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Wolfram Weimer: Politik ist zum Showgeschäft verkommen

Vor knapp 500 Leuten in der Stadthalle gab der Verleger und Publizist Wolfram Weimer am Montagabend in seinem Vortrag „Die wilde Berliner Medienrepublik“ Einblick „hinter die Kulissen der Macht“. Foto: Dehm

Ein erschreckendes Bild von der in Deutschland und der gesamten westlichen Welt herrschenden „Mediokratie“ zeichnete Wolfram Weimer (siehe: Zur Person) am Montagabend in der Stadthalle.

Der Verleger und Publizist gewährte seinem knapp 500-köpfigen Publikum, das auf Einladung der Sparkasse Mainfranken und des „Arbeitskreises auf Burg Rothenfels“ gekommen war, Einblick hinter die Kulissen der Macht. „Die wilde Berliner Medienrepublik“ hatte er seinen rund zweistündigen Vortrag überschrieben. „Wir verkehren die Hierarchie von Wichtigkeiten“, sagte Weimer. Früher seien Nobelpreisträger heroisiert worden, heute kenne sie kaum jemand. Stattdessen kenne so gut wie jeder Promis wie Daniela Katzenberger oder Lady Gaga.

Die Welt der Bühne habe die Welt der Wissenschaft abgelöst, so Weimer. Die naturwissenschaftlich-technische Intelligenz zähle immer weniger, während die inszenatorische Intelligenz, das Zur-Schau-Gestellte, immer mehr an Bedeutung gewinne.

Der neue Präsident der USA, Donald Trump, habe dieses Instrument in seinem Wahlkampf genutzt. Er habe medialer gedacht, als Gegenkandidatin Hillary Clinton, er habe gespielte und echte Wirklichkeit vermischt. Dieses Spiel durchschaue zwar jeder, sagte Weimer, trotzdem nehme jeder gerne daran teil, weil er wissen wolle, „wie die nächste Folge ausgeht“. Die Leute hätten Trump „in der schillernden Rolle des Bösewichts irgendwie gemocht“.

Die Politik wird laut Weimer im Internetzeitalter mediatisiert, die Demokratie werde zur Mediokratie. Show sei wichtiger als Programme, Talk-Shows ersetzten Parlamente. Dies sei „die Pervertierung dessen, wie wir unsere Demokratie gebaut haben“. Weimers Einschätzung nach steht die Gesellschaft aber „erst am Anfang dieser Internetrevolution“.

Bilder wichtiger als Taten

Das Foto spiele in der Mediokratie eine viel wichtigere Rolle als das Wort und die Tat, sagte Weimer und erläuterte seine Worte anhand von inszenierten Fotos von John F. Kennedy, Gerhard Schröder, Ursula von der Leyen, Angela Merkel und anderen. Laut Weimer entsteht in der Mediokratie ein völlig neuer Politiker-Typus. „Die sehen alle aus wie Moderatoren von RTL“ und sagten auch alle das Gleiche.

Journalisten in Deutschland sind laut Weimer „tendenziell linker gefärbt“, als die Allgemeinbevölkerung. Deshalb entstehe der Eindruck, „dass mit den Medien was nicht stimmt“.

Auch vor dem Hintergrund des sehr mächtigen, neun Milliarden Euro jährlich verschlingenden öffentlich-rechtlichen Rundfunks, werde in der nächsten Legislaturperiode eine große medienpolitische Debatte laufen, so Weimer.

In der anschließenden Diskussionsrunde relativierte Weimer auf Nachfrage aus dem Publikum das relativ düstere Bild, das er von unserer Gesellschaft gemalt hatte. Er gehöre nicht zu den Kulturpessimisten, er glaube an die „Selbstheilungskräfte unserer Kultur und Demokratie“, sagte er. Die Spaßgesellschaft der 90er Jahre mit einem Cohiba rauchenden Bundeskanzler habe sich schließlich auch überlebt; es gebe also durchaus Korrekturen.

Kein Trump für Deutschland

Auf die Frage eines Mannes, weshalb die Medien alle paar Monate ein neues Weltuntergangsszenario aufbereiteten, gab Weimer die bestechend ehrliche Antwort „weil wir Geld damit verdienen“. Gleichzeitig warnte er davor, sich zu sehr auf die Medien zu verlassen und stellte am Beispiel der Klimadebatte, die ihm zu einseitig geführt wird, deren Glaubwürdigkeit in Frage.

Eine weitere Frage beantwortete Weimer dahingehend, dass er nicht befürchte, bei der nächsten Wahl in Deutschland auch einen Trump zu bekommen. Der Effekt, dass eine „eigenartige Person“ ganz nach oben komme sei aufgrund des hiesigen Wahlsystems und einer übergeordneten Rolle der Parteien gering. Allerdings sah er einen Trend zu einer „konservativen Massenbewegung“ in allen westlichen Ländern.

Zur Person

Wolfram Weimer (52) ist ein deutscher Verleger und Publizist. Er war von 2000 bis 2002 Chefredakteur der Zeitungen „Die Welt“ und „Berliner Morgenpost“, von 2004 bis Januar 2010 des von ihm gegründeten Politik-Magazins „Cicero“ und von September 2010 bis Juli 2011 vom „Focus“. 2012 gründete er die „Weimer Media Group“, in der einige Wirtschaftsmedien verlegt werden. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, im Jahr 2004 wurde er zum „Journalisten des Jahres“ gewählt. Er ist Autor zahlreicher Bücher, Kolumnist von Leitmedien und regelmäßiger Gast bei politischen Talkshows.

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