Karlstadt

Als Karlstadt bei "Spiel ohne Grenzen" groß im Fernsehen war

1975 war die Show der ARD am Samstagnachmittag ein Straßenfeger. Heute wären die Kommentare von Erhard Keller wegen Rassismus und Sexismus verboten.  Warum Karscht verlor.
'Spiel ohne Grenzen' 1975 auf dem Karlstadter Marktplatz. Christel Helmreich (links) und Sylvia Burkard gewinnen das Hula-Hoop-Wettlaufen.
"Spiel ohne Grenzen" 1975 auf dem Karlstadter Marktplatz. Christel Helmreich (links) und Sylvia Burkard gewinnen das Hula-Hoop-Wettlaufen. Foto: Heiner Hertlein

Die Älteren erinnern sich sicher: Am 3. Mai vor 45 Jahren wurde Karlstadt zum Mittelpunkt einer Fernsehshow, die damals ein Straßenfeger war: "Spiel ohne Grenzen" fand in Karlstadts guter Stube, auf dem Marktplatz, statt. Wenn die sportliche Spielshow am Samstagnachmittag im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, versammelten sich bundesweit die Fans vor den Bildschirmen und fieberten für eine der beiden Städtemannschaften mit.

Die Weltkarte passte einfach nicht in den Koffer. Wolfgang Münzel konstatiert neben Erhard Keller: 'Es hat keinen Sinn.'
Die Weltkarte passte einfach nicht in den Koffer. Wolfgang Münzel konstatiert neben Erhard Keller: "Es hat keinen Sinn." Foto: Gerhard Blaschke

Seit diesem Ereignis ist der sperrige Ortsname Bietigheim-Bissingen vielen Karschtern ein  Begriff. Aus der 25 Kilometer nördlich von Stuttgart gelegenen Stadt kam das gegnerische Team. Die Moderatoren hatten ihren Spaß daran, den Ort mit BB abzukürzen. Brigitte Bardot war damals en vogue. Noch rumpelte der Verkehr der B 26 und der B 27 übers Kopfsteinpflaster der Karlstadter Hauptstraße. Die war aber für die Show mehrere Tage gesperrt. Mit einer Tribüne vor dem alten Rathaus war sie zur Fernseh-Arena umgestaltet worden. Das Karschter Publikum hegte keine große Sympathie gegenüber den Bietigheim-Bissingern. Gleich beim Einmarsch wurden sie mit Buhrufen empfangen.

Das Motto lautete "Rund im die Welt" 

Der ehemalige Eisschnellläufer und Goldmedaillengewinner Erhard Keller moderierte den Wettbewerb, der in Karlstadt unter dem Motto "Reise um die Welt" stattfand.  Dabei wurden sämtliche denkbaren Klischees erfüllt. Auch war vor 45 Jahren political correctness noch ein Fremdwort. So begrüßte Keller die Mitspieler im schwarzen Kontinent Afrika: "Die Kandidaten haben sich dementsprechend geschmückt. Wir haben hier einen braun gebrannten Neger und eine braun gebrannte Negerin. Hinein in den Dschungel mit euch."

Von einer Palme vor der Sparkasse warf ein als Orang-Utan verkleideter Mitspieler "Kokosnüsse" in Form von Bällen herab. Für Karlstadt musste diese Bernd Endrich nach hinten köpfen, wo seine heutige Frau Sylvia Endrich, die damals noch Burkard hieß, sie fangen musste. Während bei anderen Spielen zum Erdteil passende Musik abgespielt wurde, liefen in dem Fall im Hintergrund moderne Hammondorgel-Klänge. Die Karlstadter waren zu übereifrig und unterlagen ihren Gegnern, die gleichmäßig und hochkonzentriert ihre Aufgabe lösten und aufgrund des von ihnen gesetzten Jokers auch noch vier Punkte einheimsten.        

Karlstadt im Rückstand

Schnell lag Karlstadt 6:0 im Rückstand. Denn schon beim Auftaktspiel, als eine auf den damaligen  Marktplatzplatten liegende Weltkarte zusammengefaltet und in einen Koffer gesteckt werden musste, hatten die Karlstadter das Nachsehen. Das Landkartenbündel war in der Eile zu schlampig zusammengelegt und passte nicht hinein. Wolfgang Münzel, der zusammen mit Christel Helmreich angetreten war, resignierte: "Es hat keinen Sinn."

Die Bürgermeister auf den Dukateneseln.
Die Bürgermeister auf den Dukateneseln. Foto: Gerhard Blaschke

In Mexiko mussten die Mitspieler, die als Kakteen verkleidet waren und nichts sahen, wechselweise zu drei auf Podesten postierten Teammitgliedern laufen und sich dort Blüten "ins Haupthaar" (O-Ton Keller) stecken lassen. Die Teams versuchten ihre Kakteen durch Rufen anzulocken, was aber im Zuschauerlärm weitestgehend unterging. Denn auf dem Marktplatz wurden auch Tröten eingesetzt und es herrschte eine Stimmung wie in einem Fußballstadion. Horst Dahlemann, der für Karlstadt den Kaktus machte, konnte durch irgendein Ritzlein im Kaktus-Kostüm doch etwas sehen. "Setz den Joker", forderte er den Trainer Manfred Schneider auf. Es funktionierte. Nach diesem Sieg sprang die Anzeigetafel am Rathaustor auf 4:6.

