Mittelsinn

Zoff um Weihnachtsbaum-Farm im Spessart

Seit Jahren steht der konventionell erzeugte Weihnachtsbaum aus dem Sinngrund in der Kritik. Gehört der mysteriöse Giftfund in Gemünden zu dieser Auseinandersetzung?
Die deutsche Christbaumsaison 2016 eröffnete die damalige Weihnachtsbaumkönigin Saskia Blümel aus Niedersachsen in Mittelsinn, einem der großen Anbaugebiete in Deutschland. Foto: Ivana Biscan

Der Bauer ist gerade dabei, Eichensetzlinge im Hochwald zu stecken, als von überall her Polizisten zu Fuß und in Fahrzeugen auftauchen. "Nach Ihnen haben wir gesucht, gehen Sie mal mit!" Bei der Razzia am 6. November im 820-Einwohner-Dorf Mittelsinn (Lkr. Main-Spessart) waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft 200 Polizisten im Einsatz. Ihr Auftrag: Aufklären, woher das verbotene Gift E605 stammt, das der Bund Naturschutz ein Jahr zuvor an einem Christbaum in einem Gemündener Baumarkt gefunden hatte. Die Frage ist noch nicht beantwortet.

Bei dem Landwirt, der die Bäume geliefert hatte und dem die Razzia galt, "ergaben sich keine Hinweise auf den Einsatz" des seit 17 Jahren in der EU verbotenen Pestizids Parathion (E605), teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag vergangener Woche mit. Zahlreiche Boden- und Pflanzenproben waren genommen worden von allen Stellen seiner 55 Hektar umfassenden Grundstücke, die sich über die Mittelsinner Flur verteilen, von den Spessarthöhen bis zur Sinn: Wald, Christbaumplantagen, Äcker, Wiesen. Etwa alle fünf Meter seien Pflanzenteile und Erde eingetütet worden, erinnert sich ein anderer Landwirt, der die Aktion staunend wie alle Mittelsinner an dem Tag beobachtet hatte. Und viele im Dorf fragen sich, ob dies schon der Höhepunkt einer Art Rufmordkampagne war.

"In Kühlschrank und Betten geguckt"

Plötzlich seien "da fünf, sechs Polizeiautos im Hof gestanden", erzählt der beschuldigte Bauer. Seine Frau und seine Schwiegermutter geraten bei der Erinnerung an die Haussuchung, noch heute in Aufregung. Wie im Fernsehen sei es gewesen: "Die haben in den Kühlschrank und in die Betten geguckt!" Etwa 20 Polizisten hätten alles durchsucht. Als später der Staatsanwalt dazukam, fragte ihn der Bauer: "Was soll der Affenzirkus?"

Auslöser der Razzia war eine Pressemitteilung des Bundes Naturschutz vom 14. Dezember des vergangenen Jahres mit der Überschrift ",Schwiegermuttergift‘ E605 in Baum aus Gemünden nachgewiesen". Dass die Durchsuchungen nun erst fast ein Jahr später zur Weihnachtssaison stattfand, erklärt Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen auf Nachfrage der Redaktion mit der aufwendigen Vorbereitung.

Ende 2017 hatte der Naturschutz-Verein von verschiedenen Verkaufsstellen in Deutschland 17 Weihnachtsbäume auf Rückstände von knapp 140 Pestiziden untersuchen lassen. In 13 Bäumen wurden demnach acht erlaubte Pestizide nachgewiesen, in dem aus Mittelsinn stammenden Baum aus einem Gemündener Baumarkt aber auch das verbotene E605. Ein Teil der 13 Bäume enthielt zwei bis drei verschiedene Rückstände, einer vier. Das bekannte und umstrittene Mittel Glyphosat fand sich in nur zwei Bäumen.

"Regelrechter Pestizidcocktail"

Aus diesem Stichproben-Ergebnis folgerte die Pestizidexpertin Corinna Hölzel vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) laut einer Pressemitteilung: "In Weihnachtsbaumplantagen werden jede Menge Herbizide, Insektizide und Fungizide eingesetzt. Auffällig und beunruhigend ist die hohe Mehrfachbelastung, viele Weihnachtsbäume sind einem regelrechten Pestizidcocktail ausgesetzt." Des Weiteren ist von "möglichen" gesundheitlichen Auswirkungen die Rede, und "es kann nicht ausgeschlossen werden", dass es in Wohnräumen zu Ausdünstungen kommt. Auf die Untersuchung der 17 Bäume bezieht sich auch eine Pressemitteilung des Bundes Naturschutz von Ende November dieses Jahres wieder. In konventionellen Weihnachtsbaumplantagen seien "Pestizid- und Herbizid-Einsätze an der Tagesordnung", heißt es da unter anderem.

