Zellingen

Zaubertrank und Fluch sollen Kommunalpolitik verbessern

Freundlichkeiten waren es nicht gerade, die der Zellinger Elferrat beim Rathaussturm dem frisch überwältigten Bürgermeister samt Gemeinderat per Gedankenblasen in den Mund legte.  Foto: Jürgen Kamm

Schon fünfmal wurde der amtierende Gemeinderat samt Bürgermeister Wieland Gsell von den Narren entmachtet. Weil sich dennoch nichts änderte, griff der Zellinger Fasenachtsverein beim diesjährigen Rathaussturm, vom Sitzungspräsidenten als "jährliches Gemeinderatsverdreschen und närrisches Derblecken" angekündigt, mit einem Zaubertrank und einer magischen Verwünschung zu drastischeren Mitteln.

Die Narren waren nicht nur in voller Stärke und Pracht, vom Elferrat ("die attraktivsten und stärksten Männer sowie besten Tänzer ganz Mainfrankens") über den Nachwuchs bis hin zur Prinzengarde vor dem Rathaus aufmarschiert, sie hatten auch wieder den Retzbacher Spielmannszug zur musikalischen Unterstützung dabei.

Auch für die Gemeinderäte und den Bürgermeister sparte Sitzungspräsident Klaus Ziegler nicht mit Attributen, doch das waren ganz andere. Er betitelte sie als "Sesselfurzer, Verzögerer, Vertager, von Schimmelallergien geplagte Feuchtraumbewohner, Gebührenehöher und gleichzeitig als Unschuldslämmer vor dem Herren". Das ehrenwerte (Rat)Haus habe Besseres verdient. Weil die Angesprochenen das naturgemäß ganz anders sahen, ließ er die kampfbereiten und wild entschlossenen Narren in Form des Elferrates das Rathaus stürmen.

Auch dieses Jahr warfen die Narren der weltlichen Macht einige Verfehlungen vor. Vom Flyer des  Bürgermeisters ("man brauchte fünf Minuten um zu verstehen, wie man ihn richtig liest") über Zoff im Gremium ("die Projekte stehen still, weil der Wahlkampf es will") bis zur Rolle rückwärts: Da laufe sich Bundestagsabgeordneter Alexander Hoffmann die Hacken ab, um die Sanierung Friedrich-Günther-Halle in das Förderprogramm Bundes zu bekommen, wofür ihn die Narren mit einem Helau lobten, und dann kämen die Freien Bürger um die Ecke. Andrea Heßdörfer habe nachgefragt, was es kosten würde, die Halle nur für Schul- und Vereinssport herzurichten. Da sei ein Ruck durch die Narren gegangen, auch wenn angesichts der 5,8 Millionen Euro Sanierungskosten der Begriff "Prunksitzung" künftig sehr angemessen sei.

Die Narren spendierten Räten und Gemeinderat zum Vergnügen der Schaulustigen nicht nur Sprechblasen mit ihren (vermuteten) Gedanken, sondern auch einen Zaubertrank. Für den passenden Zauberfluch setzte Klaus Ziegler eigens einen spitzen Hut der "dunklen Mächte" auf: "Ihr werdet künftig den Projektstau auflösen, die Friedrich-Günther-Halle in ungeahntem Glanz erstrahlen lassen, Gas, Wasser, Strom billiger machen und und den Bürgermeister in Ruhe lassen."

Der machte die närrischen Hoffnungen in die Magie aber gleich wieder zunichte. Der Rat habe vorab Vogelbeerlikör aus der Partnerstadt Geyer als Gegengift getrunken, behauptete Wieland Gsell. Mehr noch, als der Sitzungspräsident Klaus Ziegler anfangs schlecht bei Stimme war, hatte ihm Gemeinderätin Andrea Heßdörfer einen Speierlingsschnaps gebracht. Der "Geselle aus dem Rathaus" ließ keinen Zweifel daran, dass er nur den Narren zuliebe (kurz) das Zepter aus der Hand lege, ansonsten bleibe er bis April der Bürgermeister. Generell regieren im Rathaus die Vernunft sowie ein wunderbarer Bürgermeister, und meisterliche Gemeinderäte träfen mit viel Gerede und der Kraft des Denkens Endscheidungen, um Zellingen in einen schönen Ort zu verwandeln.

Traditionell übernahm am Ende das Zellinger Prinzenpaar die Regentschaft: Die 70. närrische Kampagne liegt in den Händen von  Andreas II. und Nina I. und das 30 Jahre, nachdem die Eltern ihrer Lieblichkeit, Irmgard und Helmut Schall, das Zellinger Prinzenpaar waren. Kein Wunder, dass Nina Sokoll schon von Kindesbeinen an ein Riesenfasenachtsfan war und ihr Mann keine Chance gegen den legendären Fasenachtsbazillus hatte.

Andreas II. und Nina I. übernahmen als Zellinger Prinzenpaar die Macht und stellten sich vor.  Foto: Jürgen Kamm

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