Marktheidenfeld

Wie fühlt sich die Einheit heute für Sie an, Frau Leimeister?

30 Jahre Mauerfall: Am 10. November lädt Conny Leimeister zum "Tresenlesen" in den Felsenkeller.  Mit dabei: Ihr Buch, ihre Gitarre und die Erinnerungen an ihre DDR-Zeit.
Conny Leimeister aus Marktheidenfeld liest am 10. November im Felsenkeller aus ihrem Buch "Meine Wahrheit oder deine" anlässlich des Jahrestages "30 Jahre Mauerfall". Foto: Lucia Lenzen

Conny Leimeister, geborene Obenaus, erblickte 1970 im Vogtland das Licht der Welt und wuchs im knapp 10 000 Einwohner großen Markneukirchen auf. 1987 stellte die damals 16-Jährige zusammen mit ihren Eltern den Ausreiseantrag aus der DDR. Fünf Monate vor der Wende, im Mai 1989, durfte sie gemeinsam mit dem Vater und der Mutter das Land verlassen. Ihre Erlebnisse hat die jetzige Marktheidenfelderin in einem Buch zusammengefasst, das 2015 erschien. 

Frau Leimeister: Wo waren Sie am 9. November 1989? 

Leimeister: In unserer Wohnung in Düsseldorf. Fünf Monate zuvor war ich mit meinen Eltern aus der DDR ausgereist, nachdem unser Antrag endlich bewilligt wurde. Wir landeten in Düsseldorf, weil wir dort eine Tante hatten. Die Situation am 9. November war fast skurril: Mein Vater war gerade im Begriff, einem Herrn sein Akkordeon zu verkaufen. Ich saß vor dem Fernseher und sah  die Bilder von der Grenzöffnung. Es dauerte eine Weile, bis meine Worte "Die Mauer fällt!" bei den anderen ankamen.  

Wovon wollen Sie den Leuten in Marktheidenfeld am 10. November erzählen? 

Leimeister: Zum Beispiel, wie ich als 13-Jährige erste Zweifel am DDR-Regime bekommen habe. In unserem Geschichtsbuch ging es darum, dass im Westen kleine Betriebe von Großkonzernen aufgekauft werden. Da habe ich gedacht: Das ist bei uns doch auch so. Nur, dass alles in Staatshand wandert. Eine andere Episode in meinem Buch handelt von einer Militärübung im 9. Schuljahr. Dazu wurde die Schule verdunkelt. Überall Verletzte verteilt. Und der Übungsgrund, der angenommen wurde, war nicht etwa ein Erdbeben, sondern der Feind aus dem Westen, der einmarschiert. 

Rund um das Jubiläum wird ja auch kontrovers diskutiert, nach dem Motto: Sind wir heute EIN Land? Oder sind wir gespaltener denn je?

Leimeister: Ich denke, dass das für alle, die jünger als das Jubiläum sind, kein Thema mehr ist. Für die jungen Menschen zählt nicht,  ist das Ost oder West, sondern wie ist der Ruf der Uni dort oder des Unternehmens, zu dem ich will. 

Wie sehen Sie das?

Leimeister: Bei mir schwankt das, denn mich prägt die Liebe zur Heimat und zu Freunden. Aber ich sehe auch die rechtsradikale Grundstimmung an einigen Orten. Diese Szene gab es damals schon. Allerdings ist die Gruppe, die sich gegen diese Gesinnung richtet, sehr viel größer, aber viel leiser. 

Was wirkt Ihrer Meinung nach dem Einheitsgefühl entgegen?  

Leimeister: Zum Beispiel die Gehaltsunterschiede in Ost und West. In der DDR herrschte Mangelwirtschaft. Dadurch ist der Drang der ehemaligen DDR-Bürger, sich endlich was leisten zu können, sehr hoch. Durch die unterschiedlichen Bezahlungen innerhalb Deutschlands – selbst heute nach 30 Jahren – wächst die Unzufriedenheit da natürlich besonders. Zudem ging es den ehemaligen DDR-Bürgern kurz vor und nach der Wende darum, sich weiterzuentwickeln. Die Neu-Bürger wollten ihre Visionen und Ideen miteinbringen, aber trotzdem authentisch bleiben. Aber zu viele Menschen sagten an, wie, wann, was zu tun und zu lassen ist und wie schnell. Vielleicht erging es denen ein bisschen wie heute der Greta Thunberg: Ihre Visionen und Wünsche finden viele gut, doch ihnen folgt schnell das große "Aber". 