Aufforderung: "Lasst euch Zeit!"

Doch das Spiel in Nordamerika brachte Karlstadt wieder stärker in Rückstand. Reinhold Lamprecht stand jedes Mal auf, um einen wassergefüllten Luftballon in seinen riesigen Uncle-Sam-Hut zu werfen. Der Kontrahent aus BB blieb dazu gleich in der Hocke. Der Leichtathlet Edgar Wittmann (Zellingen) dagegen eilte als Eskimo auf Schneeschuhen mit riesigen Schritten und der nötigen Ruhe bei den Geschicklichkeitselementen vorneweg. 8:6 für BB. In Australien mussten drei Kängurus mit übergroßen Füßen Bälle in ihrem Beutel nach Hause bringen. "Lasst euch Zeit!", skandierten die Karschter, als das BB-Team dran war. Dass die Schiedsrichter das 8:8 verkündeten, ging im Jubel der Zuschauer unter.

Schwere Sumoringer mussten über einen Laufsteg geschoben werden.
Schwere Sumoringer mussten über einen Laufsteg geschoben werden. Foto: Gerhard Blaschke

Und dann übernahm Karlstadt gar die Führung. Hawaii war angesagt. "Hier sehen wir, wie lustig die Menschen leben in diesem Paradies", erfüllte Keller auch dieses Klischee. Die Damen mussten Hula-Hoop-Reifen kreisen lassen und dabei über eine Art Laufsteg rennen. Keller sprach immer von "Hula-Hopp". Kurze Röckchen und fleischfarbene Trikots animierten die Zuschauer zum Sprechchor: "Auszieh'n, auszieh'n!" Kellers Kommentar dazu tat sein Übriges: "Nachdem es hier in Karlstadt keinen Nachtclub oder etwas Derartiges gibt, ist es natürlich geradezu eine Augenweide für unsere Zuschauer hier auf dem Platz, einmal etwas Derartiges zu sehen", deutete er an. Christel Helmreich und Sylvia Burkard konzentrierten sich alleine auf den Wettbewerb und brachten Karlstadt mit 10:8 in Führung.

In 30 Metern Stoff verheddert

Der drahtige Bernd Endrich war indes überfordert vom Gewicht der Sumo-Ringer, die anschließend über denselben Laufsteg zu rollen waren. Und wieder einmal hudelte ein Karlstadter Kandidat zu sehr. Denn in Indien waren zu Sitarklängen 30 Meter Stoff als Pluderhose um den Körper und die Beine zu wickeln. Der Karlstadter verhedderte sich völlig.

Der Karlstadter Kosak im Ballon-Parcours.
Der Karlstadter Kosak im Ballon-Parcours. Foto: Heiner Hertlein

Auch die letzten beiden Punkte gingen an BB. In Russland "am stillen Don" mussten zwei Kosaken Kasatschok tanzen und dabei mit einem Nagel an der "feschen Mütze" Wasserballons zum Platzen bringen. Platzende Wasserballons und Schmierseife waren so etwas wie das Markenzeichen von "Spiel ohne Grenzen". Der Endstand lautete 14:10 für Bietigheim-Bissingen. Dieses Team durfte in der internationalen Runde am 3. Juni in Maastricht antreten.

Pech fürs Karlstadter Team 

Bei der Generalprobe am Tag zuvor hatte das Karlstadter Team noch haushoch gewonnen. Für die Fernsehübertragung dann wurden den Kandidaten Aufgaben zugelost, die nicht zu ihnen passten. Um ins Team zu kommen, hatte es in Karlstadt einen Aufnahmetest gegeben. Bei diesem "Casting" waren beispielsweise Wechselsprünge über die Bank gefordert, ein schwerer Mattenwagen war durch Hindernisse zu schieben und mit platten Gymnastikbällen in Basketballkörbe zu zielen. Dann war wöchentliches Training unter der Leitung von Leichtathletiktrainer Heiner Hertlein sowie den Sportlehrern Edgar Burkard und Manfred Schneider angesagt.

Letzterer resümiert: "Eigentlich hat Karlstadt dreimal verloren: Erst am 3. Mai. Dann wurde unter den punkthöchsten Verlierern noch eine internationale Teilnahme ausgelost; Karlstadt zog den Kürzeren. Und am Ende gewann Bietigheim-Bissingen das Gesamtfinale – und die hatten wir mal so hoch geschlagen." 

Das Karlstadter Team für 'Spiel ohne Grenzen'.
Das Karlstadter Team für "Spiel ohne Grenzen". Foto: Stadtverwaltung Karlstadt
Zwischenspiel mit Bürgermeistern
In einem Zwischenspiel durften die Bürgermeister Werner Hofmann für Karlstadt und Karl Mai für Bietigheim-Bissingen antreten und Geld für einen gemeinnützigen Zweck in ihrer Stadt eintreiben. Ein Teammitglied war der Dukatensammler. Er konnte nichts sehen. Die Bürgermeister saßen auf Dukateneseln und brüllten über Megafone jeweils ihrem Mann Befehle zu. Im ohrenbetäubenden Lärm der Zuschauer hörte man eigentlich immer nur "Links!". Am Ende hatte jeder etwa gleich viel eingesammelt. Die Zuschauer forderten "Freibier". Hofmann bestimmte, dass die 1420 Mark dem Altenheim und den Altenclubs zugute kommen sollten.

 

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