LENGFURT

Zeitreise in den Kalten Krieg: Unterirdische Festung in Lengfurt

 
Dengel Bunker
... in den Bunkerkomplex. Sechs Meter nach unten führt die Treppe. Ein vier Meter dicker Stahlmantel liegt zwischen der ... Foto: Markus Rill

Karl Dengel aus Homburg könnte den Bösewicht im nächsten James-Bond-Film spielen. Nicht etwa, weil er solch ein humorloser Kerl wäre oder Welteroberungspläne schmiedet, sondern weil er Eigentümer einer unterirdischen Festung ist, die einer übertriebenen Filmrealität entsprungen zu sein scheint. Ausgerechnet am Dillberg in Lengfurt hat die Bundeswehr in den 60er Jahren für damals 18 bis 20 Millionen D-Mark einen atombombensicheren unterirdischen Komplex gebaut, für den der Begriff „Bunker“ wie eine schamlose Untertreibung wirkt. Gegen den Aufwand, das Know-how, die Geheimhaltung und die Technik, die in diesen Bau einst einflossen, wirkt der derzeit in Marktheidenfeld stattfindende Innenstadtumbau wie das Aufstellen eines Bierdeckelhäuschens.

Dengel Bunker
Unter dieser Wiese ist noch nichts zu sehen von der unterirdischen Festung. Das Häuschen im Hintergrund ... Foto: Markus Rill

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Bunker Lengfurt

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1996 hat die Bundeswehr die jahrelang unter größter Geheimhaltung betriebene „Grundnetzschalt- und Vermittlungsstelle“ aufgegeben. 2004 hat Dengel das Gelände als Geschäftsführer des Bauzentrums Kuhn gekauft, ohne genau zu wissen, was sich unter dem Boden befand. „Die Rede war lediglich von einem Bunker“, erzählt Dengel. „Ich dachte, wir könnten das Grundstück als Parkplatz oder Ausstellungsfläche für unser Unternehmen nutzen.“ Erst beim Treppengang in die Tiefe erkannte Dengel die Ausmaße des Baus.

50 Meter lang und 30 Meter breit ist der sechs Meter tief im Boden versenkte Bunker. Er ist umgeben von einer drei bis vier Meter dicken Stahlschicht an allen Seiten. Der unterirdische Komplex umfasst 58 Räume, ein eigenes Stromaggregat, Tanks für 26 000 Liter Diesel, ein aufwändiges Luftfiltersystem und einen 112 Meter tiefen Brunnen mit drei Metern Durchmesser.

„Der Bunker war dafür vorgesehen, dass er bis zu 65 Menschen bis zu vier Monate lang beherbergt. In Sachen Strom, Wasser, Luft und Verpflegung wären die Insassen von der Außenwelt völlig unabhängig gewesen“, erklärt Dengel. „Der Bunker hätte Schutz vor einem Atomschlag geboten und als Zentrale für die Vorbereitung eines Gegenschlags dienen können.“ Kernstück des Komplexes ist eine Kommunikationszentrale mit Vermittlungsplätzen für störungssichere Steckverbindungen, zigtausenden Modulen und armdicken Kabeln.

„Der Bunker war dafür vorgesehen, dass er bis zu 65 Menschen bis zu vier Monate lang beherbergt. “
Karl Dengel, Bunkereigentümer

Dengel sah sich sein neues Eigentum an, staunte und „fand, dass man das nicht verrotten lassen kann“. Obwohl das Projekt einst höchster Geheimhaltung unterlag, fand er viel über die Entstehung und Nutzung des Bunkers heraus – auch mit Hilfe des Vereins „Vorbei“, der in Springe bei Hannover ein ähnliches Objekt saniert hat. Mittlerweile hat Dengel schon mehrfach Führungen durch den Bunkerkomplex geleitet, „für Freunde vom Sportverein, vom Karnevalsverein oder die Lengfurter Senioren“, wie er sagt. Auch Schulklassen möchte Dengel zu Führungen einladen und in der Tiefe ein „Bunkermuseum“ einrichten. Leer stehende Räume will er Baustofffirmen zur Verfügung zu stellen. „Die könnten dort als Sponsoren des Museums ihre Firma präsentieren.“ Die Öffnung für die Öffentlichkeit ist die mögliche Zukunft für den Bau, dessen Vergangenheit von größtmöglicher Geheimhaltung geprägt war.

Die Telefonzentrale mit der altmodischen Steckvermittlung.

„Während der Bauzeit von 1960 bis '68 verhinderten mehrere Sichtschutzwände den Einblick der Bevölkerung“, erinnert sich Dengel. Kein Lengfurter habe gewusst, was dort acht Jahre lang gebaut wurde. Auch als der Bunker während der Hoch-Zeit des Kalten Krieges von rund 50 Mann betrieben wurde – darunter auch zahlreiche Zivilbedienstete aus der Region –, sei nichts nach außen gedrungen. „Das waren Geheimnisträger. Manche weigern sich noch heute, mit mir darüber zu sprechen“, sagt Dengel. „Dabei ist diese Zeit doch vorüber.“

Tatsächlich ist der Weg die Treppe hinunter wie eine Zeitreise. Alles an dem Komplex ist darauf ausgelegt, einen Atombombenangriff zu überstehen. Wer das Bunkerinnere betreten will, muss zunächst durch die sieben Schleusen der „Dekontamination“. Dort sollten Menschen, die einer Atomstrahlung ausgesetzt waren, sich ihrer Kleidung entledigen und „gereinigt“ werden. Erst danach wurde ihnen Zugang zu den langen unterirdischen Gängen gewährt.

