Adelsberg

Auch Adelsberg erinnert mit zwei Koffern an seine Juden

Das Denkmal für den „DenkOrt Aumühle” in Würzburg soll in etwa so aussehen. Symbolische Koffer (oder anderes Gepäck) stehen für die von hier aus deportierten jüdischen Unterfranken, auch die aus Gemünden und Adelsberg.
Foto: Projektgruppe DenkOrt | Das Denkmal für den „DenkOrt Aumühle” in Würzburg soll in etwa so aussehen. Symbolische Koffer (oder anderes Gepäck) stehen für die von hier aus deportierten jüdischen Unterfranken, auch die aus Gemünden ...

Schon gleich nach der Beschlussfassung über den „DenkOrt Aumühle“ am 5. März war einigen Stadträten und auch Bürgermeister Jürgen Lippert aufgefallen, dass sie die Entscheidung vielleicht etwas voreilig gefällt hatten: ein Denkmal für die jüdischen Gemündener, aber keines für die Adelsberger. Am Montagabend erfolgte die Reparatur.

Ein Denkmal für die ausgelöschte jüdische Gemeinde in Gemünden sei ausreichend, ein zweites für die in Adelsberg unnötig wegen mangelnden Besucherverkehrs dort – mit dieser Meinung der Mehrheit waren die Räte Hubert Fröhlich und Matthias Risser überstimmt worden, die auch Adelsberg hatten berücksichtigt wissen wollen. Am vergangenen Montagabend fasste der Stadtrat nun auf Vorschlag von Bürgermeister Jürgen Lippert einen neuen Beschluss, diesmal gegen die Stimmen von Helmut Aulbach und Jürgen Ditterich.

Nicht nur Gemünden, sondern auch Adelsberg wird demnach an dem entstehenden Denkmal „DenkOrt Aumühle“ in Würzburg beteiligt. In den Jahren 1941 bis 1942 ließ die nationalsozialistische Regierung vom damaligen Güterbahnhof Aumühle aus die meisten der jüdischen Unterfranken in die Vernichtungslager abtransportieren. Forschungen zufolge wurden hier 1795 der 2068 deportierten Unterfranken „verladen“; von ihnen überlebten nur 60.

„DenkOrt Aumühle“

Die Projektgruppe „Wir wollen uns erinnern“ plant an der Würzburger Aumühle zwischen dem Real-Markt und der Bahnlinie einen „DenkOrt“. Dort ist noch ein Stück original gepflasterter Aufgang zum rückgebauten kleinen Güterbahnhof erhalten. Nach den Vorstellungen des Architekten und Künstlers Matthias Braun soll ein Mahnmal aus witterungsbeständigen Koffern oder anderen Gepäckstücken entstehen – symbolisch ein Koffer je ehemaliger jüdischer Gemeinde, dazu jeweils ein Gegenstück dieses Koffers, der im Heimatort bleibt.

109 jüdische Gemeinden gab es auf dem Gebiet des heutigen Unterfranken; die politischen Gemeinden sind aufgefordert, sich an dem „DenkOrt“ mit den Gepäckstücken zu beteiligen. Das Vorhaben wird unterstützt von – unter anderem – der Israelitischen Gemeinde Würzburg, der Stadt Würzburg, dem Bezirk Unterfranken und der Regierung von Unterfranken.

Das Ende der jüdischen Gemeinden

Im heutigen Main-Spessart-Kreis gab es 1933, als die Nazis an die Regierung kamen, noch 16 jüdische Gemeinden: Mittelsinn, Burgsinn, Rieneck, Gemünden, Adelsberg, Heßdorf, Lohr, Wiesenfeld, Karlstadt, Laudenbach, Arnstein, Thüngen, Urspringen, Karbach, Marktheidenfeld und Homburg. Einige verschwanden unter den Repressalien bald, Adelsberg zum Beispiel 1939. Andere wurden erst zwei Jahre später mit den Deportationen aufgelöst, so wie Gemünden. Diese Orte sind zur Teilnahme aufgerufen. Zugesagt haben bisher Gemünden, Karlstadt (mit dreimal zwei Koffern für Karlstadt, Laudenbach und Wiesenfeld), Urspringen und Marktheidenfeld.

Weitere 200 Kommunen in Unterfranken, die zu Beginn der Nazi-Zeit keine jüdische Gemeinde (mehr) hatten, sind von der DenkOrt-Initiative um Spenden in Höhe von jeweils mindestens 500 Euro gebeten worden. In Main-Spessart hat der Gemeinderat des Marktes Kreuzwertheim vor Kurzem einstimmig beschlossen, 1500 Euro zu spenden. Der letzte Einwohner jüdischen Glaubens hatte Kreuzwertheim 1931 verlassen. Jeweils 50 000 Euro geben die Stadt Würzburg und der Bezirk Unterfranken. Die Kosten für das Mahnmal an der Aumühle schätzt die Projektgruppe „Wir wollen uns erinnern“ auf 230 000 Euro.

2800 Euro bereitgestellt

Gemündens Bürgermeister Lippert veranschlagt für die Aktion jetzt 2800 Euro – 2400 für zweimal zwei identische Koffer aus Beton, gefertigt von einem heimischen Künstler, sowie 400 Euro für Hinweistafeln. Der Gemündener Koffer soll an der Plattnersgasse, wo einst die Synagoge stand, aufgestellt werden. Für den in Adelsberg ist noch ein Platz zu finden.

Die erneute Abstimmung im Rat hatte Lippert unter anderem damit eingeleitet, dass es laut dem Adelsberger Stadtratsmitglied Kilian Blum in seinem Dorf durchaus Interesse an einem solchen Denkmal gebe. Heimatforscher Bernd Wirthmann geht davon aus, dass die jüdische Gemeinde Adelsberg eine der ältesten im Umkreis war. Er hat sich intensiv mit ihr befasst – wir berichteten vor sechs Jahren ausführlich. Blum berichtete, Wirthmann sei heute noch verärgert, erst als 36-Jähriger von der Existenz Adelsberger Juden erfahren zu haben – so tabuisiert war dieses Kapitel Heimatgeschichte. Die 700 Jahre bestehende jüdische Gemeinde hatte sich 1939 aufgelöst.

Stadtrat Matthias Risser wandte sich an Jürgen Lippert: „Ich finde das sehr löblich, dass Sie der Sache noch mal auf den Grund gegangen sind.“ Die Erinnerung an das Nazi-Unrecht sei wichtig, sagte er und führte zur Begründung an: „Die AfD-Anträge im Bundestag sind unmenschenwürdig – vielleicht ist das Gedankengut der Vergangenheit bei manchen schon wieder Gegenwart.“ Lippert darauf: „Ich reiche das Lob weiter an Herrn Blum.“

Zum zweiten Mal fand im September 2017 in Würzburg ein „Weg der Erinnerung” zum ehemaligen Güterbahnhof Aumühle statt, von dem aus ein Teil der jüdischen Unterfranken in die Vernichtungslager deportiert wurde.
Foto: Johannes Kiefer | Zum zweiten Mal fand im September 2017 in Würzburg ein „Weg der Erinnerung” zum ehemaligen Güterbahnhof Aumühle statt, von dem aus ein Teil der jüdischen Unterfranken in die Vernichtungslager deportiert ...
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