Lohr

Wirbel in Lohr um Spende von Defibrillatoren

Ein Schild am Eingang zur Filiale der Raiffeisenbank in Wiesthal weist auf den dort stationierten Defibrillator hin. Um die Wartung des Gerätes kümmert sich dort laut Bürgermeister Andreas Zuschlag die Feuerwehr. 
Ein Schild am Eingang zur Filiale der Raiffeisenbank in Wiesthal weist auf den dort stationierten Defibrillator hin. Um die Wartung des Gerätes kümmert sich dort laut Bürgermeister Andreas Zuschlag die Feuerwehr.  Foto: Johannes Ungemach

Sie hängen in Frammersbach, Neuendorf, Neuhütten, Wiesthal und an vielen weiteren Orten im Landkreis: Defibrillatoren, die die Raiffeisenbank Main-Spessart spendiert hat. Die etwa rucksackgroßen Geräte können – auch von Laien bedient – bei Herzinfarkten beziehungsweise Kammerflimmern durch einen Stromstoß Leben retten. In Lohr sorgen die Geräte jetzt auf andere Weise für erhöhten Puls, obwohl sie gar nicht da sind.

Die Raiffeisenbank wollte im Zuge einer weiteren Spendenwelle unter anderem auch für Wombach, Sendelbach und die Stadthalle Defibrillatoren spendieren, ein jeder rund 1500 Euro teuer. Doch offenbar im Gegensatz zu anderen Kommunen weigert sich die Stadt Lohr, die Trägerschaft zu übernehmen. Mit dieser Trägerschaft verbunden wäre die Aufgabe, alle paar Jahre die Batterie des Defibrillators zu wechseln, was laut Aussage der Raiffeisenbank pro Einzelfall rund 100 und 150 Euro kostet.

Dass die Bank Träger für die Defibrillatoren benötigt, begründet ihr Pressesprecher Hilmar Ullrich so: "Wir können uns die Geräte ja schlecht selbst spenden." Eine Aussage, die wohl auch steuerliche Gründe hat. Probleme, einen Träger zu finden, habe es andernorts nie gegeben, so Ullrich. Vor Jahren habe beispielsweise das Rote Kreuz die Trägerschaft für etliche Defibrillatoren übernommen. Deswegen hängen in Lohr bereits welche im E-Center und in der Raiffeisenbank-Filiale in der Hauptstraße. Auch in der Lohrer Realschule ist ein gespendeter Defibrillator stationiert. Für ihn zeichne die Schule selbst verantwortlich.

Stadt sieht Risiko eines Ausfalls

Wie in etlichen anderen Orten habe man nun wegen der Trägerschaft für zusätzliche Geräte auch in Lohr im Rathaus angefragt, sagt Ullrich. Dieses jedoch lehnte ohne Rücksprache mit der Bank für zwei der drei angebotenen Geräte die Übernahme der Trägerschaft ab. Begründung: Da die für Wombach und Sendelbach angebotenen Defibrillatoren in den dortigen Filialen der Raiffeisenbank aufgehängt werden sollen, sieht sich die Stadt nicht zuständig. Um das für die Stadthalle angebotene Gerät hingegen könne sich das dortige Personal kümmern.

Diese Position vertrat Bürgermeister Mario Paul, als es jüngst im Stadtrat dazu eine Nachfrage gab von Michael Ullrich, CSU-Stadtrat und Mitarbeiter der Raiffeisenbank. Auf Nachfrage der Redaktion begründete die Stadt ihre Haltung später ausführlicher: Man übernehme mit einer Trägerschaft Eigentum und Verantwortung für die Einsatzbereitschaft des Defibrillators, so Pressesprecher Dieter Daus. In Bankfilialen sei jedoch kein städtisches Personal vor Ort. Es könne also passieren, dass der Wechselzeitpunkt einer Batterie verpasst werde und der Defibrillator nicht einsatzbereit sei, so Daus. Da es um Menschenleben gehe, dürfe ein solcher Fall nicht eintreten. Daher solle die Zuständigkeit für diese Geräte bei der Bank bleiben, so Daus.