Ab-Hof-Verkauf ist bei allen 30 Mittelsinner Christbaumbauern möglich. Foto: Jürgen Gabel

Aussagen wie diese verärgern die Christbaumanbauer. Die Landwirte sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und fühlen sich kriminalisiert. "Ich habe heuer 20 Prozent Einbußen", klagt etwa Ernst Wolf, der alljährlich Bäume in Würzburg verkauft und einer der 30 Mittelsinner Christbaumanbauer ist. Fast jeder Kunde spreche ihn auf den Giftfund an, sagt Wolf, und etliche seien so verunsichert, dass sie heuer ganz auf einen Baum verzichten.

Für Nahrungsmittel zugelassen

Permanent prangere der Bund Naturschutz den Pflanzenschutzmittel-Einsatz im Christbaumanbau an, dabei handle es sich um gesetzlich zugelassene Mittel zum Beispiel gegen Pilze, die sogar noch drei Tage vor der Ernte bei Erdbeeren und Spargel angewendet werden dürfen, so Wolf. "Wir verwenden die gleichen Mittel, wie sie für die Nahrungsmittelerzeugung verwendet werden", betont Ernst Wolf. In Weihnachtsbaumplantagen aber kommen seinen Worten zufolge Pflanzenschutzmittel letztmals spätestens Ende Juni zum Einsatz, denn dann seien die jungen Nadeln ausgehärtet und widerstandsfähig genug. Der Einsatz sei also keineswegs "an der Tagesordnung".

Das bestätigt Uwe Klug, Mitglied im Bundesvorstand der Weihnachtsbaumproduzenten und Vorsitzender des Vereins Christbaumdorf Mittelsinn. Kein Bauer würde unnötig die teuren Mittel ausbringen, sagt er. Den Christbaumbauern sei vorgeschrieben, über ihre Pflanzenschutzmittel genau Buch zu führen und jede Spritzaktion zu dokumentieren. Und E605 in Christbaumkulturen zu verwenden, wäre ohnehin "unsinnig", so Klug. Parathion sei, als es noch erlaubt war, vor allem im Garten- und Obstbau als Mittel gegen Schädlinge eingesetzt worden. Daher seien er und sein Verein von Anfang an von der Unschuld des verdächtigten Christbaumbauern überzeugt gewesen.

Der Erfolg des 2016 gegründeten Vereins "Christbaumdorf Mittelsinn" mit über 150 Mitgliedern im 820-Einwohner-Dorf hat auch Neider. Foto: Jürgen Gabel

Zwei Bäume belastet, ein dritter nicht

Der wiederum beteuert gegenüber der Redaktion, "noch nie" E605 in seiner Landwirtschaft eingesetzt zu haben. Das Merkwürdige: Nach Bekanntwerden des E605-Fundes ließ auch der Verein Christbaumdorf einen Baum aus der Charge im Baumarkt beproben, und auch dieser war belastet, ein weiterer Baum aber, den der staatliche Pflanzenschutzdienst untersuchen ließ, nicht. Des Weiteren wurde der Dienst damals auch nicht auf dem Hof des Landwirts fündig, ebenso wie jetzt die Staatsanwaltschaft. Dabei bleibt Parathion über viele Jahre im Boden nachweisbar.

Abgeschlossen sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Würzburg noch nicht. Das gibt Raum für Spekulationen. Die Christbäume im Gemündener Baumarkt standen im Freien, am Zaun des Geländes. Sollte da jemand von außen ein altes Gift aus dem Obstanbau verspritzt haben? Das kann sich Hartmut Haas-Hyronimus, der Vorsitzende der Bund-Naturschutz-Ortsgruppe Gemünden, nicht vorstellen, denn es habe niemand wissen können, dass dort ein Baum zur Beprobung gekauft werden wird.

