MAIN-SPESSART

Wenn das große Vergessen droht

In Zukunft werden deutlich mehr Menschen im Landkreis an Demenz erkranken.
In Zukunft werden deutlich mehr Menschen im Landkreis an Demenz erkranken. Foto: FOTO David Hecker/dpa

Nachbarin S. war früher sportlich, kulturbegeistert und gesellig. Seit einigen Jahren leidet die 74-Jährige an Demenz, ist vergesslich, manchmal geistig verwirrt und reagiert oft mürrisch. Ihr Mann kümmert sich aufopfernd um sie. Ganz Deutschland überaltert allmählich, die Zahl der Menschen mit der Alterskrankheit Demenz wird rasant steigen. Wer soll sie pflegen? Rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz leben derzeit in Deutschland. Bis 2025 dürften sich in einigen Regionen die Werte bereits verdoppelt haben, schätzen die Forscher. Für den Kreis Main-Spessart wird eine Zunahme um 48 Prozent prognostiziert.

Viele Familien sind von der kräftezehrenden Aufgabe der Pflege demenzkranker Angehöriger überfordert, Privatpflegerinnen sind teuer, angemessene Heimplätze rar. Zumal vielen Pflegeheimen häufig das Know-how im Umgang mit den Dementen fehlt, obwohl sie einen immer größeren Anteil ihrer Patienten ausmachen.

Die Heime stehen unter enormem Kostendruck, die schlecht bezahlten Pflegekräfte unter permanentem Zeitdruck. Verwirrte Alte, die sich wie Kleinkinder benehmen, überfordern das System. Fixierte, eingesperrte und mit Psychopharmaka ruhig gestellte Patienten sind die Regel in den Heimen, nicht die Ausnahme, so das Ergebnis einer Doktorarbeit an der Uni Regensburg.

Die Überalterung der Gesellschaft nimmt stetig zu, gleichzeitig steigt ab 65 Jahren die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, steil an. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung nennt Zahlen und erörtert im veröffentlichten Demenz-Report die Frage, wie mit der Alterung der Gesellschaft umzugehen ist.

Umgerechnet 1524 Demenz-Kranke je 100 000 Einwohner gab es im Kreis Main-Spessart im Jahr 2008 – in absoluten Zahlen basierend auf die damalige Einwohnerzahl entspricht das 1973 Erkrankten. Nach dem Prognoseszenario der Forscher soll der Wert bis zum Jahr 2025, unter Berücksichtigung der sich verändernden Bevölkerungsstruktur, um rund 48 Prozent zunehmen – das wären dann 2920 Betroffene.

Die Kommunen stehen vor großen Herausforderungen. Bis 2025 werde sich vielerorts – vor allem in den östlichen Regionen Deutschlands – die Zahl der Menschen mit Demenz verdoppelt haben, warnen die Berliner Forscher. „Zu diesem Zeitpunkt erreichen die starken Jahrgänge der Babyboomer das Rentenalter. Die nachfolgenden Generationen, die sich als Kinder, Schwiegerkinder, Enkel oder auch als potenzielle Pflegekräfte um die demenziell Erkrankten kümmern könnten, fallen deutlich kleiner aus. Daraus ergibt sich eine Lücke, die zu füllen eine gesellschaftliche und politische Aufgabe ist.

Demenz ist ein normaler Teil des Alterns, doch wie geht man im Alltag mit Demenzkranken würdig um? Statt auf den Bau neuer Pflegeheime, setzen die Experten auf neue Betreuungsmodelle. Beispielsweise wie im Vorzeige-Demenzdorf De Hogeweyk in den Niederlanden, das zugleich Vorbild für das erste deutsche Demenzdorf ist, das im Frühjahr 2015 im rheinland-pfälzischen Alzey eröffnen soll. De Hogeweyk ist auf die Bedürfnisse der Kranken zugeschnitten und gleicht einem ganz normalen Dorf.

Es gibt einen Friseur, ein Café, einen kleinen Supermarkt und eine Promenade zum Spazierengehen und die Wohnungen sind den Milieus nachempfunden, aus denen ihre Bewohner stammen. Verlaufen kann sich hier niemand, denn das Dorf ist so konzipiert, dass man immer wieder am Ausgangspunkt landet. Die Bewohner dürfen sich frei bewegen und sein wie sie sind.

Neue Ansätze verfolgt auch das Bielefelder Modell, das stadtteilbezogen Hilfen und Aktionen konzentriert. Immer häufiger gibt es auch Wohngemeinschaften für Demenzkranke: Die Betroffenen werden rund um die Uhr von ambulanten Pflegekräften betreut, die Familienangehörigen helfen in Alltagsdingen mit.

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