Lange Gänge im 50 mal 30 Meter großen Komplex.
Die Funktionalität stand beim Bau des Bunkers an oberster Stelle. Die Pritschen in den engen Zimmern bieten wenig Komfort, die meterdicken gelben Mauern, langen Gänge und schweren Türen und nicht zuletzt die Hinweisschilder im militärischen Tonfall („Achtung! Gefahr vorhanden“) vermitteln eine durchaus bedrückende Atmosphäre. Außerdem kriecht dem Besucher schon nach einer Stunde im Bunker bei 16 Grad Celsius die Kälte in die Knochen.

Doch mit Ausnahme der beim Auszug der Bundeswehr lahm gelegten Telefonvermittlung funktionieren noch sämtliche technischen Einrichtungen der Anlage. Wenn Dengel auf den Alarmknopf drückt, dröhnt ein Hupen durch die Gänge. Wenn er den Hauptstromschalter umlegt, wird es stockfinster unter der Erde. Doch fluoreszierende Streifen und Pfeile an den Wänden weisen den Weg zum Ausgang.

Einen Notausgang besitzt das Gebäude ebenfalls. „Der ist komplett mit Kies aufgefüllt“, sagt Dengel. Schließlich sollte „dem Feind“ kein Zutritt gewährt werden. Nach einem mehrmonatigen unterirdischen Aufenthalt hätten die Bunker-Insassen die Notfalltür geöffnet und den gesamten Inhalt des rund 30 Meter langen Schachts ins Innere des Bunkers abgetragen. Erst danach hätten sie durch den Schacht ans Tageslicht kriechen können.

„Die haben beim Bau an alles gedacht“

Karl Dengel

112 Meter tief in die Erde geht der Brunnen.

"Die haben beim Bau an alles gedacht“, staunt der Fachmann aus der Baubranche. Sämtliche Einbauten, die riesigen Dieseltanks, das tonnenschwere Stromaggregat, die Luftfilteranlage seien „schwimmend“ eingebaut. Sie stehen nicht auf dem Bunkerboden, sondern werden durch Stahlkonstruktionen festgehalten, damit sie im Falle eines Bombeneinschlags frei schwingen könnten und nicht beschädigt würden.

Besonders beeindruckend findet Karl Dengel den durch zahlreiche Gesteinsschichten bis auf 112 Meter Tiefe vordringenden Brunnen. „Die Bauzeit für diesen Brunnen betrug drei Jahre“, sagt er. Während das gewöhnliche Grundwasser in etwa 25 Metern Tiefe bei einem Atomschlag verseucht würde, ließe sich aus dem Brunnen immer noch reines Trinkwasser gewinnen. 12 000 Liter ließen sich zudem speichern. Während der gesamten Betriebszeit der Anlage von 1968 bis '96 sei keine Wasserzufuhr von außen nötig gewesen. Dass der Brunnen nach der Stilllegung des Komplexes mit Gips verfüllt wurde – „Vier Wochen lang mit etwa 250 Meter langen Leitungen bis ins Innere des Bunkers, ohne dass die Ortsbewohner wussten, was da geschieht“ –, hält Dengel für unsinnig. „Heute ist Wasser so kostbar. Man hätte den Brunnen so versiegeln müssen, dass er für die Zukunft nutzbar geblieben wäre.“

Nach dem Ende des Kalten Kriegs habe die Bundeswehr nicht den gleichen Weitblick im Umgang mit dem Riesenbunker bewiesen wie bei seiner Planung. „Bis 1996 wurde darin noch gearbeitet, obwohl die Technik der Kommunikationszentrale stark veraltet war“, sagt Dengel. Danach seien noch mindestens einmal die Woche Soldaten gekommen, um im Bunker nach dem Rechten zu sehen. „Aber letztlich wurde das dem Bund zu aufwändig.“ Deswegen habe er das Areal für eine niedrige fünfstellige Summe erstehen können – weniger als ein Prozent der Baukosten.

32 ähnliche „Grundnetzschalt- und Vermittlungsstellen der Bundeswehr“ seien in den 60er Jahren in West-Deutschland gebaut worden, überwiegend fernab der Großstädte. Die meisten verrotten heute oder „werden von Computerfirmen als Lagerräume genutzt“, sagt Dengel. Deswegen will der Lengfurter Interessierten die Möglichkeit zur unterirdischen Zeitreise in den Kalten Krieg bieten. Und die Möglichkeit, dieser Zeit wieder ans Tageslicht zu entfliehen.

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