

Die bei noch gefrorenem Boden plötzlich einsetzende Schneeschmelze und die heftigen Regenfälle führten am Main und seinen Nebenflüssen vor 50 Jahren zu einer bedrohlichen Hochwasserlage. Am 3. Februar-Wochenende 1970 fielen 35 Liter Wasser auf jeden Quadratmeter. Innerhalb von 48 Stunden wurde damit fast die durchschnittliche Niederschlagsmenge für den Monat Februar erreicht.

Der Main steigt am 23. Februar 1970 stündlich um etwa zehn Zentimeter. So sollte im Kreis Lohr der Mainpegel Steinbach, der am 23. Februar in den Mittagsstunden 474 Zentimeter aufwies, bis etwa 580 steigen, lautete die Prognose. Beim letzten starken Hochwasser im Dezember 1967 lag der Pegelstand in Steinbach bei 523.

Nur 1909 noch mehr Wasser

Schließlich wurde es noch mehr, der Scheitel der Hochwasserwelle erreichte am 26. Februar 1970 den Wert von 6,59 Metern. Es war der höchste Stand nach dem Zweiten Weltkrieg. Annähernd erreicht wurde diese Marke 25 Jahre später, am 29. Januar 1995 mit 656 Zentimetern.

1970 war es das höchste Hochwasser seit 61 Jahren in Lohr (am 7. Februar 1909 lag der Pegel laut einer Marke in Rothenfels noch 67 Zentimeter höher). Widerlegt wurde damals die alte Bauernweisheit vom "großen Schnee und kleinem Wasser". Es war ein großes, sogar ein sehr großes Wasser, das fast an das bisher höchste im 20. Jahrhundert vom Jahre 1909 heranreichte.

Sozusagen über Nacht taute die gewaltige Schneedecke im Spessart und in den Tälern weg, hervorgerufen durch einen starken Regen. Schmelzwasser und Regen vereinten sich dann zu den Fluten, die erst als kleine Rinnsale, dann als wilde Bäche die Hänge hinab zu Tal stürzten. Die Talbäche schwollen gewaltig an, traten über die Ufer, überschwemmten Straßen, drangen in Anwesen.

Straßen überflutet

Die Staatsstraße 2315 zwischen Rothenfels und Hafenlohr war überflutet. Die Bundesstraße 26 in Rechtenbach und Teile von Partenstein waren überflutet, weil die Bäche das von den Bergen fließende Schmelzwasser nicht mehr aufnehmen konnten.

In Frammersbach wurde die Verbindung vom Zentrum zum Ortsteil Schwartel unterbrochen. Die Staatsstraße 2317 Frammersbach – Wiesen war teilweise überflutet. Das Wasser stand bis zu 75 Zentimeter hoch auf der Fahrbahn.

In Rechtenbach riss zum Beispiel der gleichnamige Wasserlauf eine Behelfsbrücke fort, spülte die Uferränder weg und grub dort, wo das Bachbett schon verrohrt war, die alte Bachrinne wieder auf.

In Lohr wurde unter anderem durch einen Erdrutsch der Weg zum Eisenhammer blockiert. Nachdem die Erdmassen notdürftig beseitigt worden war, gab es einen neuen Erdrutsch.

Nachbarschaftshilfe, um in die Wohnung zu gelangen, war im Lohrer Meeviertel bei dem Hochwasser 1970 angesagt. Foto: Familie Bauer

Im Meeviertel kamen die Anwohner nur über Notstege zu ihren Häusern. Die ufernahen Gebiete der Stadt Lohr waren schon am 24. Februar 1970 weithin überschwemmt. In Sendelbach wurden allerdings nur die Gärten zum Main überschwemmt, während Häuser nicht betroffen wurden. Anders auf dem rechten Ufer. Die Anwesen am Mainkai und am Seeweg wurden vom Hochwasser erreicht. Durch ihre normalen Türen, um die das Wasser spülte, waren sie nur mit Wasserstiefeln zu erreichen. Ohne diese gelangte man von rückwärts gelegenen Anwesen in die eigene Stube. Das Lohrer Schwimmbad war völlig überschwemmt, ebenso die Sporthalle daneben. Das Wasser stand bis zur Stadthalle, deren Keller meterhoch überschwemmt wurden. Hier wie anderwärts war die Feuerwehr dabei, die Keller leer zu pumpen.

Stromausfall in Gemünden

Heftig traf es vor 50 Jahren auch die Dreiflüssestadt Gemünden. Dort gab es in der Altstadt infolge des Hochwassers einen ganzen Tag lang keinen Strom.

Die Dörfer im Saaletal Wolfsmünster, Schonderfeld, Gräfendorf und Michelau waren teilweise von der Außenwelt abgeschnitten. In Gräfendorf hatte das Wasser der Schondra sogar die Hauptstraße überflutet. In Michelau gingen die Fluten der Saale über die Brücke, vor der ausgerissene Bäume und mitgerissenes Holz eine bedrohliche Situation für die Saalebrücke geschaffen hatten. In Weickersgrüben war der internationale Campingplatz mit Gästehaus und Wochenendgebiet nur von der Bahn her zu erreichen; der einzige Übergang von Weickersgrüben her, die Saalefähre, konnte noch rechtzeitig ans Ufer gezogen werden. Die Saaletalstraße war von Wolfsmünster bis Gräfendorf und die Kreisstraße entlang der Saale war von Gräfendorf bis Michelau unpassierbar.

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