Mittelsinn

Wo kommen eigentlich die Weihnachtsbäume her?

Es gibt nur wenige Wohnzimmer in Deutschland, in denen an Heiligabend kein geschmückter Weihnachtsbaum steht. Dafür sorgen auch die Produzenten aus dem Spessart.
In diesen riesigen Baumplantagen im Sinngrund wachsen zehntausende Bäume. Foto: Frank Zagel

Mehr als 3000 Produzenten von Weihnachtsbäumen gibt in Deutschland, vom kleinen Nebengewerbe mit einigen hundert Bäumen bis hin zu Großproduzenten, der an einem einzigen Tag zehntausend Bäume fällt. Ein Hauptanbaugebiet für Unterfranken liegt in den Spessarttälern. Alleine aus Mittelsinn, das sich bezeichnenderweise "Christbaumdorf" nennt, kommen alljährlich 150 000 Exemplare auf den Markt.

In den Tälern an Aura und Sinn, nahe an der hessischen Grenze, verteilen sich auf mehreren hundert Hektar Christbaumschulen, die von etwa 50 Erzeugern bewirtschaftet werden. Der dortige karge Boden lässt Bäume nur langsam wachsen und eignet sich daher perfekt für den Anbau. In den Dörfern scheint dieser Tage fast jeder Einwohner irgendetwas mit Weihnachtsbäumen zu tun zu haben. In den Höfen stapeln sich die Bäume. Große Transporter, beladen mit großen Nordmanntannen, schieben sich über die kurvigen Straßen.

Erste Ernte nach vier Jahren Wachstum

Beschaulich geht es dagegen in Homburg zu. Der Weinort ist eher für seine Kallmuth-Weine als für Nordmanntannen bekannt. Torsten Gersitz ist der einzige Erzeuger von Weihnachtsbäumen hier und auch neu im Geschäft. Auf knapp zwei Hektar baut er bei Remlingen (Lkr. Würzburg) etwa 13 000 Bäume an – die ersten wurden heuer gefällt. In einem landwirtschaftlichen Betrieb sei er aufgewachsen, erzählt der 42-Jährige am Esstisch im Haus. Ein Büro braucht Gersitz nicht – noch nicht. Denn weiter expandieren würde der gelernte Zerspanungsmechaniker schon gerne.

Nur wenn seine Frau und die beiden Kindern mithelfen, kann Torsten Gersitz seine knapp zwei Hektar bestellen. Foto: Torsten Gersitz

"Ich komme an die frische Luft und kann mich auspowern", sagt Gersitz, was ihm an seinem Nebenjob gefällt. Über einen ehemaligen Arbeitskollegen ist er zum Verkauf von Bäumen gekommen. "Wir hatten hier einfach eine Nachfrage nach lokalen Bäumen." Die kamen aus dem Sinngrund und noch immer kauft er zu, denn seine eigenen sind nach vier Jahren maximal 1,60 Meter hoch. Als Gersitzs Schwiegereltern einen Acker nicht mehr bestellen wollten, ließ der Familienvater diesen auf die Bodenbeschaffenheit bestimmen: PH- Wert und Nährstoffe erschienen als geeignet.

Es wurden 3500 Setzlinge gekauft und von einer Baumschule aus Miltenberg gepflanzt. Tipps und Wissen bezog Gersitz von seinem ehemaligen Kollegen und aus der Fachzeitschrift "Nadeljournal". "Am Anfang dachte ich, das ist wenig Arbeit, doch ich habe mich getäuscht", blickt der Baumwirt auf die ersten Jahre zurück. Auf etwa 80 Arbeitsstunden in den Sommermonaten kommt Gersitz neben seinem Vollzeitjob.

Erst seit vier Jahren baut Torsten Gersitz eigene Christbäume an. Die ersten hat er in diesem Jahr gefällt. Foto: Frank Zagel

Wo bleibt die Zeit? Formschnitt, Triebregulierung, Austausch abgestorbener Bäume, Düngen. Auf den geraden Wuchs muss geachtet werden. Vogelschutz sei unerlässlich: "Wenn sich Vögel auf neu gewachsene Triebe setzen, knicken diese ab und wachsen krumm." Auch der Spätfrost kann bereits ausgetriebenen Ästen schaden und zu Krummwuchs führen.

