Neubrunn

Wo Fasenachtsböbbel im Bajazz von Haus zu Haus ziehen

Die Neubrunner Fasenachtsgruppe aus den 50er Jahren. Foto: Ansgar Navratil

Seit eh und je wird in Neubrunn eine besondere Art des Straßenfaschings gefeiert. Nach mündlicher Überlieferung zogen schon vor hundert Jahren maskierte Gruppen, die sogenannten Fasenachtböbbel am Fasenachtsdiesti (Faschingsdienstag) durch die Neubrunner Straßen und versuchten in ein Haus zu kommen.

Wurde den Fasenachtsböbbel die Tür geöffnet, lies man sich in der Stube nieder und nach einer Gaudi mit den Hausherren nahm man die Maske ab, heißt es in einer Pressemitteilung. Dann wurden die Böbbel mit Brot, Schinken, Hausmacher Wurst oder Ploatz bewirtet. Dazu trank man Most, Schnaps und Bier. Nach ein bis zwei Stunden ging die Gruppe wieder weiter.

Die vielen Fasenachtsgruppen trafen sich natürlich auch auf der Straße und begrüßten sich untereinander. Die Maske nahm man dabei aber nicht ab. Damals war es nicht ratsam mit dem Auto am Fasenachtsdiesti durch Neubrunn zu fahren, denn häufig wurde es von den maskierten Böbbel angehalten und der Fahrer musste einiges über sich ergehen lassen. Am  späten Abend trafen sich alle Maskierten in einer Gastwirtschaft. Um 24.00 Uhr fand dann immer die Demaskierung statt.

Ursprung des Bajazz lässt sich nicht ermitteln

Der Bajazz (abgeleitet von Bajazzo= italienische Clownfigur) ist das klassische Fasenachtskostüm in Neubrunn. Der Bajazz wurde früher und auch heute noch selbst geschneidert. Er besteht aus einem einteiligen Anzug aus buntem Stoff. Charakteristisch ist die aus dem gleichem Stoff bezogene, nach vorne abgerundete Spitzmütze, die es so nur noch in Neubrunn gibt. Dazu wird eine einfache Maske getragen, die man jederzeit auf die Spitzmütze hochziehen kann. Jede Neubrunner Familie hatte früher mindestens einen Bajazz ist der Faschingskiste. Seit wann es den Bajazz in Neubrunn gibt, lässt sich nicht mehr ermitteln. Die ersten Fotos vom Neubrunner Straßenfasching sind aus den 30er Jahren.

Dieses Treiben an Faschingsdienstag mit einem traditionellen Fastnachtskostüm gibt es in Unterfranken nur noch selten. Neben den Bajazz in Neubrunn gibt es zum Beispiel den Domino in Thüngersheim, eine ganz in Schwarz gekleidete Fastnachtsfigur mit einer schwarzen Larve, oder die Schlappsäu in Veitshöchheim, diese sind mit einem Vorhang, einer Maske und Lampenschirm kostümiert.

Die Neubrunner Straßenfastnacht heute

In den letzten Jahren waren noch immer zwölf bis 15 verschiedene Gruppen mit rund 100 maskierten Fasenachtsböbbel unterwegs. Auf der Straße sieht man die einzelnen Gruppen kaum noch, da man seine „Fasenachtshäuser“ schon Tage vorher ausmacht und so nur noch kurze Wege hat. Teilweise haben die Gruppen einen straffen Terminplan und fangen früh um neun an, um alle ihre „Häuser“ zu schaffen.

Gleichgeblieben zu früher ist, dass die Gruppen reichlich von ihren Gastgebern bewirtet werden. Im Vordergrund stehen auch weiterhin der Spaß. Für etliche Neubrunner ist das „Maskieren“ am Fasenachtsdiesti ein fester Termin im Jahr, obwohl sie gar nicht mehr in Neubrunn wohnen. Einer von ihnen ist Oliver, er maskiert sich schon über 30 Jahre und fährt jedes Jahr von Stuttgart zur Neubrunner Straßenfasenacht. „Schon Tage vorher kann ich an nichts anderes mehr denken. Man hat eine riesen Gaudi zusammen mit alten Freunden, das ist für mich der höchste Feiertag im Jahr“ schwärmt der 48-Jährige Fasenachtsböbbel. „Und ich kann wiedermal meinen Dialekt sprechen.“ fügt er noch hinzu.

Manche Gastgeber bewirten bis zu acht Gruppen am Fasenachtsdiesti. Für diese Gastfreundschaft möchten sich alle Fasenachtböbbel  bedanken. Ohne die Gastgeber könnte diese schöne Fasenachtstradition nicht aufrechterhalten werden.

Bajazz ist fast aus dem Straßenbild verschwunden

Durch Online-Faschingskostümbestellung ist der traditionelle Bajazz fast aus dem Neubrunner Straßenfasching verschwunden. Die einzelnen Gruppen wählen ein Thema aus und bestellen sich dann das passende Kostüm dazu. Doch sieht man auch hin und wieder eine Gruppe mit Bajazz.

Wer die Neubrunner Straßenfasenacht mal live erleben will, kann dies am Faschingsdienstag, 25. Februar, tun. Um 14 Uhr treffen sich alle Maskierten zu einem Foto auf dem zentralen Lindenplatz. Heuer wird man bestimmt ein paar mehr Gruppen mit Bajazz sehen, als in den vergangenen Jahren.

Die Bajazz-Faschingsgruppe aus dem Jahr 2013. Foto: Udo Pfreundschuh
Der Neubrunner Straßenfasching in den 70er Jahren. Foto: Ansgar Navratil

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