Tierquäler auf der Weide

Ebenfalls keine Erklärung hat der betroffene Landwirt. Dass er die Bäume aus dem Baumarkt nach dem Giftfund zurücknehmen musste, habe er eingesehen, hat ihm aber eine Einbuße von 2000 Euro gebracht. Seine Frau hält einen persönlichen Racheakt für möglich, denn seit Jahren würden immer wieder ihrer Kühe auf der Weide von einem Tierquäler verletzt. Meist werde den Tieren ins Euter gestochen; heuer sei einer Kuh der Schwanz abgeschnitten worden. Die Polizei Gemünden bestätigte, dass sie in zwei Fällen aus dem Jahr 2014 und 2018 ermittelt.

Manche Bewohner im Sinngrund stören sich an den Christbaumkulturen (im Vordergrund), die auf Ackerflächen und Viehweiden angelegt wurden. Foto: Michael Fillies

Spekuliert wird auch, ob in dem Fall der Christbaumanbau an sich ein Rolle spielt. Dass viele Landwirte auf ihren kargen Böden im Sinngrund vom schwierigen Ackerbau auf Weihnachtsbäume umgestellt haben, gefällt nicht jedem. Seit Jahren gibt es immer wieder Diskussionen um die angebliche „Verchristbaumung“ der Landschaft. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Einsatz des umstrittenen Mittels Glyphosat, von angeblich gehäuften Krebserkrankungen im Sinngrund ist die Rede. Unsere Redaktion erhält des Öfteren meist anonyme Zuschriften, in denen unter anderem der Christbaumanbau fälschlicherweise als verboten dargestellt wird und kriminelle Machenschaften behauptet werden wie, die Bauern setzten Gifte im Wasserschutzgebiet ein.

BN befeuert Spekulationen

Befeuert wird die Diskussion durch die Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Main-Spessart, die seit Jahren regelmäßig zur Weihnachtszeit teils mehrere Pressemitteilungen veröffentlicht, in denen vor dem Kauf von Bäumen aus konventionellen Anbau gewarnt wird. Auf Nachfrage der Redaktion bestreitet der Kreisvorsitzende Erwin Scheiner (Karlstadt), dass es sich dabei um eine Kampagne handele. Man setze sich für biologisch erzeugte Weihnachtsbäume ein.

Zu seiner Behauptung vom November 2016, "die Christbaum-Monokulturen im Sinngrund und seinen Nebentälern" seien auf 2000 Hektar angewachsen, merkt er an, diese bis heute auf der Homepage der Kreisgruppe zu findende Angabe beruhe auf einem Missverständnis – es handle sich um circa 400 Hektar. Was die Warnungen anbelange, Pestizidrückstände könnten in die Raumluft gelangen, Christbaumzweige solle man besser nicht zum Abdecken von Gemüsebeeten verwenden und beim Verheizen könne ein "gefährlicher Giftcocktail" entstehen, verweist Erwin Scheiner auf Angaben des BN-Bundes- und Landesverbandes. Untersuchungen, die sich konkret auf den Sinngrund beziehen oder die solche Gefahren überhaupt belegen, gibt es offenbar nicht.

"Kampagne Glyphosat"

Der Gemündener BN-Ortsverbandsvorsitzende Hartmut Haas-Hyronimus spricht von einer „Kampagne Glyphosat“, um das es seinem Verein gehe. Dieses bislang nicht verbotene Mittel fand sich nicht in dem 2017 untersuchten Baum aus Mittelsinn. Keine Erklärung gibt es, warum die BN-Kreisgruppe seit Jahren den konventionellen Christbaumanbau attackiert, nicht aber den Acker- und Weinbau, in dem ebenfalls Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden.

Die Ermittlungen zu dem mysteriösen E605-Fund dauern indes an: Wie kam das Mittel an die zwei Christbäume im Baumarkt? Auch die Betriebsunterlagen des verdächtigten Mittelsinner Landwirts würden noch weiter ausgewertet, berichtet Oberstaatsanwalt Raufeisen auf Anfrage. Der Bauer hat sich noch nicht mit der Frage befasst, ob er seinerseits Anzeige wegen des Giftfundes stellen und Schadensersatz geltend machen kann: "Ich will jetzt erst mal was Schriftliches abwarten."

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