Umsägen geht schnell, ist aber die geringste Arbeit

"Es war ein schönes Gefühl, als wir die ersten eigenen Bäume geerntet haben", sagt Gersitz. "Umgesägt sind die schnell", schmunzelt er. Das Einnetzen der ersten 150 Bäume hat mehr Zeit gekostet. Die ganze Familie hilft mit, "sonst wäre die Arbeit überhaupt nicht zu bewerkstelligen." Erst im vergangenen Jahr hat Gersitz ein weiteres Grundstück dazu gekauft und Setzlinge gepflanzt, diesmal nicht durch eine Baumschule, sondern selber mit Ehefrau und den beiden Kindern.

Das war schon ein finanzielles Risiko, sagt er. "Da haben wir erst einmal ein paar tausend Euro in den Boden gegraben." Die Rechnung ging auf. Die Nachfrage nach Weihnachtsbäumen aus der Region steigt, mittlerweile beliefert er eine weitere Einzelhändlerin in der Umgebung. Bei der Kommunalwahl 2020 tritt Torsten Gersitz als Bürgermeisterkandidat an. Vielleicht ist er im kommenden Jahr dann der erste Weihnachtsbäume anbauende Rathauschef in der Region?

Noch etwa 9000 Weihnachtsbäume lagern im Dezember auf dem Gelände der Firma Klug in Mittelsinn - Ende November waren es noch Zehntausende. Foto: Frank Zagel

Szenenwechsel. Auf einem Hof in Mittelsinn (Lkr. Main-Spessart) fahren Traktoren fahren das große Gelände, Bäume stehen zu Tausenden in drei verschiedenen Qualitätskategorien zur Abholung aufgereiht. Gemeinsam mit seiner Mutter Luise führt Uwe Klug er das Unternehmen, das selbst unter dem Jahr vier Vollzeitbeschäftigte eingestellt hat – in der Saison doppelt so viele.

Täglich gehen Tausende Bäume über die fiktive Ladentheke

Als ihn Mitte der 90er Jahre der Vater wegen der Übernahme der elterlichen Landwirtschaft fragte, war dem jungen Klug klar: Auf das Ausmisten von Kühen und das Bestellen von Ackerflächen hatte er keine Lust, auf die Erweiterung der vorhandenen Baumparzellen jedoch sehr wohl. Nach und nach wurden weitere Anbauflächen dazu gekauft – heute gehen an einem Tag durchaus mehrere tausend Bäume über die fiktive Ladentheke. Längst liefert das Familienunternehmen – auch die Ehefrau Melanie und Bruder Frank sind eingestellt – auch an Großunternehmer.

Im improvisierten Containerbüro, das nur zur Hauptsaison von November bis Weihnachten aufgebaut wird, klingelt ununterbrochen das Telefon. "Die meisten Bäume sind schon weg", freut sich Klug und zeigt einen Film auf seinem Handy, als noch mehrere Palettenreihen mit Bäumen auf dem Hof standen. Seine Entscheidung hat der heute 47-Jährige trotz aller Hektik nicht bereut: "Es ist ein Traum für mich in und mit der Natur mein Geld zu verdienen."

Uwe Klug führt als Christbaumanbauer mit seiner Mutter Luise das Familienunternehmen mit mehreren Angestellten. Foto: Frank Zagel
Deutsche schmücken 25 Millionen Weihnachtsbäume
Rund 25 Millionen Weihnachtsbäume stehen jedes Jahr in deutschen Wohnzimmern. Der beliebteste Baum macht mit mehr als 80 Prozent Marktanteil die Nordmanntanne aus. Ein Baum dieser Gattung kommt dabei auf etwa 187 000 einzelne Nadeln. Trotz wachsender Konkurrenz, vor allem aus Dänemark und Polen, stammen noch immer neun von zehn Bäumen aus Deutschland. Ein interessanter Umweltaspekt: Ein Hektar Weihnachtsbaumkultur bindet in zehn Jahren etwa 145 Tonnen Kohlendioxid, 300 Tonnen Staubpartikel und sorgt für 100 Tonnen Sauerstoff.

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