Andernorts Gemeinden im Boot

Bei der Raiffeisenbank ist man über die Haltung der Stadt zumindest etwas verwundert: "Das hat bislang überall gut geklappt", sagt Pressesprecher Ullrich über die Kooperation mit Kommunen. Egal ob in den Bankfilialen in Neuhütten, Partenstein, Erlenbach, Wiesthal oder Burgsinn – überall habe sich die Gemeinde bereiterklärt, sich um die Defibrillatoren zu kümmern.

Die Filialen habe man immer dann als Standort für die Geräte angeboten, wenn sich im Ort keine andere zentrale Lösung fand, so Ullrich. Das habe einen ganz einfachen Grund: Die Vorräume mit den Geldautomaten seien rund um die Uhr zugänglich und beheizt. Defibrillatoren vertragen laut Ullrich keinen Frost. Dort, wo sie im Freien installiert werden, braucht es eine Stromversorgung, um sie beheizen zu können.

Es sei "noch nie vorgekommen", dass einer der Defibrillatoren nicht einsatzfähig war, weil jemand vergessen hat, die Batterie zu wechseln, sagt Ullrich zu den Bedenken der Stadt. Eine Signallampe an den Geräten weise weit vorher auf den näherrückenden Wechseltermin hin. Mitarbeiter der Bank riefen dann unbürokratisch die jeweilige Gemeinde an. "Das lässt sich organisieren", so Ullrich über den Ablauf.

Drei Geräte für Lohr gestrichen

Die Raiffeisenbank hat seinen Worten zufolge im Landkreis bislang rund 30 Defibrillatoren spendiert. Finanziert wurden sie mit Erlösen des Gewinnsparens. In naher Zukunft wird die Bank nun neun weitere Geräte spenden. Die für Wombach und Sendelbach vorgesehenen Defibrillatoren habe man nun jedoch erst mal aus der Bestellliste gestrichen, so Ullrich – und auch das Gerät für die Lohrer Stadthalle. Denn auch da habe es im Kontakt mit der Stadt bis zuletzt Unstimmigkeiten gegeben, so Ullrich.

Zumindest diese könnten womöglich noch geklärt werden. Der städtische Pressesprecher Dieter Daus sagte gegenüber der Redaktion, dass es dazu eine Besprechung im Rathaus gegeben habe. Die Stadt würde demnach einen von der Raiffeisenbank für die Stadthalle gespendeten Defibrillator "sehr gerne dankend annehmen". Ob es auch mit Wombach und Sendelbach noch klappt, ist offen. Bank-Sprecher Ullrich sagt, dass es sicher noch weitere derartige Spendenaktionen geben wird. Vielleicht gibt es dann ja auch wieder eine Anfrage bei der Stadt.

Defibrillator und der Herztod
Laut Statistik des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung sterben jedes Jahr in Deutschland rund 65000 Menschen einen plötzlichen Herztod. Das entspricht etwa einem Toten pro 1250 Einwohnern. Ursache sind schwere Herzrhythmusstörungen, denen binnen weniger Minuten der Herzstillstand folgt. Die Betroffenen verlieren das Bewusstsein, ihre Atmung setzt aus.
Mit jeder Minute in diesem Zustand sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Für ein Überleben sind daher schnelle Gegenmaßnahmen nötig. Nach dem Notruf sollte mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung begonnen werden. Eine entscheidende Hilfe kann ein Defibrillator sein. Dessen Ziel ist es, das Herz durch starke elektrische Impulse wieder in seinen normalen Rhythmus zu bringen.
Seit etlichen Jahren finden auch von Laien zu bedienende Defibrillatoren zunehmend Verbreitung im öffentlichen Raum. Die relativ kompakten Geräte verfügen über Elektroden, die am Brustkorb des Patienten anzubringen sind. Sie analysieren den Herzrhythmus des Patienten selbstständig. Der Laien-Anwender wird durch Sprachanweisungen des Gerätes bei dessen Bedienung instruiert. Man könne, so etliche Ratgeber, beim Bedienen eines Defibrillators nichts falsch machen und solle daher nicht zögern, den Lebensretter im Ernstfall einzusetzen.
Im Internet gibt es verschiedene Angebote, die zeigen, wo sich der nächste Defibrillator befindet, beispielsweise unter der Adresse www.definetz.online. Zum gleichen Zweck gibt es auch verschiedene Apps für das Smartphone.

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