Sie haben zwei Kinder. Sehen die Ost- und Westdeutschland anders? 

Leimeister: Ich habe versucht, sie möglichst kosmopolitisch aufzuziehen und ihnen zu vermitteln: Ja, Heimat prägt, aber Heimat hat keinen Besitzanspruch. Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen man aufblühen kann. 

Wie fühlt sich die Einheit heute für Sie an?

Leimeister: Für mich ist die Wiedervereinigung in jeder Hinsicht ein historisches Geschenk. Ein Geschenk für Deutschland, ein Geschenk für ganz Europa. Wenn es nach mir ginge, gäbe es nirgendwo Grenzen. Jeder lebt in der Gegend, wo sein innerer Diamant am hellsten scheint. Was Deutschland angeht: Ich finde, die Einheit ist, wenn auch ein wenig versteckt, überall im Land spürbar. Kurzum, ich find’s gut, dass wir wieder zusammen leben, uns kennenlernen, besuchen und lieben können, ohne den „antifaschisitischen Schutzwall“. 

Tresenlesen zum Thema "30 Jahre Mauerfall"
Am 10. November um 19 Uhr lädt Conny Leimeister zum "Tresenlesen" in die Gaststätte "Zum neuen Brauhaus 1816 - Felsenkeller" in die Lengfurter Straße 33 in Marktheidenfeld ein . Die Autorin wird an dem Abend Episoden aus ihrem Buch "Meine Wahrheit oder deine" lesen, aber auch thematisch passende Lieder singen und sich dabei auf der Gitarre begleiten. Die Lesung geht bis zirka 21 Uhr. Der Eintritt ist frei. 

Rückblick

  1. Die magische Nacht vor Heiligabend
  2. Bad Königshofen: Die Wochen nach der Wende waren turbulent
  3. 30 Jahre Mauerfall: Wo sind die wahren Interpreten des Geschehens?
  4. Wendezeit: Was der deutsche Michel mit Mehlwürmern zu tun hat
  5. 30 Jahre Mauerfall: Eine Freundschaft trotzt dem Todesstreifen
  6. Gegen die Mauer in den Köpfen
  7. Als 1989 in Würzburg der Residenzplatz voller Trabis stand
  8. Wie Michael Glos vom Fall der Mauer erfuhr
  9. BAP und der Mauerfall oder Warum ich 1989 nach Köln musste
  10. Quiz: Faktencheck zur innerdeutschen Grenze
  11. "Franken 89": BR sendet live von der früheren DDR-Grenze
  12. Wie DDR-Grenzer Bernd Stucke die Wende erlebte
  13. Liveblog: Georg Stocks Minutenprotokoll vom Mauerfall
  14. Höchberger Verbindungen ins thüringische Heinersdorf halten
  15. Georg Stock: Der Mann, der Weltgeschichte beschrieben hat
  16. Warum die Wiedervereinigung so schnell über die Bühne ging
  17. Achtung! Immer noch funktionstüchtige Minen in der Rhön!
  18. Greußenheimer Bürgermeisterin hegt Mauerteil als Schatz
  19. DDR-Bürgerrechtler: "Das Phänomen AfD wird nicht anhalten"
  20. Wie fühlt sich die Einheit heute für Sie an, Frau Leimeister?
  21. Grenzöffnung der DDR: Als Kupsch in Mellrichstadt leergekauft wurde
  22. 30 Jahre Mauerfall: Was Menschen in der Grenzregion erlebten
  23. 30 Jahre Mauerfall: Hanns Friedrichs einzigartige Sammlung zum Eisernen Vorhang
  24. Ausflug in die DDR: So funktionierte der "Kleine Grenzverkehr"
  25. Point Alpha: Wo die Rhön im Kalten Krieg heißester Punkt war
  26. 30 Jahre Mauerfall: Diese Mauern trennen noch heute Menschen
  27. Hammelburg: 1989 in der Kaserne 8000 DDR-Flüchtlinge betreut

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Marktheidenfeld
  • Lucia Lenzen
  • 30 Jahre Mauerfall
  • Bücher
  • DDR
  • Frauen
  • Geschichte
  • Geschichtsbücher
  • Greta Thunberg
  • Mauerfall
  • Mütter
  • Schulen
  • Väter
  • Wiedervereinigung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!