Arnstein

Zeitzeuge erzählte Arnsteiner Schülern aus der Phase der DDR

Vor Schülern der zehnten Jahrgangsstufe der Realschule Arnstein berichtete der Zeitzeuge Lutz Quester aus seiner Jugendzeit in der DDR.
Vor Schülern der zehnten Jahrgangsstufe der Realschule Arnstein berichtete der Zeitzeuge Lutz Quester aus seiner Jugendzeit in der DDR. Foto: Günter Roth

"Eigentlich war alles gut!", so das Eingangswort des 61-jährigen gebürtigen Dresdners. Die Familie von Lutz Quester lebte samt  Oma mit drei Kindern in einer kleinen Wohnung. "Wir hatten nie Hunger und ein Leben ohne Banane ist auch wertvoll!"

Was den wenigen älteren Zuhörer zumindest aus Erzählungen wohlbekannt war, ließ die Zehntklässler der Arnsteiner Michael-Ignaz-Schmidt-Realschule zunächst recht ratlos aussehen. Erst im weiteren Verlauf zeichnete der Referent ein Bild seiner Lebensrealität in der DDR: von der Mangelwirtschaft, wo es Bananen und andere Südfrüchte eben nur selten zu kaufen gab, von der schieren Lust der Ost-Jugend auf die begehrten westlichen Konsumgüter wie Jeans, Schallplatten oder Micky-Maus-Heftchen. Auf einen Trabi wartete man bis zu 15 Jahre und Luxus gab es nur im Intershop – gegen Devisen aus dem Westen natürlich

Doch das war nur eine Seite, die leichter verschmerzbare. Viel mehr belastete den damals jungen Elektriker die ständige Präsenz und Kontrolle durch die Staatsmacht. "Es ist eigentlich alles wie früher – nur die Farbe ist etwas anders", hatte die Oma hinter vorgehaltener Hand gesagt und dabei auf das ausgeklügelte Überwachungssystem (Gestapo – Stasi) und die allgegenwärtige Vereinnahmung der Jugend (Hitlerjugend – Jungpioniere) angespielt. Auch beim Nazi-Blockwart in den Wohngebieten war nur der Name in "Vertrauensmann" ausgewechselt worden.

Bei Karl May von fernen Ländern gelesen

Wer nicht in der Sozialistischen Einheitspartei (SED) war oder sich sonst anpasste, bekam keine Wohnung und durfte auch nicht studieren. In der Familie Quester hörte der Vater heimlich Westradio und der Sohn las bei Karl May von fernen Ländern. Aber als der junge Mann, neugierig auf die Welt, diese auch sehen wollte, merkte er schnell, dass die am "Antifaschistischen Schutzwall" zur Bundesrepublik zu Ende war und man sein Leben riskierte, wenn man in den anderen Teil Deutschlands wollte.

Spätestens als sich Lutz als Elektriker heimlich einen eigenen Radioapparat gebaut und Nachrichten aus dem Westen gehört hatte, verstärkten sich die Fragen nach der Wahrheit. Bedroht die kriegerische Nato wirklich die friedliebende DDR? Wieso zeigt der Stacheldraht am Grenzzaun nach Osten, wo der Feind im Westen stand und wieso suchten die Scheinwerfer nachts an der Ostseeküste nicht das Meer nach Eindringlingen ab, sondern den Strand nach Republikflüchtlingen?

Die Unzufriedenheit der DDR-Bürger wuchs in den 80er-Jahren gewaltig an, auch bei Lutz Quester, der eine Familie gründen wollte, keine Wohnung fand und wegen seiner Renitenz schikaniert wurde. Als es 1984 zu einer großen legalen Ausreisewelle kam und durchsickerte, dass die Bundesregierung politische Häftlinge freikaufte, reifte die Idee, diesen Weg einzuschlagen. Mit dem großen Schild "Ich fordere die Ausreise in die BRD" postierte er sich in Berlin vor der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik und wurde postwendend von der Staatssicherheit verhaftet.

Einzelhaft und Psychoterror

Nach fünf Verlegungen in verschiedenen Gefängnissen, nach Einzelhaft und Psychoterror bei den Verhören wurde er zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt. Dass er drei Tage vor seiner spektakulären Aktion von den Eltern zum Essen eingeladen wurde, ist besonders denkwürdig: "Ich nahm die Einladung an. Schließlich konnte ich ja nicht sagen, dass ich an diesem Tag wohl schon hinter Gittern sein würde!" Zum Glück für den jungen Mann ging die Rechnung schließlich auf. Durch den Häftlingsfreikauf gelangte er im August 1985 in die Bundesrepublik. Seine Frau und der kleine Sohn durften kurz darauf nachkommen.

Mit seinem Vortrag aus dem Angebot der Hanns-Seidel-Stiftung wollte Lutz Quester nicht nur den jungen Leuten in der Realschule als Zeitzeuge aus der Phase vor dem Mauerfall vor 30 Jahren erzählen. Er wollte ihnen besonders Mut machen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, "damit das kein anderer für euch tut".

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